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Nach dem dramatischen Tour-Finale: der Paderborner Golfprofi Alexander Knappe im Interview

„Ich bin k.o.“

Paderborn.

Führung nach Tag zwei, Führung nach Tag drei, Führung auch noch nach elf gespielten Bahnen der Finalrunde. Alexander Knappe befindet sich beim Challenge Tour Grand Final auf Mallorca ganz lange auf dem besten Weg, den Jackpot abzuräumen.

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Nach dem hauchdünn verpassten Turniersieg auf Mallorca fehlt Alex Knappe gerade jegliche Motivation. Foto: Elmar Neumann

Der Turniersieg, der Gesamtsieg, ein Preisgeld in Höhe von 62.000 Euro und – allem voran – die eingeschränkte Spielberechtigung für die kommende Saison auf der European Tour sind zum Greifen nah. Aber am Ende jubeln doch andere. Der Paderborner Golfprofi muss auf seiner Scorekarte einen Schlag zu viel notieren, wird geteilter Zweiter und verpasst das große Ziel. Mit etwas Abstand blickt der 31-Jährige im Gespräch mit Elmar Neumann auf diese dramatischen Tage zurück.

Alexander, Golf ist hart, heißt es, aber haben Sie Ihre Sportart schon mal von dieser brutalen Seite erlebt?

Alexander Knappe: Nein, so extrem war es noch nie. Normalerweise bin ich einer, der, wenn er an der 18 einen wichtigen Putt hat, diesen auch locht. Diesmal hat es nicht geklappt. Ist der drin, bin ich im Stechen, mindestens alleiniger Zweiter und habe die Karte für die European Tour sicher. So ist es einfach bitter.

Und erinnert an das Vorjahr, als Sie bei der Foshan Open in China nach zwischenzeitlicher Führung letztendlich Vierter geworden sind und ebenfalls nur einen einzigen Schlag zu viel auf dem Konto hatten, um sich für das Saisonfinale zu qualifizieren.

Alexander Knappe: Das stimmt. Genau das habe ich auch zu meiner Freundin gesagt. Wie kann es sein, dass es bei mir zweimal hintereinander am Ende eines Jahres an einem einzigen Schlag hängt? Ich bin im letzten Jahr 46. geworden, die besten 45 sind im Finalturnier angetreten. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich in dieser Saison an vielen European-Tour-Events teilnehmen können. Das ist vor allem rückblickend umso enttäuschender. Damals konnte noch niemand ahnen, dass es die Corona-Pandemie geben würde und jetzt muss man sagen – es war noch nie so leicht, auf der European Tour zu gewinnen, wie in diesem Jahr. Die Felder sind coronabedingt erheblich schwächer besetzt. Du hast immer die Chance, vorne mitzuspielen und ein einziger Sieg bei so einem Turnier kann bekanntlich die ganze Karriere verändern. Du hast plötzlich die volle Spielberechtigung für ein oder sogar zwei Jahre sicher und trittst mit einer völlig veränderten Ausgangslage an. Es ist extrem schade, dass mir der eine Platz diese Möglichkeit gekostet hat, aber eben auch nicht zu ändern.

An den ersten beiden Tagen des Finalturniers haben Sie auf dem Par71-Kurs eine 68 und eine sensationelle 63 gespielt, lagen elf Schläge unter Par, am Wochenende folgten eine 72 und eine 71.

Knappe: Tja. Wenn ich so weitergespielt hätte wie an den ersten beiden Tagen, hätte keiner eine Chance gehabt. Aber es ist und bleibt Golf. Da weißt du nie, was passiert. Wenn ich mir vorgenommen hätte, defensiver zu spielen, um die Führung zu verteidigen, wäre das auch eine Garantie für nichts gewesen. Ich bin der Meinung, dass du deinem Spiel treu bleiben, aggressiv bleiben musst. Das habe ich versucht. Ich bin es Schlag für Schlag angegangen, ohne Harakiri zu spielen.

Wie viel tröstende Wirkung kann ein Preisgeld in Höhe von 27.333,33 Euro entfalten, das Sie für den geteilten zweiten Platz bekommen haben?

