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So leidet Jürgen Lutter, der Stadionsprecher des SC Paderborn 07, unter der Krise

„Auch der Fußball fehlt mir“

Paderborn (WB). Seit mehr als 25 Jahren ist Jürgen Lutter als Veranstaltungsmanager selbstständig. Bekannt wurde er als Stadionsprecher beim Fußball-Bundesligisten SC Paderborn und als Hauptmann der Kämper-Kompanie. Doch auch hier ist Stillstand. Der Ball rollt im Moment nicht, das Schützenfest in Paderborn wird 2020 auch nicht stattfinden. Die Corona-Pandemie trifft daher den 55-Jährigen privat wie auch beruflich so hart wie noch keine Krise in seinem Leben. Mit Jürgen Lutter sprach Matthias Reichstein.

So kennt man Jürgen Lutter seit vielen Jahren aus der Benteler-Arena: Der Mann am Mikro beim Bundesligisten SC Paderborn. Foto: Oliver Schwabe

Was macht der Veranstaltungsmanager Jürgen Lutter während der Corona-Pandemie?

Lutter: Ich habe mein Büro aufgeräumt, halte Kontakt mit meinen Kunden, bereite mich damit auf den Tag X vor und kuriere so nebenbei noch meinen Mittelfußbruch aus. Übrigens wie vor fünf Jahren, da spielte der SCP auch in der Bundesliga. Der Bruch folgt bei mir kurioserweise immer auf eine Sehnenentzündung. Die erste hatte ich 2014, etwa vier Wochen vor unserem Bundesligaaufstieg, das gleiche plagte mich 2019, ebenfalls kurz vor dem Aufstieg. Verrückt, oder? Aber im Moment teile ich mein Schicksal mit meiner Frau Tatjana. Die ist nach einem Ermüdungsbruch in der Ferse auch etwas gehbehindert...

Aber jetzt einmal ernsthaft, wie viele Veranstaltungen wurden bereits abgesagt?

Lutter: Eigentlich alles. Das erste Quartal werde ich noch sauber abschließen, aber bis Ende Juni sind bereits 20 Veranstaltungen abgesagt worden. Wenn bis Ende des Jahres nichts läuft, kommen mindestens noch einmal 30 dazu. Aber meine Hoffnung ist, dass in absehbarer Zeit wieder Vorträge oder ähnliches mit 50 oder 100 Gästen und bei entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen erlaubt sind. Aber das müssen meine Kunden auch wollen und dann die Gäste finden, die unter diesen Umständen kommen würden.

Sind Sie gegen die Ausfälle versichert?

Lutter: Nein. Ich habe als SoloSelbstständiger meinen Antrag auf Landesförderung gestellt, da gibt es einmalig für drei Monate 9000 Euro. Das Geld ist auch schon da, und an dieser Stelle will ich auch mal unsere Landes- und Bundespolitiker Daniel Sieveke und Carsten Linnemann loben, die die Anregungen und auch Sorgen aufgenommen haben. Hier wurde nahezu unbürokratisch und damit sehr schnell geholfen.

Gibt es andere Einnahmen?

Lutter: Ich habe noch einige Pauschalverträge mit anderen Firmen laufen, aber das Tagesgeschäft ist völlig eingebrochen. So etwas habe ich noch nicht erlebt, alles steht irgendwie auf null. Selbst der Mail-Eingang. Noch nicht einmal die Wirtschaftskrise 2008 hat mich so hart getroffen.

Auf was hoffen Sie noch?

Lutter: Dass wir in diesem Jahr zumindest kleinere Veranstaltungen mit bis zu 200 Personen wieder durchführen können. Die Großveranstaltungen habe ich für mich abgehakt, da wird 2020 nichts mehr laufen.

Wie bewerten Sie die Rolle der Politik?

