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Fußball-Landesliga: Gunnar Schladitz springt in Espelkamp als Schiedsrichter ein

Erst Bier, dann Fahne

Espelkamp  (WB). Gunnar Schladitz nippt gerade von seinem Halbzeit-Bier, als plötzlich Schiedsrichter Gürhan Celik im Vereinsheim hinter ihm steht. »Gunnar, kommst du bitte schnell? Du musst aushelfen«, erteilt der junge Unparteiische seinem Freund und Kollegen aus dem Fußballkreis Minden einen spontanen Dienstauftrag für das nebenan laufende Landesliga-Duell zwischen Preußen Espelkamp und dem VfL Holsen. Der 60-jährige Schladitz, lange selbst Landesliga-Schiri und immer noch auf Kreisebene an der Pfeife, zögert keinen Moment und eilt Celik hinterher.

Alexander Grohmann

Spontan eingesprungen: Gunnar Schladitz (links), eigentlich nur als Zuschauer in Espelkamp, wartet mit Marijan Zalovic und Hauptschiedsrichter Gürhan Celik auf den Beginn der zweiten Halbzeit. Assistent Johannes Kuse hatte einen Schwächeanfall erlitten. Foto: Alexander Grohmann

Kurios: Celiks Assistent Johannes Kuse hatte nach der ersten Halbzeit einen Schwächeanfall erlitten. Der Kreislauf war im Keller. Möglicherweise hatte dem früheren Schlussmann des SV Hausberge das Extrem-Wetter zugesetzt. Ein eisiger Wind peitschte Zuschauern und Spielern bereits in der ersten Halbzeit den Regen ins Gesicht. Die zu Dutzenden aufgespannten Schirme schützten vor einem Teil der Nässe, nicht aber vor der beißenden Kälte, die durch jegliche Kleidung drang.

Gunnar Schladitz

Kuse muss in der Pause kapitulieren. Dass mit Schladitz ein erfahrener Ersatz zur Verfügung steht, ist allerdings reiner Zufall. »Eigentlich sollte ich heute ein ­B-Liga-Spiel in Eisbergen pfeifen. Weil das ausgefallen ist, bin ich zur moralischen Unterstützung meiner Kollegen nach Espelkamp gefahren«, berichtet Schladitz, der unverhofft vom Zuschauer zum Protagonisten avanciert.

Ein Problem gibt es: Schladitz, der Brillenträger ist, hat seine Kontaktlinsen nicht mit dabei. Als die zweite Halbzeit mit neunminütiger Verzögerung beginnt, behält der Fahnenträger bei einsetzendem Schneefall dennoch den Durchblick, indem er sich immer wieder die Gläser trocken rubbelt. Während Schladitz (in eigenen Turnschuhen, aber geliehenem Dress) an der Linie rauf und runter rennt, ­kümmert sich seine Frau um den in der Kabine gebliebenen Kuse. Perfekte Arbeitsteilung!

Gespann unter Beobachtung

Für Gürhan Celik, der zum Kreis der Anwärter auf den Sprung in die Westfalenliga zählt, ist der Vorfall zusätzlicher Stress. Der 20-Jährige von der SV Bölhorst-Häverstädt steht mit seinem Gespann unter Beobachtung. Und das Landesliga-Duell der Kategorie 2 (schwieriges Spiel) hat noch weitere Tücken zu bieten. Im dichten Schneefall wird die Sicht von Minute zu Minute schlechter. »Unsere Funkfahnen sind zudem ausgefallen. Wir mussten wie ­ früher ­ohne Funk pfeifen«, sagt Celik, der eines der anspruchsvollsten Spiele seiner Laufbahn aber gut über die Bühne bringt.

Der Abpfiff ist dennoch eine Erlösung für alle. Die Zuschauer eilen zu ihren Autos, Spieler beider Teams sprinten in die Kabine. Bloß ins Warme! Freude herrscht nur bei den Gästen aus Holsen, die bei ihrem 2:1 (0:0)-Sieg einen eiskalten Auftritt mit den gut herausgespielten Treffern von Omar Khaled (60., 71.) gezeigt hatten.

Der Tabellendritte zieht aber auch alle Register und kassiert für sein theatralisches Verhalten einen »Schauspiel-Vorwurf« von Preußen-Coach Tim Daseking, der die Holser zudem für das ständige Einwirken auf die Schiedsrichter kritisiert: »Ich will so etwas von meiner Mannschaft nicht sehen. Leider haben wir uns am Ende etwas anstecken lassen. Wenn wir bei einem Holser Handspiel kurz vor Schluss nicht gleich reklamieren, wird das anschließende Foul an Yasin Köse im Strafraum vielleicht geahndet«, sagt Daseking.

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