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4000 Kilometer in zehn Wochen: Extremhindernisläuferin Aline Barre durchquert Neuseeland auf dem Rad

Erst pure Freiheit, dann Quarantäne

Lübbecke (WB). Ihr Trip begann mit grenzenloser Freiheit und endete in einem Gefängnis. Nun hockt Aline Barre in der vorgeschriebenen Quarantäne in Lübbecke und blickt mit Dankbarkeit auf die 13 Wochen in Neuseeland zurück: „Es war eine unglaublich tolle Erfahrung“, sagt die Extremhindernisläuferin über ihr Abenteuer am anderen Ende der Welt, bei dem sie ihren Willen schulte – und unvergessliche ­Momente erlebte.

Alexander Grohmann

Unendliche Weiten: Aline Barre reiste mit dem Rad quer durch Neuseeland. Mehr als 4000 Kilometer durch traumhafte Natur absolvierte das Lübbecker Sport-Ass – mit Gepäck.

Doch der Reihe nach: Mitte ­Januar beginnt die IT-Studentin ihre Reise. Der Plan steht: Die Lübbeckerin will Neuseeland in zehn Wochen auf dem Rad erkunden. Eine Fußverletzung hatte die 21-Jährige zuvor lange ausgebremst. „Radfahren hatte mir der Arzt aber erlaubt“, berichtet Barre, die im Extremhindernislauf eine Klasse für sich ist und für die EM in Italien Ende Juni qualifiziert war. Der Wettkampf ist wegen der Corona-Pandemie abgesagt.

Extrem ist auch das Pensum, das sie in Neuseeland leistet. 4055 Kilometer mit sage und schreibe 46.548 Höhenmetern spult die 21-Jährige auf ihrer zehnwöchigen Tour ab. „Das war schon sportlich“, lacht Barre. Auf fremdem Terrain muss sich Aline am 14. Januar zum Glück nicht allein ins Abenteuer stürzen. Vor Ort lernt sie den Kanadier ­Jared kennen, dem die gleiche Tour vorschwebt. Nur ein Rad, ein Zelt und das Notwendigste an Gepäck. Der Trip kann starten. „Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf der gleichen Wellenlänge liegen“, beschreibt Barre die deutsch-kanadische „Schicksalsgemeinschaft“.

In Auckland kauft sich Aline das Rad, das zum zweiten wichtigen Begleiter wird. Auch wenn sie von Hindernisläufen viel gewohnt ist, merkt sie schnell, dass Radfahren etwas komplett Anderes ist. „Von Auckland ging es in die Nordlands, wo ich die ersten zwei Wochen echt zu kämpfen hatte. Das Fahren mit all den Taschen und auf der falschen Straßenseite hat sich unsicher angefühlt. Am Anfang habe ich bei jedem Auto gehofft, dass es mich früh genug sieht.“ Dazu kommt die ungewohnte Belastung. „Ich hatte mit den vielen Höhenmetern zu kämpfen und musste sogar ab und an einen Berg hochschieben. Die ersten ­Wochen habe ich mehr mit dem Rad gekämpft als wirklich Spaß gehabt“, berichtet Barre, die von ihrem Durchhaltevermögen profitiert.

Aline Barre

Dann beginnt es allmählich zu rollen. Malerische Landschaften, unberührte Natur: Am Eastcape wird die Tour in der dritten ­Woche zum Genuss. Manchmal motiviert beim Treten durch einsame Landschaften auch die Aussicht auf ein Ziel. „Ein Tag war nur darauf ausgerichtet, vor der Schließung beim 100 Kilometer entfernten Supermarkt zu sein, da wir nur noch ein paar Hafer­flocken hatten“, schildert die Lübbeckerin.

Immer wieder warten besondere Momente. „Nach einer tollen Radfahrstrecke mit vielen Hügeln und Aussichten haben wir eine Nacht bei Maoris geschlafen. Das war unglaublich.“ Ohnehin entpuppen sich die Neuseeländer als überaus gastfreundlich. „Oft haben wir auf Wiesen von Farmern gezeltet. Die haben uns häufig auf einen Kaffee ins Haus eingeladen“, berichtet Barre.

Abgestiegen: Aline Barre in der neuseeländischen Natur. Der ein oder andere Berg entpuppte sich für das Tourenrad mit Gepäck als zu steil, aber bei 45.000 abgespulten Höhenmetern darf man auch mal schieben. Foto:

In der fünften Woche muss Aline wegen aufkommender Knieprobleme ihr Tempo drosseln. Dennoch reicht es für eine Wanderung auf den Mount Teranakis. „Ein Highlight des Trips.“ Im Süden schlägt das Wetter um: Auf der letzten Etappe von Dunedin nach Christchurch geht es bei heftigem Gegenwind kaum noch voran. „Da kam man auf gerader Strecke auf 5 km/h.“ Am Ziel in Christchurch angekommen, wartet auf das Reiseduo eine Überraschung. „Vom Lockdown wegen Corona hatten wir gar nichts mitbekommen.“ Nun holt auch Aline Barre die Wirklichkeit ein. Denn der Flug, der sie nach Deutschland bringen sollte, ist gestrichen worden. Nach mehr als 4000 Kilometern also das erste echte Problem.

Irgendwie der Situation angemessen: Aline kommt in der „Jailhouse Accommodation“ unter, ein zu einem Hostel umgebautes ehemaliges Gefängnis. Hier muss sie noch drei Wochen ausharren. Denn auch zwei weitere Versuche, einen Flug zu erwischen, scheitern. „Die neuseeländische Regierung hat strenge Regelungen erlassen. Nur zum Einkaufen und Sportreiben durfte man raus.“ Wie eine Gefangene fühlt sie sich dennoch nicht. Die 21-Jährige kauft sich einfach ein Paar Laufschuhe und treibt Sport. „Außerdem habe ich in der Zeit im Hostel viele nette Menschen kennengelernt.“

Anfang dieser Woche gibt die Botschaft schließlich grünes Licht: Barre sitzt in einem der letzten Flugzeuge Richtung Deutschland. „Das war bis auf den letzten Platz besetzt“, sagt die Lübbeckerin, die sich jetzt für zwei Wochen in heimischer Quarantäne befindet. Das fällt nach dem Sport-Abenteuer und der Freiheit auf dem Rad umso schwerer. „Ich habe aber eine Rolle, auf der ich fahren kann.“

Aline Barre weiß ihr Glück zu schätzen. „Bei mir hat ja alles geklappt. Ich habe aber auch Leute getroffen, die gerade eine Weltreise begonnen und dafür ihren Job gekündigt hatten. Die mussten auch nach Hause“, so die Lüb­beckerin, die von ihren Erfahrungen lange wird zehren können. Auch in sportlicher Hinsicht. „Ich bin bestimmt fitter als vorher.“

Lübbecke

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