Lutter: Ich finde es gut, dass wir seit dem vergangenen Mittwoch erstmal Klarheit haben. Dass bis Ende August nichts geht, ist zwar ganz bitter. Aber mit diesem Zeitfenster kann ich besser leben, als wenn die Politik alle zwei Wochen den Menschen Hoffnungen macht, dass doch wieder etwas gehen könnte. Diese Tröpfchen-Meldungen verunsichern nur, sie helfen nicht. Deshalb bin ich nun im Großen und Ganzen mit unserer Politik zufrieden.

Der Fußball-Bundesliga drohen Geisterspiele. Vielleicht sogar für die nächsten 18 Monate. Leere Stadien brauchen keinen Stadionsprecher. Wie sehr fehlt Ihnen schon jetzt der SC Paderborn?

Lutter: Natürlich fehlt mir der Fußball, besonders die Heimspiele des SC Paderborn. Das ist alles sehr traurig, zumal wir wahrscheinlich erst dann wieder Zuschauer in den Stadien haben werden, wenn es einen Impfstoff gibt. Und das kann noch ein Jahr und länger dauern. Aber dass man mich nicht mehr braucht, ist übrigens nicht so. Ich werde dann bei den Geisterspielen als Sicherheitssprecher zum Einsatz kommen. Und dazu noch für die Journalisten die Mannschaftsaufstellungen vorlesen (lacht).

Ihr Hobby ist die Paderborner Kämper-Kompanie. Glaubt der Hauptmann Jürgen Lutter, dass nach den vielen Absagen in diesem Jahr überhaupt noch Schützenfeste gefeiert werden?

Lutter: Mit der Absage aller Großveranstaltungen bis Ende August – zu denen auch Schützenfeste zählen – hatte sich das Thema eigentlich schon erledigt. Vielleicht gelingt es noch ein paar Vereinen, ihr Fest im Herbst nachzuholen, ich würde es jedem Schützen gönnen. Aber glauben kann ich daran nicht. Wobei auch hier gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Welche Reaktionen kommen von Kunden oder Freunden?

Lutter: Gefreut haben mich Reaktionen von Kunden, die mir direkt Hilfe angeboten haben. Einigen dieser Unternehmen geht es selbst auch nicht besonders gut, deshalb fand ich das sehr nett. Am Anfang dieser Pandemie hat sich natürlich jeder erst einmal um die eigenen Dinge gekümmert. Das ist auch völlig normal, denn die Wucht dieser Corona-Krise hat uns letztlich alle überrascht. Wobei ich schon sagen will, dass nach den ersten Maßnahmen unserer Regierung jedem klar sein musste, dass wir vor einer besonders großen Bewährungsprobe stehen. Aber ich bilde als Einzelkämpfer hier nicht das Hauptproblem. Ich mache mir mehr Sorgen um Firmen mit 50, 100 oder 500 Mitarbeitern. Die müssen auch nach der Corona-Krise noch bestehen.

Nicht wenige behaupten, dass die Welt nach Corona eine etwas andere sein wird. Glauben Sie das auch und wie beurteilen Sie Ihre Zukunft?

Lutter: Es wird sich mit Sicherheit einiges ändern müssen. Das fängt bei ganz einfachen hygienischen Dingen wie Hände waschen an. Aber auch im Sozialverhalten wird es Korrekturen geben. Das ewige Besser, Schneller und Weiter kann nicht so bleiben. Wir werden lernen, auch mal die Bremse zu treten und nach links und rechts zu schauen. Aber die gesamte Tragweite ist noch gar nicht abzuschätzen. Viel hängt davon ab, wie lange die Corona-Krise unsere gesamte Gesellschaft und die Wirtschaft ausbremst. Meine Zukunft sehe ich dennoch optimistisch. Die Menschen warten darauf, dass es irgendwann Veranstaltungen geben wird und es wieder losgeht. Aber alles wird zunächst auf niedrigem Niveau stattfinden. Denn jedes Fest, jede Feier und jede Veranstaltung kann nur machen oder besuchen, der vorher das Geld dafür verdient hat.

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