Knappe: Das hört sich vielleicht im ersten Augenblick nach viel an, aber meinen Einnahmen stehen natürlich auch hohe Kosten gegenüber. Okay, in dieser Saison waren es weniger, weil es coronabedingt viel weniger Turniere gab. Da sieht es finanziell ganz gut aus, aber in einer normalen Saison muss man mit Ausgaben von bis zu 100.000 Euro rechnen. Die muss man erst mal wieder einspielen. Ich darf gar nicht genauer darüber nachdenken, was mich der letzte Putt am Sonntag gekostet hat. Das ist definitiv im sechsstelligen Bereich. Wenn ich mir überlege, welche Turniere ich im Erfolgsfall hätte spielen können und an die Sponsorenverträge denke, bin ich sicher bei 250.000 Euro – eher sogar mehr. Außerdem könnte ich mich noch mal darüber aufregen, dass mich ein komischer Coronatest samt Quarantäne die Teilnahme am sehr gut dotierten Turnier in Italien gekostet hat. Da wäre mit meiner guten Form ebenfalls was zu machen gewesen – aber lassen wir das.

Auch wenn es am Ende nicht ganz gereicht hat, scheinen Sie mit dem Druck des Gewinnen-Müssens über weite Strecken sehr gut klargekommen zu sein.

Knappe: Ich wusste von Beginn an, dass ich gewinnen kann, dass ich in guter Form bin. Mein vorrangiges Ziel war es, aus jedem Schlag das Maximum machen, mich immer wieder neu zu fokussieren. So habe ich mich in eine sehr gute Position gebracht. Ich bin zwar zum vierten Mal in meiner Karriere als alleine Führender in eine Schlussrunde gegangen und habe die Führung zum vierten Mal nicht ins Clubhaus gebracht, aber dieses Mal hat es sich zunächst gar nicht so schlimm angefühlt. Ich finde, dass ich aus meiner Runde trotzdem alles herausgeholt habe. Bei meinen Bogeys auf der 12 und der 13 hatte ich einfach auch etwas Pech. Da hat der Wind plötzlich um 90 Grad gedreht. Davon sind mein Caddie und ich komplett überrascht worden. Das habe ich so noch nie erlebt. Das war zweimal wie verhext. Aber ich muss das jetzt abhaken und daran denken, wie gut ich in den vergangenen Wochen gespielt habe. Es ist und bleibt ein Coronajahr. Wir alle sollten froh sein, dass wir überhaupt spielen können, und ich bin glücklich, dass ich mich so weiterentwickeln konnte.

Wie geht es jetzt weiter? Wie ist es nach einem solchen Rückschlag um die Motivation bestellt?

Knappe: Im Moment habe ich eigentlich gar keinen Bock etwas zu machen. Ich habe nach den zwei Wochen Quarantäne derart hat gearbeitet, bin um 5 Uhr morgens aufgestanden, habe trainiert ohne Ende, mich noch mal gedehnt, noch eine Fitness-Einheit eingeschoben, noch mal mit meinem Coach Neil Bryan was gemacht und dann auch bei den Turnieren so extrem viel gegeben, dass ich jetzt k.o. bin. Ich habe gerade keine Motivation für irgendetwas. Das ist die eine Seite, aber andererseits habe ich wohl die Aussicht, in der kommende Woche auf der European Tour zu starten. Da finden parallel zwei Turniere in Dubai und in Südafrika statt und bei beiden haben die Veranstalter Probleme, die Felder voll zu bekommen, so dass ich per Einladung nachrücken könnte. Ich hänge also gerade in der Luft. Eigentlich würde ich gerne abschalten, aber wenn ich nächste Woche spielen kann, muss ich auch vorbereitet sein.

Wo würden Sie lieber starten?

Knappe: Letztlich wird die Tour entscheiden, wo ich spielen soll, aber wenn ich die Wahl hätte: Dubai. Das Feld dort ist toll besetzt. Da sind mit Martin Kaymer, Bernd Wiesberger, Lee Westwood oder Thomas Pieters ein paar super Spieler dabei. Das wäre noch mal ein echtes Highlight und als solches würde ich das dann auch betrachten – als ein Bonusturnier, bei dem ich nur gewinnen kann. Das wird keine Woche Urlaub, weil wir uns auch dort wieder nur in einer Blase bewegen dürfen, aber es wäre eine coole Sache.

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