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Fußball: Abdoulaye Barry hat lange Flucht hinter sich – Ehrenamt öffnet Jugendcoach des FC Lübbecke auch neue Türen

Ein Kämpfer in allen Lebenslagen

LübbeckeLübbecke

Abdoulaye Djibrile Barry lebt seit vier Jahren in Lübbecke. Nach seiner Flucht aus Guinea hat dem 23-Jährigen auch der Fußball Halt gegeben. Barry machte den Trainerschein und betreut ein Jugendteam des FC Lübbecke.

Jan Benedikt Meier 

Foto: Jan Benedikt Meier

Abdoulaye Djibrile Barry hat viel erlebt und viel zu erzählen: von seinem Leben in Guinea und der Flucht ohne Eltern. Von seinem Gefängnisaufenthalt und dem Weg hinaus. Von den verschiedenen Ländern und den verschiedenen Menschen, denen er begegnet ist. Von dem Leben als Flüchtling in Deutschland und seinem Wunsch für die Zukunft. Von seiner Liebe zum Fußball entgegen dem Willen seiner Eltern. Von einer schweren Verletzung, die ihn nicht entkräftet, sondern gestärkt hat.

Der 23-Jährige ist ein Kämpfer in allen Lebenslagen. Mittlerweile trainiert er die D-2-Jugend des FC Lübbecke und nimmt an dem vom DFB organisierten Leadership-Programm für Menschen mit Fluchterfahrungen teil. Sein Ziel: Er will sich noch mehr im Verein engagieren und seine Erfahrungen an die Kinder weitergeben. Und: „Ich will, dass irgendwann ein Spieler, den ich mal als Trainer betreut habe, Profi wird. Das wäre sehr besonders.“

Abdoulaye Barry über seine gefährliche Flucht

Besonders ist auch das Ereignis, das sein Leben verändert: Anfang 2013 kommt es in Barrys Heimatland Guinea zu Demonstrationen. „Da wurde ich festgenommen und geschlagen. Ich habe davon eine Narbe im Bein. Das schmerzt heute noch.“ Im Oktober 2013 flieht er aus Guinea. Ohne seine Eltern, die er erst 2017 wieder sieht („Meine ganze Familie dachte, ich sei gestorben“).

Über Guinea-Bissau, Mali Bamoko, Burkina Faso und Niger landet Barry in Libyen. Im Gefängnis. „Seit 2014 war da Krieg, fremde Leute wurden sofort festgenommen“, berichtet er. „Manche wurden schlecht behandelt, hatten kein Essen und nur Salzwasser zum Trinken.“ Barry hat Glück: „Ein älterer Mann half mir, er meinte: ‚Du bist noch jung, erst 17. Du darfst gar nicht ins Gefängnis!‘“

Nach Odyssee durch viele Länder endlich am Ziel

Doch auch in den folgenden Fluchtorten, Tripolis und Sabrata (Libyen), lebt Barry nicht sicher. Es wird geschossen und Barry wird attackiert. Er kommt schließlich nach Italien, wo er zwar ohne Krieg, aber dafür unter schlechten Bedingungen leben muss.

Es folgt die nächste Flucht – nach Deutschland: Am 4. September 2016 kommt er in Freiburg an. Der Weg ins beschauliche Lübbecke? „Das wurde durch das Asylverfahren geregelt.“ Über Essen, Düsseldorf und das Flüchtlingslager in Rheinberg wird er im Dezember 2016 nach Lübbecke geschickt. Nach der Odyssee durch viele Länder hat er hier seit vier Jahren endlich einen festen Standort. Und eine neue Heimat? „Wenn ich sage, ich fühle mich wie zu Hause, dann kommt ein anderer und fragt: ‚Woher kommst du?‘ Wie soll ich mich dann zu Hause fühlen?“, entgegnet er. Aber so viel steht fest: „Es gefällt mir, hier zu wohnen, und ich habe viele Leute durch das Ehrenamt kennengelernt.“

Die Kinder haben bei seinen Trainingseinheiten viel Spaß: Abdoulaye Barry hat die D-2-Jugend des FC Lübbecke unter seinen Fittichen. Sein Ziel als Nachwuchscoach: einen Spieler einmal groß rausbringen. Foto: Jan Benedikt Meier

Fußball hier, Fußball da: Trotz all der Strapazen hat Barry die Liebe zum runden Leder nie verloren. Schon in Guinea spielt er als Junge für sein Leben gern, sogar gegen den Willen seiner Eltern. Koran, Schule, Arbeiten: So soll Barrys Alltag aussehen. Soll. „Ich versteckte mich, um Fußball spielen zu können, tat alles dafür. Wenn ich nach Hause zurückkam, hat es Ärger gegeben.“ Trotzdem bleibt Barry weiter am Ball: „Seitdem ich etwas größer war, habe ich dann mit Jungs auf der Straße, ohne Schuhe, Fußball gespielt.“ Im Kopf einen Traum: „Ich wollte Profi werden, doch in Guinea ist die Möglichkeit sehr klein. Hier in Deutschland gibt es für jedes Alter eine Gruppe und der Verein unterstützt die Kinder. In Guinea gibt es solche Strukturen nicht.“

Abdoulaye Barry

Bis zu seiner schweren Verletzung im April 2018 spielt Barry auch in Deutschland Fußball, bis er sich in einem Spiel schwer verletzt. Sie führt zu einem Umdenken. „Mein Unterschenkel war gebrochen, ich hatte fünf Operationen. Die Ärzte meinten, ich kann nicht mehr so spielen wie früher.“ Statt in Selbstmitleid zu fallen, will er seiner Liebe zu dem Sport weiter nachgehen. „Ich mag es, jungen Leuten zu helfen, mit dem, was ich kann.“ Die Entscheidung reift: Barry will Fußballtrainer werden!

