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Saisonabbruch? FLVW fragt auch Meinung der Paderborner Vereine ab

„Die machen es sich maximal einfach“

Paderborn (WB). Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen holt bei der schwierigen Entscheidungsfindung, wie, wann und ob die unterbrochene Spielzeit der Amateurfußballer fortgesetzt werden soll, die Vereine mit ins Boot.

Elmar Neumann

Marco Cirrincione, Trainer des SCV Neuenbeken, hält eine Annullierung der Saison für die schlechteste Option Foto: Jörn Hannemann

Nach der freiwilligen wöchentlichen Videoschalte des Verbandspräsidiums und einiger Kreisvorsitzender am Donnerstag haben am Freitag alle Klubs eine Mail erhalten, in der sie über vier Optionen abstimmen können: 1. Abbruch und Saison annullieren (keine Auf- und Absteiger), 2. Abbruch und Hinrunde werten (ausschließlich Aufsteiger), 3. Abbruch und aktuellen Tabellenstand werten (ausschließlich Aufsteiger), 4. Saisonfortsetzung (falls möglich) ab September. Die Abstimmung endet am morgigen Dienstag, 21. April. Zwei Tage später wird auf Basis dieses Meinungsbildes ein Vorschlag erarbeitet, wie weiter verfahren werden soll.

Manfred Schnieders

„Am 23. April wird aber noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Die Abstimmung wird uns zeigen, in welche Richtung es aus Sicht der Vereine gehen soll. Wenn es den Vorschlag gibt, muss man sehen, wie dieser am besten umzusetzen ist. Eine Entscheidung gibt es erst, wenn klar ist, wie diese auch juristisch einwandfrei realisiert werden kann“, sagt Manfred Schnieders, der Vizepräsident Amateurfußball des FLVW. Der Ehrenvorsitzende seines Heimatvereins SC RW Verne geht davon aus, dass die Frage final im Verlauf eines außerordentlichen Verbandstages beantwortet wird. Welche Option aus seiner Sicht die Ideallösung darstellt, möchte Schnieders nicht verraten, er räumt aber ein, dass er nicht glaubt, dass vor dem 31. August eine Kontaktsportart wie Fußball betrieben werden dürfe.

Frank Sundermeier

Überzeugte Fürsprecher dieses Vorgehens der FLVW-Verantwortlichen finden sich beim Delbrücker SC. Dessen Geschäftsführer Frank Sundermeier lobt zunächst einmal den Ansatz, die Klubs über die besagte Abstimmung miteinzubeziehen: „Man kann sich ruhig mal die Meinung der Vereine anhören. Das ist doch im Sinne der Solidarität eine gute Sache.“ Sundermeier ist sich auch schon sicher, zu wissen, wie diese Sache ausgehen wird: „In Delbrück sind wir uns zu 100 Prozent einig, dass Option 1, die Annullierung der Saison, die beste Möglichkeit ist. Und ich bin mir sicher, dass mindestens 75 Prozent aller Klubs dieser Meinung sein werden. Eine Ideallösung gibt es nicht, aber dann hätten wir endlich Klarheit und könnten im Herbst wieder neu anfangen.“ Die Saison auf Grundlage der aktuellen Tabelle zu werten, hält er für ungerecht und macht das am Beispiel des DSC deutlich: „Es haben die wenigsten Teams die gleiche Anzahl von Spielen. Wenn wir die Nachholpartie gegen Schlusslicht Tengern klar gewinnen, sind wir nicht Siebter, sondern Erster. Für die Klubs, die um den Aufstieg spielen, täte es mir leid, aber ich bleibe dabei: Mit einer Annullierung könnten die meisten leben.“

Marco Cirrincione

Einer dieser Vereine, die um einen Aufstieg spielen, ist der SCV Neuenbeken, der Spitzenreiter der Bezirksliga 3. Dessen Coach Marco Cirrincione kann mit der Option Annullierung genauso wenig anfangen wie mit der Abstimmung selbst. „Mit einer Annullierung würde alles, was mit sportlichen Aspekten zu tun hat, nicht ausreichend wertgeschätzt. Du kannst doch nicht so tun, als hätte es die vergangenen neun Monate, zwei Drittel der Saison, nie gegeben“, sagt der meinungsstarke Trainer, um dann den Einfall der Funktionäre zu verurteilen: „Ich finde es äußerst fraglich, dass der Verband meint, er müsste sich ein Meinungsbild von den Vereinen einholen. Ich frage mich, ob unsere Bundesregierung vielleicht auch bald so arbeitet und man dann im Internet anklicken kann, was einem am liebsten wäre. Ich dachte immer, das Funktionäre gewählt werden, um Entscheidungen zu treffen. Jetzt sieht es so aus, als seien sie dazu nicht in der Lage. Das riecht für mich sehr nach Verzweiflung und Ratlosigkeit in den Führungsgremien.“

