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Reitsport: Neu eingeführte Helmpflicht in der Dressur löst auch bei Aushängeschildern im Mühlenkreis Diskussionen aus

Zylinder-Verbot sorgt für Zündstoff

Minden/Lübbecke

In Dressurprüfungen gilt neuerdings auch in Deutschland die „Helmpflicht“. Der Abschied vom traditionellen Zylinder stößt auch bei Aushängeschildern des Altkreises auf Ablehnung. Sie fordern zumindest Wahlfreiheit bei der Kopfbedeckung

Sonja Rohlfing

Eleganz im Dressur-Parcours: Dazu gehört, wie bei Uwe Düker, auch das Outfit. Der Zylinder soll nun aber dauerhaft von der Kappe ersetzt werden. Der Westfalenmeister aus Hille hält das für übertrieben und plädiert für Wahlfreiheit. Foto: Sonja Rohlfing

Eigentlich stehen Anfang des Jahres mit dem K+K-Cup in Münster für die Pferdesportler aus den Kreisreiterverbänden die ersten mittelschweren Dressurprüfungen an. Zur festlichen Atmosphäre beim „Westfalen-Tag“ in den Münsterlandhallen trägt so mancher der Aktiven im Viereck gern einen Zylinder. Der K+K-Cup fällt in diesem Winter wegen der Corona-Pandemie aus. Das Turnier kommt wieder. Der Dressur-Zylinder bleibt von nun an jedoch im Schrank.

Ute Fisser-Hülsmeier, Vorsitzende des Kreisreiterverbandes Minden-Lübbecke, trägt gerne die Kappe, ist aber bei Personen ab 18 Jahren ebenfalls für Wahlfreiheit. Denn: „Dressur hat auch mit Ästhetik zu tun.“ Foto: Sonja Rohlfing

Seit 1. Januar 2021 ist ein Reithelm in allen nationalen und internationalen Dressurprüfungen vorgeschrieben. Das hat der Weltreiterverband (FEI) aus Sicherheitsgründen beschlossen und auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) so umgesetzt. Bislang konnten erwachsene Dressurreiter selbst entscheiden, ob sie in höheren Prüfungen eine Reitkappe oder einen Zylinder tragen. Das Aus für den Zylinder hat bei den Aktien zu einem unterschiedlichen Echo geführt.

Auf Bundesebene namhafteste Kritikerin einer Helmpflicht ist Isabell Werth. Die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt hat sich mit mehr als 100 Kollegen in einer Petition an die FEI gewandt. „Uns geht es darum, als erwachsener und erfahrener Dressurreiter die Wahlfreiheit zu haben“, erklärte die Dressurkönigin. Sie habe bis heute nicht davon gehört, dass es im Dressursport in der Grand Prix-Klasse schon einmal einen schwerwiegenden Unfall gegeben hat. Es gibt aber auch Dressurreiter, die für eine komplette Helmpflicht sind. So trägt Vielseitigkeits-Europameisterin Ingrid Klimke zum Beispiel in der Dressur immer eine Kappe.

Zu den Befürwortern der Wahlfreiheit gehört die Vorsitzende des Kreisreiterverbandes Minden-Lübbecke, Ute Fisser-Hülsmeier. „Dressur hat auch mit Ästhetik zu tun. Zylinder und Frack gehören einfach zusammen. Darum bin ich definitiv dafür, dass ab 18 Jahren jeder selbst entscheiden darf“, betont die Hillerin. Sie selbst hat sich für die Reitkappe entschieden. „Weil ich viel mit jungen Pferden unterwegs bin und weil ich es einfach bequemer finde“, sagt Ute Fisser-Hülsmeier.

Wolfram Wittig, Reitmeister aus Rahden und Ex-Coach von Isabell Werth

„Der Sicherheitsaspekt steht immer an erster Stelle. Jeder Verletzte ist einer zu viel“, erklärt Reitmeister Wolfram Wittig aus Rahden. Allerdings gibt der 62-Jährige zu bedenken: „Hier ging es um Championate wie CHIO Aachen, Welt- oder Europameisterschaften und darum, im Spitzensport eine Wahlmöglichkeit zu haben“, verdeutlicht der Pferdewirtschaftsmeister, der etliche Jahre Isabell Werth trainiert hat.

