1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Lokalsport
  4. >
  5. Hoexter
  6. >
  7. Arbeitsweg als Laufeinheit

  8. >

Meine Corona-Pause: Spitzenathlet Jan Kaschura integriert Training geschickt in den Alltag

Arbeitsweg als Laufeinheit

Holzminden.

Früh morgens vor der Arbeit und nach Feierabend zieht Jan Kaschura das Tempo an. Auf dem Schotterweg vor dem Unterhaus des Internats Solling in Holzminden enden und starten fast täglich die Läufe des 35-jährigen Familienvaters. Und dabei lernt er seine neue Heimat noch besser kennen.

René Wenzel

Vor dem Unterhaus des Internats Solling in Holzminden enden und starten aktuell viele Läufe von Jan Kaschura. Foto: René Wenzel

Ob A wie „Alter Postweg“ oder Z wie „Ziegeleiweg“ – Kaschura kennt inzwischen alle Straßen in Holzminden. Im Sommer setzte er sich das Ziel, vor und nach der Arbeit immer wieder neue Straßen zwischen der Weser und dem Solling kennenzulernen. Sogar in den Holzmindener Stadtteilen Neuhaus, Fohlenplacken, Silberborn oder Mühlenberg kennt der Koch fast jede Ecke. „Every Single Street“ nennt sich die abwechslungsreiche Herausforderung. Zehn bis zwölf Kilometer zur Arbeit hin und zwischen drei und zehn wieder zurück läuft der 35-Jährige etwa viermal pro Woche. An seinem freien Dienstag steht eine schnellere Einheit mit beispielsweise acht Mal 1000 Metern am Berg an. „Und am Wochenende lege ich dann so zwischen 35 und 40 Kilometer zurück“, erklärt Kaschura.

90 Minuten am Abend Zeit für die Tochter

Der Tagesablauf des Spitzenläufers ist seit Mai stark verändert. Tochter Fiona steht jetzt im Mittelpunkt. „Ich wache um halb sechs morgens auf, laufe um zehn vor sechs los und muss dann ab sieben Uhr arbeiten. Ich versuche abends spätestens gegen 16.30 Uhr zu Hause zu sein, da Fiona meistens um 18 Uhr schlafen geht. So habe ich noch knapp 90 Minuten etwas von ihr“, sagt der 35-Jährige. Mit seiner Tochter und seiner Frau Stella kombiniert Kaschura am liebsten seine Krafteinheiten im Obergeschoss des eigenen Hauses. Auf der Gymnastikmatte liegt Fiona auch mal zwischen Mama und Papa. Und zwischen den Gewichten und Geräten.

Beim Laufen ist das kleine Mädchen nicht mit dabei. Es ist aber nur noch eine Frage der Zeit. Denn etwas Tempo mit dem Kinderwagen mache Fiona auch schon viel Spaß. „Wenn sie bald richtig sitzen kann, werde ich öfters mal an der Weser statt im Wald laufen“, sagt Kaschura, der von den Strecken im Solling besonders schwärmt: „Ich liebe Bäume und den Wald.“ Da stecken dann auch keine Kopfhörer in seinen Ohren. Die knisternden Geräusche des Bodens. Das Rascheln der Blätter. Oder das Zwitschern der Vögel – für den 35-Jährigen alles viel besser als jeder Rock-Klassiker.

Ith-Hils-Weg als nächste Herausforderung

Beim nächsten Lauf mit leichtem Wettkampf-Charakter geht es für den gebürtigen Preußisch Oldendorfer am 19. Dezember bereits zum vierten Mal um die sogenannte „Fastest Known Time“ – also die schnellste, nachgewiesene Zeit für eine bestimmte Route oder Strecke. Die Wahl fiel auf den Ith-Hils-Weg. Natürlich mit viel Waldanteil. Gut 80 Kilometer führt die Strecke durch die vielfältige Landschaft zwischen Weser und Leine. „Das will ich in sieben Stunden schaffen. Die aktuelle Bestzeit liegt bei 8:30 Stunden“, so Kaschura. Er verzeichnet mit Blick auf die etwas ungewohnten Läufe ohne direkten Kontakt zu anderen Athleten keine Motivationsprobleme. „Ich gehe laufen, weil ich Freude daran habe. Und das jeden Tag“, betont der 35-Jährige.

So richtig aktiv in dieser Szene ist der Koch erst seit etwa acht Jahren. Kaschura spielte bis Mitte 20 Fußball beim MTV Bevern. Natürlich im defensiven Mittelfeld. Die Position mit den meisten Laufanteilen. Der gebürtige Ostwestfale rauchte zwei Schachteln Zigaretten am Tag, ernährte sich nicht so gesund wie heute. „Und mittlerweile gehöre ich zu den 50 besten Marathonläufern in Deutschland“, sagt der Familienvater über den steilen Verlauf seiner sportlichen Karriere. Eigentlich war mit etwa 35 das Ende geplant. Doch jetzt peilt Kaschura noch Höchstleistungen mit 40 an: „Mein großes Ziel ist es, dass ich mit 80 noch laufen gehen kann. Ich möchte ganz lange noch sportlich und mobil sein.“

Kurz gefragt

Kraft- oder Lauftraining: Was für eine Frage – natürlich laufen. Krafttraining mache ich zusätzlich noch zweimal pro Woche. Denn der Bauch und der Rumpf werden beim Laufen zu sehr vernachlässigt.

Bringdienst oder selber kochen: Zu Hause koche ich ganz selten. Mir wird immer vorgeworfen, dass ich danach nicht aufräume. (lacht) Ich liebe das Essen von meiner Frau. Spaghetti Carbonara kann sie am besten. Und wenn mal ein bisschen Salz fehlt, nimmt es mir Stella auch nicht übel. Aber das kommt vielleicht alle vier Wochen vor. Und so überhaupt nicht schmeckt es nur einmal im Jahr. (lacht)

Playstation oder Netflix: Ich zocke sehr gerne Sportspiele wie FIFA oder Formel 1 auf der Playstation – manchmal auch Red Dead Redemption oder SimCity. Abends auf der Coach schaue ich mit meiner Frau aktuell die Amazon-Serie Mr. Robot.

Podcast oder Buch: Ich lese sehr viele Trainingsbücher. Stella hat mir aber auch schon einen Podcast empfohlen. Ich werde mir wohl bald mal von Jan Fitschen „Laufen ist einfach“ anhören.

Spotify oder Radio: Im Radio spiele ich am liebsten den Sender „Star FM“ ab. Die übertragen viel Rock-Musik. Früher habe ich auch beim Laufen Musik gehört. Heute finde ich Naturgeräusche besser. Auf der Arbeit beim Kochen funktioniert aber ohne Musik überhaupt nichts.

Lieblingsseite im Internet: Unter www.ultra-marathon.org informiere ich mich über anstehende Läufe oder die Ergebnisse von anderen Athleten.

Sportlerbiografie: Da habe ich keinen Favoriten.

Corona-Rituale: Ich habe kaum etwas anders gemacht in den vergangenen Monaten. Was einem fehlt, sind die Besuche bei den Großeltern. Gerade für unsere Tochter Fiona ist das sehr schade.

Startseite