Er lernt daraufhin seinen heutigen Mentor Joachim Schramm, aktiver Schiedsrichter, kennen. Dieser organisiert ein Treffen mit Peter Dahm (Trainer B-Jugend FC Lübbecke), um Barrys Bestrebungen zu unterstützen. Nach einer Saison als Co-Trainer der C-Jugend folgt dann die Beförderung zum Cheftrainer bei den D-2-Junioren des FC Lübbecke. „Ich war überwältigt von dem Vertrauen, mir eine ganze Mannschaft zu geben. Sie sagten: ‚Dein Engagement und dein Wille ist top. Das brauchen wir und deswegen helfen wir auch gerne.“

Für C-Lizenz-Lehrgang angemeldet

Abdoulaye Barry will seine Chance unbedingt nutzen: Er meldet sich sofort bei einem Trainerlehrgang C-Lizenz an und arbeitet akribisch an Trainingsmethoden, um seine Mannschaft auf eine schwere Saison vorzubereiten. „Wir sind die einzige Zweitvertretung in der Kreisliga B. Wir arbeiten daran, stark zu sein.“

Er hat die Motivation, seine jungen Schützlinge fußballerisch weiterzubringen, das wird schnell klar. „Für mich hat es mit dem Traum vom Fußballprofi nicht geklappt. Ich will jetzt Trainer sein. Die Arbeit mit den Kindern macht mir total viel Spaß. Mein kleines Wissen an sie weiterzugeben, ist toll, das will ich weitermachen. Ein Traum wäre es, einen Spieler als Profi zu sehen, den ich mal betreut habe. Das wäre besonders.“

Keine Zeit zum Ausruhen: Barry will weiterkommen

Auch abseits des Platzes hat sich Barry in Deutschland akklimatisiert. In seinem Berufsleben konnte er in den vier Jahren bereits etliche Erfahrungen sammeln. So arbeitete er bei der Firma Titkemeier, der Tischlerei Diekmann, als Rezeptionshelfer bei der Physiotherapeutin Bettina Bautz, in der Podologiepraxis Joana Weingärtner, in einem Altenheim und aktuell in einem Café in Hille. Zudem bildet sich Barry weiter.

„Ich habe eine Prüfung gemacht und ein Zertifikat als Fuß- und Handreflexionsmasseur bekommen.“ Sein Wunsch: Therapeut zu werden. Dieser Gedanke ist schon in seiner Zeit bei der Praxis Bautz in ihm gereift.

Da er dafür jedoch einen Realschulabschluss braucht, muss Barry erst mal wieder die Schulbank drücken. Genauso wichtig wie die Erfahrungen sind für ihn die Menschen, die ihn auf den Stationen begleitet haben. „Dieter Clever hat mir dabei geholfen, meine Bewerbungen zu schreiben. Auch Marianne Goch und nicht zuletzt Kristine Dryer haben mir sehr geholfen.“ Mittlerweile spricht Barry fließend Deutsch. Das war nicht immer so: „Als ich bei der Firma Titkemeier mein Praktikum gemacht habe, konnte ich noch kaum Deutsch“, erinnert sich Barry. Doch seinem Wunsch nach Förderung seiner Deutschkenntnisse wurde immer wieder ein Riegel vorgeschoben, da er nicht aus einem Risikogebiet stammt.

Abdoulaye Barry

Mit der Hilfe von Frau Bautz will Barry 2018 das Sprachniveau B1 absolvieren. Obwohl sie der Meinung ist, die Prüfung sei zu schwer für ihn, meldet er sich an. Obwohl? Vielleicht sogar gerade deswegen: Barrys Kampfgeist ist geweckt. Er hat ein gesundes Vertrauen in die eigenen Stärken, versteckt sich nicht und will weiter kommen. Doch auch er weiß: ohne Fleiß kein Preis. „Dann habe ich geübt, geübt und geübt. Egal ob zu Hause, im Internet oder mit Frau Bautz. Ich habe drei B-1 Bücher von ihr bekommen, die ich alle ausgefüllt habe. Dann habe ich mich für die Prüfung im Februar 2019 angemeldet, die mich 160 Euro gekostet hat.“ Doch Barry besteht! Seit August macht er nun seinen Realschulabschluss, den er 2022 abschließen will.

Ausbildung zum Therapeuten ist das Ziel

Bis November steht der FCL-Nachwuchscoach noch zweimal pro Woche auf dem Trainingsplatz, hat mit seinem Team samstags ein Spiel und geht sonntags arbeiten. Dann folgt der erneute Corona-Ausbruch. Barry muss umplanen, tut dies auch: „Ich mache zu Hause Stabilitätsübungen und verschicke das als Video an die Spieler. Außerdem läuft jeder einzeln 45 Minuten pro Woche.“ Das Café, in dem er arbeitet ist geschlossen, doch Barry weiß schon, wie es weitergeht: Ab Sommer beginnt er eine zweijährige Ausbildung am Wittekindshof zum Sozialassistenten mit Schwerpunkt zur Heilerziehung. „Das ist der beste Weg für mich“, schwärmt Barry, der im Anschluss an die Ausbildung dann seine Therapeutenausbildung beginnen will.

Das Leadership-Programm des DFB für Menschen mit Fluchterfahrung, das im Dezember beginnen sollte, ist auf März verschoben worden. Barry hat sich für das Programm mit seinem Lübbecker Mentor und Ziehvater Joachim Schramm im Oktober beworben und wurde gleich angenommen. Sein Ziel: Noch mehr Verantwortung und Engagement im Verein zeigen und sich auf den Beruf des Trainers zu „spezialisieren, fokussieren“. Und weiter zu kämpfen. In allen Lebenslagen.

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