Behindertensport: TuRa Elsens Michael Tack ist „Mister Special Olympics“

Gänsehaut-Erlebnisse

Paderborn

Die globale Inklusionsbewegung „Special Olympics“ – sie hat Michael Tack mancherlei emotionale Gänsehautmomente beschert. „Die Atmosphäre bei diesen Wettkämpfen ist einmalig berührend“, schwärmt der 69-jährige Lippstädter, der den Inklusionssport bei TuRa Elsen hoffähig gemacht hat. So waren die Eröffnungsfeiern der Weltspiele in North Carolina (USA, 1999), in Dublin (Irland, 2003) oder vor 80.000 Zuschauern in Shanghai (China, 2007) „absolute Highlights in meinem Leben. Da bleibt einem der Atem weg. Nirgendwo wird das Miteinander so gelebt wie im Sport.“

Jörg Manthey

Der Mann am Mikrofon: Bei Leichtathletik-Wettkämpfen wie hier in Lüdenscheid übernimmt Multifunktionär Michael Tack gerne den Startaufruf. Foto: ANNA SPINDELNDREIER

Oder auch das gemeinsame Abendessen mit Arnold Schwarzenegger in München (1999). Der Terminator hatte die deutsche Delegation eingeladen, also Tack mit seinen Schwimmern Hendrik Guthoff und Michael Bunge. Bunge, erklärter Arnie-Fan, frotzelte damals vorwitzig mit dem Österreicher: „Fühl mal meine Muskeln, ich bin stärker als du!“ Schwarzenegger spielte freundlich mit: „Tatsächlich, du bist stärker!“

Bei der Rückkehr aus North Carolina erwartete die Athleten in Elsen bei Familie Bunde ein großer Bahnhof. Hendrik Guthoff und Michael Bunge präsentierten stolz ihre gewonnenen Goldmedaillen. Auch der unlängst verstorbene Altbürgermeister Willi Lüke weilte damals beim Empfang und hielt eine Lobesrede. Tack: „Er wollte es sich nicht nehmen lassen, die ersten Olympiasieger in der Geschichte der Stadt Paderborn persönlich zu beglückwünschen.“

Michael Tack ist ein Rentner im Unruhestand. Bis zu seiner Pensionierung wirkte er als Sozialpädagoge der Schlosswerkstätten in Schloß Neuhaus, heute Caritas-Wohn- und Werkstätten (CWW) im Erzbistum Paderborn. Und er trägt eine große Bitte vor. „Tun Sie mir den Gefallen und schreiben Sie nicht von Behinderten“, erläutert er. „Wenn sie nur aufs Behindertsein reduziert werden, regen sie sich auf. Das sind Sportler oder Athleten mit Behinderung. Der Sportler, der Mensch soll im Vordergrund stehen“, lebt er gemeinsames inklusives Denken als Selbstverständlichkeit vor.

Der Verein TuRa Elsen vereint aufgrund seines Kooperationspartners CWW (seit 1995) etwa 400 Sportler (!) mit Behinderung. Tack bietet dort Bewegungsspiele an und leitet eine Schwimmgruppe. „Von Anfang an wird Inklusion bei uns praktiziert und gelebt. Seit mehr als 20 Jahren organisieren wir das integrative Sportfest Together in Motion in Paderborn mit“, erzählt Tack. Beim Osterlauf gibt es inzwischen eine Special Olympics-Wertung.

