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Ultra-Marathon: Brakeler Carsten Drilling beteiligt sich am weltweit ersten „Quarantine Backyard-Rennen“ und schafft 87 Kilometer

Wenn aus der Waschküche ein Basislager wird

Brakel/Zürich. Samstag, 7 Uhr Ortszeit Calgary, Kanada. Weltweit machen sich knapp 2500 Ultra-Läufer auf den Weg zum ersten Quarantine Backyard Ultra. Jeder für sich allein – wie es sich in diesen Zeiten gehört. Mit dabei ist auch der Brakeler Carsten Drilling. Start und Ziel sowie Basislager sind seine Waschküche in Zürich.

Sylvia Rasche

Ultraläufer Carsten Drilling liebt die Berge (hier ein Archivbild). Für den Quarantine Backyard hat er sich eine flachere Strecke ausgesucht und 87 Kilometer geschafft.

„Backyard ist ein neuer Trend in der Ultraszene, der aus den USA nach Europa geschwappt ist“, berichtet der 47-Jährige. Der erfahrne Ultraläufer wird in diesem Sommer das erste Backyard-Rennen in der Schweiz mit Qualifikation für das große Finale in Tennessee ausrichten.

Eigentlich hätte er sich in diesen Wochen auf den ersten seiner beiden geplanten Ultraläufe des Jahres, einem 100-Meilen-Event im Tessin vorbereitet. Da dieser Lauf wegen des Coronavirus bereits abgesagt worden ist, kam der Quarantine Backyard Ultra genau richtig. „Die Regeln sind simpel. Das Rennen startet zur vollen Stunde auf einer Strecke von 6,7 Kilometern. Wer zur nächsten Runde nicht mehr antritt, scheidet aus. Am Ende bleibt nur ein einziger Finisher übrig“, erklärt Carsten Drilling.

Athleten mit Ausgangssperre laufen in der Wohnung

Weltweit haben sich fast 2500 Läufer an der Quarantine-Premiere beteiligt. Carsten Drilling hat sich seinen Kurs auf einem Wanderweg, der direkt an seinem Haus in Zürich vorbeiführt, abgemessen. „Es haben aber auch Leute mitgemacht, die in Gebieten mit Ausgangssperre leben. Einige davon sind auf dem Laufband gelaufen, andere haben sich einen Parcours durch die Wohnung abgesteckt. Da waren viele tolle Einfälle dabei“, berichtet der Brakeler, der seit Jahren in der Schweiz lebt.

Ganze Familie als Unterstützung

Als Unterstützer war seine gesamte Familie im Einsatz. Frau Barbara, selbst erfolgreiche Ultra-Läuferin, sowie die Töchter Rahel und Juna sorgten für die richtige Sportlernahrung in den Pausen und nicht zuletzt auch für die nötige Motivation in der Waschküche, wenn Carsten Drilling dort jeweils nach absolvierten 6,7 Kilometern Station machte. Zwölf Stunden wollte er durchhalten. „Anfangs war ich richtig gut unterwegs und habe sogar gedacht, dass ich auch auf 100 Kilometer oder gar 100 Meilen kommen kann. Am Ende habe ich 87 Kilometer geschafft“, berichtet der Athlet – also eine Stunde mehr als ursprünglich geplant.

In den Pausen konnte er online auch immer andere Mitstreiter beobachten. Das Rennen wurde auf drei Kanälen im Internet live übertragen. Die Teilnehmer haben ihre Daten zudem per GPS hochgeladen, um die gelaufenen Runden zu dokumentieren.

Drilling schafft 13 Runden

Nach 13 Runden war für Drilling Schluss. Fast unglaubliche 65 Runden schaffte ein Amerikaner. Als nach 45 Runden die Schwedin Anna Carlsson ausgestiegen war, lieferten sich der Amerikaner und ein Tscheche noch knapp weitere 20 Stunden (!) einen harten Zweikampf, den der Amerikaner letztlich für sich entschied. „So ein Rennen kann lange dauern. Es gibt kein Zeitlimit. Man muss nur die 6,7 Kilometer immer unter einer Stunde schaffen, um zur nächsten vollen Stunde wieder zu laufen“, beschreibt Carsten Drilling das System.

Im Sommer selbst Veranstalter

Eigentlich sollte seine eigene Premiere als Veranstalter eines solchen Backyard-Rennens über Pfingsten stattfinden. Dann allerdings nicht mit dem Basislager in der eigenen Waschküche, sondern auf dem Gelände eines Züricher Tennisclubs. „Da ich das Rennen als Qualifikation für das Finale in den USA ausrichten darf, möchte ich es in jedem Fall machen. Wenn es Pfingsten noch nicht geht, wird es nach hinten verschoben“, freut sich der Brakeler auf seine Rolle als Veranstalter. Für den Anfang hat er erst einmal nur 25 Startplätze ausgeschrieben und führt eine Warteliste. Wenn es gut klappt, könnten es beim nächsten Mal auch mehr werden.

Im Herbst zum Klassiker nach Griechenland

Mit Ultraläufen kennt sich der Brakeler bestens aus. Er hat unter anderem die 330-Kilometer-Non-stop im Aostatal mit 25000 Höhenmetern (Tor des Geants) und das Dragon´s Back Race, ein Etappenrennen längs durch Wales, erfolgreich bestritten. Ein weiterer Meilenstein ist im Herbst geplant. 246 Kilometer von Athen nach Sparta stehen beim Spartathlon auf dem Programm. Das Zeitlimit liegt bei 36 Stunden. „Das ist zwar ein reiner Straßenlauf und damit eigentlich nichts für mich als Trailläufer“, meint das Mitglied der Non-Stop-Ultra Brakel. Ein Vortrag über das Rennen hat ihn aber so begeistert, dass er es selbst mal in Angriff nehmen wollte. „Der Spartathlon ist die Mutter aller Ultraläufe, ein absoluter Klassiker und da meine 100 Meilen des Western States Endurance als Qualifikation zählten, habe ich mich beworben und einen Startplatz bekommen“, berichtet der 47-Jährige. Als Lohn für die Mühen gibt es im Ziel übrigens ganz stilecht einen Lorbeerkranz.

Aber so weit ist es noch lange nicht. Erstmal ist Carsten Drilling in der neuen Rolle als Veranstalter gefragt. Wenn es über die Pfingsttage nichts werden sollte, dann zu einem späteren Zeitpunkt. Hoffentlich pünktlich, um einen Athleten zum Finale im Oktober nach Tennessee schicken zu können.

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