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Meine Corona-Pause, Folge 5: Dressurreiterin Lia Welschof denkt positiv

„Im Reitstall kann ich auftanken“

Hövelhof

Der Ball ruht im Amateur- und Freizeitsport. Die Corona-Zwangspause schenkt den Menschen unfreiwillig Zeit. Ein (auch persönlicher) Prozess zur Erneuerung hat eingesetzt. Wie achtsam gehen die Sportler des Kreises mit diesem Chancen-Gut um? In dieser neuen Serie stellen wir Sportlern zehn Fragen. In Folge fünf teilt Dressurreiterin Lia Welschof (21), Vize-Europameisterin der Jungen Reiter, ihre persönliche Ansicht zur aktuellen Zeitqualität.

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Lia Welschof mit ihren beiden Pferden Linus K und First Class, Nachkomme von Fürst Romancier. Foto: Angelique Steffens

Wie nah ist Ihnen das Virus bislang gekommen?

Lia Welschof: Zum Glück ist mir persönlich das Virus bisher nicht besonders nah. In meinem Freundeskreis und in meiner Familie gibt es keine infizierten Personen, wofür ich sehr dankbar bin. Wahrscheinlich liegt das aber auch am guten Verhalten meines Freundeskreises und meiner Familie, dass wir bisher ohne direkten Kontakt zum Coronavirus ausgekommen sind. Wir werden auch alles dafür tun, dass das so bleibt.

Was überwiegt bei Ihnen gerade: Vertrauen und Gelassenheit oder Unzufriedenheit und Frust?

Welschof: Ich bleibe beim ersten: Vertrauen und Gelassenheit. Ich bin ein sehr positiver Mensch und möchte auch in der aktuellen Zeit positiv denken. Ich habe das große Glück, dass ich jeden Tag zu meinen Pferden darf, weil die Lebewesen einfach versorgt werden müssen und so kann ich an die frische Luft, hab Abwechslung und kann auch ein Stück weit meinen Alltag weiter erleben.

Der Amateursport ruht. Ist er Ihrer Meinung nach ein Teil des Problems oder ein Teil der Lösung?

Welschof: Aus meiner Sicht, bezogen auf den Reitsport, ist der Amateursport nicht Teil des Problems, einfach weil die letzten größeren Reitturniere draußen waren und in der aktuellen Winterzeit auch ohne Corona deutlich weniger Events stattgefunden hätten. Durch die Pferde üben wir beim Reiten ohnehin einen Individualsport aus, der sowieso viel Abstand und keine Nähe erfordert. Daher ist beim Reiten der Amateursport nicht Teil des Problems, weil hier Abstands- und Hygieneregeln gut eingehalten werden könnten. Der Fokus bei der Infektionsbekämpfung könnte also auf andere Bereiche als den Reitsport gelegt werden, da hier keine hohe Infektionsgefahr zu sehen ist. Im Zuge des allgemeinen Lockdowns mag es aber auch sinnvoll erscheinen, dass auch wir Sportler unseren Beitrag leisten und das Wettkampfgeschehen aktuell ruht, damit wir hoffentlich zukünftig wieder eine Perspektive für Training und Turniere haben.

Wenn Sie für einen Tag Bundeskanzlerin sein dürften, was würden Sie für diesen einen Tag im Sinne der Nation ändern?

Welschof: Das ist wirklich eine schwere Frage. Wenn ich darüber nachdenke muss ich aber sagen, dass ich hier die großen Veränderungen durchsetzen würde, weil ich denke, dass die aktuellen Maßnahmen, die in Deutschland ergriffen werden, tatsächlich gut sind. Wir haben im Vergleich zu anderen Ländern immer noch Einschränkungen, mit denen wir aus meiner Sicht leben können. Lockerungen wären definitiv einfach unvernünftig und somit würde ich an den aktuellen Maßnahmen festhalten. Wenn ich Bundeskanzlerin wäre würde ich die aktuelle Linie so weiterverfolgen.

Was tun Sie und wo tun Sie es, um ihre körperliche oder auch geistige Fitness auf Trab zu halten?