Marco Cirrincione

Der 41-Jährige amüsiert sich vor allem über Option Nummer drei („Wer außer einem aktuellen Tabellenführer soll das anklicken?“), geht aber auch davon aus, dass die große Mehrheit Option Nummer eins wählen wird, weil es für die meisten Mannschaften nur noch um wenig ginge und regt die FLVW-Verantwortlichen bei dieser Aussicht erneut zum Nachdenken an: „Mit einer Annullierung machen es sich die Funktionäre maximal einfach. Man muss sich um nichts mehr kümmern. Bevor man das Zimmer aufräumt, wirft man einfach alles in die Mülltonne. Das geht so nicht. Ich sehe diese Leute in der Pflicht, eine faire, gerechte und sportliche Lösung zu finden. Eine Annullierung ist mir zu trivial“, sagt Cirrincione und zieht den Vergleich zu seinem Leben als Berufsschullehrer: „Hier heißt es doch auch nicht: Es fehlen nach acht, neun Monaten Unterricht jetzt zwar nur noch ein, zwei Klassenarbeiten, aber wir setzen jetzt trotzdem alles auf Null und wiederholen das ganze Jahr.“

Kommentar

Unabhängig davon, ob sich nicht vielleicht doch noch die Möglichkeit bietet, die verbleibenden Meisterschaftsspiele im Sommer über die Bühne zu bringen, sollte im Sinne der Fairness eines klar sein: Selbst wenn die große Mehrheit der Vereine für die erste der vier FLVW-Optionen votieren wird – eine Annullierung der Saison, bei der es weder Aufsteiger noch Absteiger gibt, kann keine Alternative sein. Wer die Mannschaften in den untersten Tabellenregionen davor verschont, für bislang schwache Leistungen mit dem Abstieg „bestraft“ zu werden, muss den Topteams der Ligen die Möglichkeit bieten, sich für ungleich bessere Leistungen und meist höheren Aufwand mit dem Aufstieg zu belohnen. Andere Sportarten haben es vorgemacht, der Fußball sollte nachziehen. Zeit genug, um das daraus resultierende Mehr an Spielen zu bewältigen, wäre allemal da. Elmar Neumann

Cirrincione kritisiert, hat aber auch alternative Lösungen parat. Zuallererst mahnt er zu Ruhe und Geduld: „Wir haben doch keinen Druck. Es weiß doch niemand, ob wir wirklich erst Ende August weiterspielen dürfen. Ich darf am Donnerstag wieder in die Schule und habe das Gefühl, dass Ministerpräsident Armin Laschet weitere Lockerungen anstrebt. Vielleicht spielen wir im Juni und Juli – natürlich nur, wenn es die gesundheitliche Situation zulässt – die letzten Duelle aus und fangen einfach etwas später mit der nächsten Saison an.“ Wenn die Entscheidung trotzdem auf einen Abbruch hinauslaufen sollte, wären aus Cirrinciones Sicht nur zwei Alternativen vertretbar. Erstens: Um das Problem mit der unterschiedlichen Anzahl absolvierter Spiele zu umschiffen, könnte ein Punktequotient für etwas mehr Fairness sorgen. Zweitens: Es steigt niemand ab, aber neben dem Tabellenführer werden – wie in anderen Sportarten geschehen – auch die aussichtsreichsten Verfolger gefragt, ob sie aufsteigen möchten und die oberen Ligen entsprechend aufgestockt: „Ob in der Landesliga 16 oder 20 Mannschaften spielen, ist doch völlig egal. Wo ist das Problem? Wir haben von Mitte Dezember bis März bei teilweise bis zu 15 Grad kein einziges Spiel gemacht. Dann fängst du eben im Februar an und alles wird gut.“

Schnieders’ Heimatverein führt die A2 an

Ein Saisonabbruch ohne Aufsteiger träfe übrigens auch einen der vom SCV-Coach kritisierten Funktionäre hart. Manfred Schnieders’ SC RW Verne führt derzeit die Kreisliga A2 an und schaffte es nur zu gerne in die Bezirksliga: „Ich habe schon scherzhaft gesagt: Wenn die Saison tatsächlich annulliert werden sollte, werde ich mich da so schnell nicht mehr blicken lassen dürfen.“

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