„Wir haben in Deutschland über 400 Tote pro Jahr durch Ertrinken. Es verlangt aber keiner von Olympioniken, mit Schwimmflügeln ins Wasser zu springen“, merkt Wittig an. Eine vernünftige Lösung im Erwachsenenbereich wäre gewesen, auf dem Abreiteplatz einen Helm vorzuschreiben und in der Prüfung auch einen Zylinder zu erlauben. „Auf dem Abreiteplatz verbringt man die deutlich längere Zeit, dort gibt es andere Reiter und Gegenverkehr“, verdeutlicht der Rahdener. Im Viereck sei ihm von keinem Schwerverletzten bekannt.

Der Rahdener Dressur-Experte Wolfram Wittig, hier mit seiner mit Frau Brigitte, sieht die größte Gefahr auf dem Abreiteplatz und nicht in der Prüfung. Eine Helm-Pflicht hält der Ex-Coach von Dressurkönigin Isabell Werth für unverhältnismäßig. Foto: Sonja Rohlfing

Melanie Sandig (RV Herzog Wittekind Oberbauerschaft) ist beim Thema hin- und hergerissen. „Ich finde gut, dass mehr auf Sicherheit geachtet wird“, erklärt die Vlothoerin. Andererseits sollte, wer eine schwere Prüfung reite, sein Pferd im Griff haben. Sie sei daher für eine Wahlfreiheit in der Prüfung. Selbst ist Melanie Sandig M-Dressuren für gewöhnlich mit Kappe geritten und hat erst in einer S-Dressur einen Zylinder aufgesetzt. „Weil das zum Frack einfach schöner aussieht“, findet die Dressurreiterin.

„Früher bin ich viel mit Zylinder geritten, sogar in Reitpferdeprüfungen, als das noch erlaubt war“, sagt Anne Horstmann (RFV Hille). Mittlerweile habe der Sicherheitsaspekt für sie mehr an Bedeutung gewonnen, gibt sie zu. „Die Geburt meiner Tochter und ein Sturz auf einem Turnier bei plötzlich einsetzendem Gewitter waren für mich ausschlaggebend für den Reithelm“, erklärt die Pferdewirtschaftsmeisterin. „Was bringt mir der Zylinder, der null Schutz bietet, wenn etwas passiert“, merkt sie an. Eine Reitkappe zum Zylinder ist für sie kein Stilbruch. „Es gibt inzwischen so tolle Kappen“, findet Anne Horstmann. Wer meine, dass er mit Zylinder reiten müsse, dem mag sie jedoch eine Wahlfreiheit zugestehen.

Einstellung geändert: Nach einem Sturz bei einem Turnier bei einsetzendem Gewitter trägt Anne Horstmann (RFV Hille) in Dressurprüfungen die Kappe. Auch die Geburt ihrer Tochter rückte den Sicherheitsaspekt in den Vordergrund. Foto: Sonja Rohlfing

Ein großer Freund des Zylinders ist Uwe Düker (RFV Hille). Der Pferdewirtschaftsmeister bedauert das Aus sehr. Damit verschwinde ein Stück Tradition. „In meiner schon sehr langjährigen Turniererfahrung kann ich mich nicht an einen Unfall in schweren Prüfungen erinnern“, unterstreicht Düker. In Jungpferdeprüfungen habe die Kappe ihre Berechtigung. „In hohen Prüfungen wäre ich für eine Wahlfreiheit“, so der Westfalenmeister von 2019.

„Dass die Diskussion international und national so viel Fahrt aufgenommen hat, ist bedauerlich“, erklärt Wolfram Wittig. Ausgelöst durch einen Vorfall in den USA, und dort noch nicht einmal in einer Prüfung, sondern im Training, habe das Thema derart Dynamik aufgenommen, dass am Ende nicht mehr fair und ehrlich, sondern von Ideologien getrieben diskutiert wurde. Das sei bedauerlich, findet der Rahdener.

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