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Mammutmarsch: Jessica Wellermann absolvierte 100 Kilometer in 24 Stunden

Für sie ist Wandern kein Spaziergang

Sande (WB). Vorsicht! Wenn diese Frau mit Ihnen eine „Runde um den Block“ drehen möchte, sollten Sie sich das genau überlegen. Denn Wandern ist für Jessica Wellermann alles andere als ein Spaziergang, sie verfügt über eine bewundernswerte und nicht gewöhnliche Ausdauer. Die 36-Jährige hat eine neue Leidenschaft entdeckt und die Herausforderung Mammutmarsch angenommen.

Peter Klute

Wandern ist ihre Leidenschaft: Mit dem Mammutmarsch hat sich Jessica Wellermann einen Traum erfüllt. Foto: Jörn Hannemann

„Bei uns wanderst du, bis es weh tut. Und dann weiter. Am Ende weißt du, dass dich nichts mehr aufhalten kann.“ So wirbt Gründer Bastian Kröhnert-Ferron in einem Video für seine Idee. Und traf bei Jessica Wellermann ins Schwarze. „Dieses Video war für mich die Initialzündung. Das ist genau mein Ding. Das, wonach ich gesucht habe. Ich wollte Grenzen überwinden“, sagt die gebürtige Magdeburgerin. Das Mammut ist eine ausgestorbene Gattung der Elefanten. Sie entstand in Afrika und besiedelte danach sowohl Europa als auch Asien und Nordamerika.

„Mammutmarsch heißt Abenteuer. Mammutmarsch heißt Grenzen sprengen. Wir haben nur eine Mission: Wir wollen dir zeigen, dass du alles schaffen kannst, Egal, wie weh es tut. Egal, wie unmöglich dir etwas erscheint. Wir zeigen dir, dass du es schaffen kannst.“ Das sind Auszüge der Internetseite mammutmarsch.de und Jessica Wellermann haben sie elektrisiert. Danach hatte sie nur noch ein Ziel: 100 Kilometer in 24 Stunden zu Fuß. Das steckt hinter dem Mammutmarsch. Die Altenpflegerin hat’s ausprobiert und die Prüfung mit Bravour bestanden. Im September vergangenen Jahres in Wuppertal. Doch bis dahin war es ein langer und steiniger Weg.

Jessica Wellermann

Vor etwa drei Jahren hatte Jessica Wellermann das Gefühl, „dass ich etwas für die Bewegung machen muss. Ich fühlte mich nicht ausgelastet und konnte nicht mehr ruhig schlafen“. Sie fasste den Entschluss, die Umgebung kennenzulernen. „Da habe ich mir meine Familie geschnappt und los ging’s. Über Hölzchen und Stöckchen. Es begann mit einer Runde um den direkt vor unserer Haustür liegenden Lippesee. Ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen, wir waren jeden Tag an der frischen Luft und haben gespielt. Später kam der Hund, mit dem ich raus musste“, erinnert sie sich.

Familie: Das sind Ehemann Bernd, Sohn Jonas (inzwischen zwölf) und Hund Emma, eine Mischung aus Jack Russell und Pudel. Als Hilfe diente ihr das Buch „Die schönsten Halbtags-Wanderungen im Paderborner Land und Eggegebirge“ von Karl Heinz Schäfer und Gudrun Kaiser, die ebenfalls in Sande wohnen und die sie „aus dem Ort kannte“.

Aus der Vierer-Gruppe Wellermann wurde nach und nach eine One-Women-Show. Für Jonas sei es von Anfang an gewöhnungsbedürftig gewesen und inzwischen gebe es öfter ein Nein, sagt sie. Ehemann Bernd und Hund Emma sind schon häufiger mit dabei, aber meistens ist Jessica Wellermann inzwischen alleine unterwegs. Denn die Distanzen sind für die übrigen Wellermänner längst zu groß geworden. 2018 und 2019 lief sie die 10 Kilometer beim Paderborner Osterlauf. Der Bann war gebrochen. „Ich habe gemerkt, dass ich ausgeglichener wurde. Nach dem ersten Osterlauf bin ich erst in ein kleines Loch gefallen, weil ich mein Ziel erreicht hatte. Aber schnell hatte ich mich der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte mehr und bin drangeblieben“, sagt sie.

Langsam aber sicher wurde die Begeisterung für das Wandern und Laufen immer größer und das Pensum steigerte sich. Auf den Osterlauf folgten der Martinslauf durch die Paderborner Innenstadt (ebenfalls zehn Kilometer) und der Silvester-Lauf von Werl nach Soest (15 Kilometer). Mittlerweile ist sie schon beim Halbmarathon angekommen, Ostermontag schaffte sie die 21,1 Kilometer erstmals unter zwei Stunden. Drei Tage zuvor hatte sie den Osterlauf als Solo (Coronaedition) in 50 Minuten absolviert, ihr Mann begleitete sie dabei in der Senne mit dem Fahrrad. „Auch sonst hält er mir den Rücken frei, kümmert sich um Kind und Hund. Mein Hobby ist sehr zeitaufwendig und das Auto ist auch oft nicht da“, weiß Jessica Wellermann und lächelt. Zwischen 40 und 60 Kilometer spult sie wöchentlich ab. „Montags und mittwochs sind die großen Runden dran, der Rest ergibt sich. Aber unter 10 Kilometern laufe ich gar nicht mehr los“, erklärt sie.