Vor den Special Olympics in Dublin 2003 reiste Trainer Tack mit seinen drei Leichtathletinnen Maria Bock, Sabine Köster und Carola Nicklisch nach Karlsruhe. In der Fächerstadt stand eine besondere Trainingseinheit auf dem Programm: Heike Drechsler, drei Jahre zuvor in Sydney Olympiasiegerin im Weitsprung geworden, leitete die Elsener Delegation zwei Stunden lang an. Tack: „Startübungen, Weitsprung, Staffel – sie hatte sichtlich Spaß.“

In einer Fachzeitschrift der Lebenshilfe hatte Michael Tack im Jahr 1997 das erste Mal von den Special Olympics und den anstehenden Nationalen Spielen in Stuttgart gelesen. „Da fahren wir hin“, rannte er bei Matthias Brumby, den Integrations- und Inklusionsbeauftragten sowie stellvertretenden Vorsitzenden des Stadtsportverbandes Paderborn, offene Türen ein. „Stuttgart war die Inizialzündung. Da habe ich Feuer gefangen und mich mit dem Special Olympics-Virus infiziert“, denkt er an emotionale erste Stunden einer langen Erfolgsgeschichte zurück. „Das war ein herzliches Miteinander dort. Jeder gönnte den Sieg dem anderen. Es sind ehrliche Tränen gekullert. Ich wusste sofort: Es ist lohnenswert, mich dort zu engagieren.“

Michael Tack gehört als 2. Vorsitzender dem Vorstand des Fördervereins Special Olympics Paderborn an, ist auch Projektkoordinator der Special Olympics-Laufgruppen in NRW. Das olympische Feuer der „Special Olympics“ brannte 2015 auch schon mal in Paderborn, als hier erstmalig die Landesspiele NRW der Menschen mit Beeinträchtigung Station machten. 600 Athleten maßen sich in verschiedenen Disziplinen.

Vom 17. bis 24. Juni 2023 sollen – erstmals in Deutschland – die Special Olympics in Berlin stattfinden (www.specialolympics.de). Tack wird beim Spektakel in der Hauptstadt als Mitglied im Leichtathletik-Orgateam ganz nah dran sein. „Es wäre ein Traum und ein großes Ziel, brächte die TuRa in Berlin Sportler an den Start“, meint er.

Diese Spiele sind für die Bewegung ein Anlass, gemeinsam mit Gemeinden, Bezirken, Städten und Landkreisen in ganz Deutschland nachhaltige inklusive Strukturen und Netzwerke zu schaffen. Damit dies gelingt, hat das Lokale Organisationskomitee der Spiele gemeinsam mit Special Olympics Deutschland und dessen Landesverbänden das Projekt „180 Nationen – 180 inklusive Kommunen/Host Town Program“ gestartet. Über die offizielle Website (www.berlin2023.org/hosttown) können Kommunen sich als Host Town bewerben. „Paderborn war der erste Bewerber“, freut sich Tack, dass Bürgermeister Michael Dreier ohne zu zögern ein Angebot nach Berlin sandte. Vorab (19. bis 24. Juni 2022) sind in Berlin Nationale Sommerspiele für Menschen mit geistiger Behinderung terminiert worden. Die Großveranstaltung ist das Tor zur internationalen Bühne und für die Athleten die Chance, sich für die Special Olympics World Games Berlin 2023 zu qualifizieren.

2015 hatte Michael Tack einen besonderen Wintersport für sich entdeckt: Schneeschuhlaufen. Dabei wird auf einer Wiese ein 400-Meter-Rundkurs mit mehreren Bahnen abgesteckt. „Die Nationale Serie in Berchtesgaden in der ersten Märzwoche des Vorjahres war das letzte Großereignis von Special Olympics Deutschland für mich. Dann kam der erste Lockdown.“ Seither herrscht Stillstand, und zwar spürbar. „Nach Auskunft von Karla Bredenbals, Geschäftsführerin der Caritas-Werkstätten, leiden die Werkstattbeschäftigten darunter, dass sie seit einem Jahr keinen Sport mehr machen können. Man merkt ihnen das körperlich und psychisch an“, hat Michael Tack erfahren. Seine große Hoffnung: „Dass wir nach den Sommerferien wieder mit dem Sport starten dürfen. Vorher wird‘s wohl nichts, da bin ich Realist. Ich hoffe, dass nach dann eineinhalb Jahren Pause noch alle Übungsleiter dabei sind.“

Startseite