Welschof: Das ist einfach zu beantworten: ich darf an den Reitstall und die Pferde bewegen. Da hält mich fit und sorgt auch dafür, dass ich neben dem Studium mal abschalten und mich mit ganz anderen Dingen beschäftigen kann. Außerdem gehe ich viel Joggen in der Natur. Da bin ich an der frischen Luft und bleib fit und in Bewegung. Ich habe auch die aktuelle Zeit nutzen können, da weniger Präsenzzeit an der Uni corona-bedingt gefordert war und konnte bei Klaus Balkenhol ein Praktikum machen, dort Pferde reiten und im Stall unterstützen und mich so gleichzeitig weiterentwickeln, da das Praktikum besonders auch mental viele Anreize gesetzt insbesondere mit Ausblick auf meine erste Grand Prix Saison in diesem Jahr.

Die Welt verändert sich, Gewohnheiten werden erschüttert. Hat diese Extremsituation Ihr Lebensgefühl, Ihre Wahrnehmung, Ihr Denken verändert?

Welschof: Mein Denken hat sich nicht verändert, da für mich vieles relativ normal weitergelaufen ist in diesem Jahr. Wir sind sogar im Sommer 2020 zur EM nach Ungarn gefahren und alles hat so geklappt, wie wir es uns gewünscht haben. Meine Wahrnehmung hat es aber schon verändert. Man wird vorsichtiger und nimmt Dinge nicht mehr als selbstverständlich hin. Ich merke auch, wie ich viele Dinge deutlich mehr reflektiere als früher. Da ich meinen Alltag bisher einigermaßen normal weiterführen durfte empfinde ich dafür eine große Dankbarkeit. Solche alltäglichen Dinge habe ich vor Corona nicht so intensiv wahrgenommen. Was man sonst als normal hingenommen hat, dass ist jetzt etwas ganz Besonderes und das nehme ich jetzt ganz anders wahr.

Was ist Ihr Lieblingsort, um aufzutanken?

Welschof: Mein Lieblingsort zum Auftanken, auch schon vor Corona, ist ganz klar der Reitstall und die Zeit an der frischen Luft mit den Pferden. Einfach Zeit mit den Pferden zu verbringen, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zu versorgen, trägt unglaublich dazu bei, dass ich abschalten und neue Kraft tanken kann. Trotz dieser schwierigen Zeiten können wir uns den Pferden widmen und so sicherzustellen, dass es auch den Tieren in dieser Zeit gut geht. Das ist ein echtes Privileg und das weiß ich auch so sehr zu schätzen.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Welschof: Da ich aktuell an meiner Bachelorarbeit über „Unternehmenskultur in Familienunternehmen“ schreibe, lese ich sehr viele Journals und Wirtschaftsliteratur, aber keine Romane oder Krimis. Dank des guten Online-Angebots der Uni Bielefeld, die die Studenten auch super unterstützt hat in dieser Zeit, wird mir auch der Lesestoff in den nächsten Wochen garantiert nicht ausgehen.

Sehnen Sie die ,,Normalität‘‘ der Vor-Corona-Zeit herbei oder ist Ihnen bewusst, dass es diese Normalität nicht mehr geben wird?

Welschof: Mir ist bewusst, dass es diese Normalität im nächsten Jahr noch nicht wieder geben wird. Mit Blick auf die nächsten Jahre kann ich das noch nicht beurteilen. Das wonach ich mich sehne ist wieder mit Freunden abends raus zu gehen, sich ganz frei und flexibel zu bewegen und spontan zu sein. Einfach wieder zu lachen, zu tanzen, und zu reisen. Das ist natürlich klagen auf hohem Niveau, aber diese Normalität fehlt mir aktuell einfach. Der Zusammenhalt, den ich an vielen Stellen in der aktuellen Zeit erlebt habe, ist allerdings etwas, was wir auch nach Corona beibehalten können.

Was möchten Sie dem Coronavirus sagen?

Welschof: Liebes Coronavirus, bitte verlass sofort unser Leben! Nein, Scherz. Ich würde dem Virus sagen wollen, dass es bitte nicht so viele Menschen krank machen soll, und wenn es in einer absehbaren Zeit vorbei sein könnte, wäre ich froh und dankbar.

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