Der Mammutmarsch ist ihre Erfüllung. Seit gut vier Jahren gibt es diese Reihe mit Veranstaltungen in Deutschland, Dänemark und Österreich. Angeboten werden Strecken von 30, 42, 55, 60 und 100 Kilometern. Die Idee mitzumachen, entstand „im Dezember 2018 bei einem Bierchen mit Freunden“. Jessica und eine Freundin schlugen ein für Wuppertal im September 2019. „Das ist ja noch lange hin“, dachte sie. Dass sich ihre Freundin bei der Vorbereitung eine Bänderdehnung zuzog und ebenso wie viele Mitglieder der Facebook-Gruppe OWL, die einige Mal zusammen im Teutoburger Wald trainierte, absagen musste, schreckte Jessica Wellermann nicht ab. Abgestimmt mit ihrem Schichtdienst im Paderborner St. Johannisstift unternahm sie alle zwei Wochen eine Tagestour, die längste betrug 50 Kilometer. Zweifel gab es durchaus: „Irgendwie habe ich das mir und meiner Muskulatur nicht zugetraut. Aber erstens wollte ich mir die Blöße vor den anderen nicht geben und zweitens mir selbst beweisen, dass ich es schaffen kann.“

Am Samstag, 14. September 2019, war es dann soweit. Um 15.30 Uhr startete Jessica Wellermann auf die mit 2000 Höhenmetern versehene Strecke. Auf und Ab. Wald, Wiesen, Asphalt: Als Untergrund war alles mit dabei. Die Wege waren mit Pfeilen auf dem Boden sowie Bändchen und Reflektoren an Bäumen und Sträuchern markiert, jeder Teilnehmer erhielt eine GPX-Datei mit der Streckenführung fürs Handy und alle 20 Kilometer gab es Verpflegungsposten. Dort konnte gegessen und der Getränkevorrat aufgestockt werden. Die ihres Wissens nach einzige Paderbornerin im Feld war ausgestattet mit einem 6,5 Kilogramm schweren Rucksack, darin drei Liter Flüssigkeit, Snacks, Pflaster und Kleidung zum Wechseln. Insgesamt trank sie während der 100 Kilometer sieben Liter Wasser. Auf der Urkunde stand eine Zeit von 24:08 Stunden, doch Wellermann räumt ein: „Die reine Gehzeit betrug 21 Stunden, der Rest ging für Toilette, Pausen, Essen, Dehnen und Glückwünsche vor der Ziellinie drauf.“ 1712 Teilnehmer gingen an den Start, nur gut 500 erreichten das Ziel, der Schnellste nach 13, der letzte nach 29 Stunden.

Jessica Wellermann

Jessica Wellermann trug nach 80 Kilometern ein Blasenpflaster, nicht das einzige Zeichen von Leiden. „Unterwegs habe ich gestandene Männer weinen gesehen und verzweifelte Frauenblicke. Oft mit dem Ausdruck‚ was mache ich hier bloß, ich kann nicht mehr‘. An jedem Verpflegungsposten haben Teilnehmer abgebrochen, aufgrund von Erschöpfung, blutiger Füße oder Schmerzen. Um meine Motivation nicht zu verlieren, habe ich mich von diesen Leuten distanziert, mir mein Ziel vor Augen geführt, mich nur auf mich selbst verlassen.“ Ganz nach dem Motto, Körper aus – Kopf an lief Jessica Wellermann immer weiter. Sie wollte diese Medaille.

Im Dunkeln half ihr eine Stirnlampe, sich zu orientieren, Angst hatte sie keine, „weil du nie alleine warst“. Denn unter den zumeist unbekannten Teilnehmern herrschte eine große Verbundenheit. Dem überwältigenden Gefühl im Ziel („Ich war total stolz, es gab Standing Ovations, es war so herzlich und familiär, einfach großartig“) folgten die Schmerzen. „Mein Mann und mein Sohn waren vor Ort, hatten im Hotel übernachtet und mich im Ziel empfangen. Gleichzeitig siegte die Erschöpfung, ich hatte nur noch die Kraft, um von dem Gelände zu kommen. Und zu Hause tat erst einmal alles weh. Aber der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt! Nach drei Tagen Regenerationszeit, kribbelte es wieder in den Beinen und donnerstags bin ich dann wieder mit meinem Laufprogramm gestartet.“

Für die nächsten Volksläufe und den nächsten Mammutmarsch. Denn Jessica Wellermanns Hunger ist noch lange nicht gestillt. Auch Corona kann sie nicht bremsen. Zwar hat sie darauf verzichtet, einen Spenden-Marsch im Garten („Hike at Home“) zu absolvieren („Da hätte ich ‘nen Knall gekriegt“) und auch in Hamburg (29. Februar) hat sie nicht teilgenommen. Die Märsche im Ruhrgebiet (11. April) und Wien (25. April) wurden aufgrund der Pandemie abgesagt, aber sie hofft auf eine Austragung in Köln/Bonn (16. Mai) und Heidelberg (13. Juni). Diese beiden Events hat sie fest im Visier. Die Schmerzen sind vergessen, aus einem Spaziergang ist längst viel mehr geworden.

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