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Heute vor 20 Jahren besuchte der Tour de France-Sieger die Stadt Löhne

Jan Ullrich muss sogar Baby auf den Arm nehmen

Löhne (WB). Im Sommer 1997 schlüpft Jan Ullrich ins gelbe Trikot, gewinnt die Tour de France und Millionen Herzen deutscher Radsportfans. Kurze Zeit später schaut der damals 23-Jährige in Löhne vorbei. Das WESTFALEN-BLATT blickt auf den Besuch vor genau 20 Jahren zurück.

Florian Weyand

Hoher Besuch im Löhner Werretalstadion: Während des 2. Weltcup-Rennes lässt sich der Rad-Star Jan Ullrich (3. von links) auch mit den Nachwuchsfahrern des RSC 95 Löhne ablichten. Über den Besuch ihres damaligen Idols freuen sich: (von links) Malte Scholz, Franz Manegold , Julian Winkelmann, Florian Weyand, Mathias Jaensch und Erich-John Schildmann. Foto:

Antoine Schürmann erinnert sich gern an den einzigen Abstecher des Tour-Siegers nach Ostwestfalen-Lippe. Auch wenn der Tag natürlich stressig war. »Wir haben ihn

morgens von der Bambi-Verleihung in Köln abgeholt«, erzählt der damalige »Macher« des RSC 95 Löhne (siehe Extra-Kasten). Neben dem Straßenrennen mit dem Namen

Der RSC 95 Löhne

Der heute nicht mehr existierende Radsportclub RSC 95 Löhne mischt Mitte der 90er-Jahre die Radsportszene in Ostwestfalen-Lippe auf. Mit Großsponsor Nolte Küchen im Rücken fährt der Verein zahlreiche Erfolge ein.

Zum Team der Löhner gehört Malte Urban, ein späterer Deutscher Meister und Radprofi. Später konnte der Klub auch Profi Hagen Bernutz verpflichten. Ebenfalls ins RSC-Trikot schlüpft der damalige Senioren-Weltmeister Branko Pouh. Der Verein ist in aller Munde.

Mit den Erfolgen kommt aber auch der Niedergang und die finanziellen Probleme. Einmal richtet der Verein die NRW-Straßenmeisterschaften aus, die Deutschen Meisterschaften im Radcross, wofür der Verein den Zuschlag bekommen hat, fallen aus. Noch vor Beginn des neuen Jahrtausends ist der Klub schon Geschichte.

»Spurt in die Löhner Mainacht« richtet der Verein 1996 auch erstmals ein Radcross-Rennen aus. Zur zweiten Auflage ein Jahr später gelingt es, Jan Ullrich zu verpflichten.

Der Rad-Star hat in Löhne ein straffes Programm. Morgens angekommen, geht es für den Sportler des Jahres zu einem Frühstück in die Zentrale der Firma Nolte Küchen. Das Unternehmen ist der größte Sponsor des Vereins. Anschließend trägt sich Ullrich in das Goldene Buch der Stadt ein. Danach fährt er zum Radrennen ins

Werretalstadion, wo der Tour-Held aber nur Zuschauer ist. »Normalerweise stehe ich bei Rennen ja nicht am Rand«, sagt Ullrich. Aber Crossrennen passen zu diesem Zeitpunkt nicht in den Trainingskalender des Straßenfahrers. »Ich hatte mich vorher in der Türkei 14 Tage auf die faule Haut gelegt. Nach den 35 000 Kilometern hatte ich die Nase voll«, sagt »Ulle« damals dem WESTFALEN-BLATT.

Nach dem offiziellen Teil folgen für Ullrich die Autogramme. Der Radsportler posiert für viele Fotos, darf zwischenzeitlich sogar einmal ein Baby auf den Arm nehmen. Auch ein Kamerateam des ARD hat den Fokus auf den Radsportler gerichtet. Für eine Dokumentation begleiten die Fernsehjournalisten Ullrich auch in die Werrestadt. In der Öffentlichkeit bekommt man den Sportler damals nur selten zu sehen. »Ich mache seit der Tour de France sehr wenige Termine dieser Art«, sagt er damals.

Antoine Schürmann

Insgesamt hält sich der Rummel um den Rad-Star in Löhne aber in Grenzen. Die Mitglieder des RSC 95 Löhne rühren vor dem Besuch kräftig die Werbetrommel,

mieten sogar einen Stand beim Oktoberfest. Insgeheim hofft man mit Besucherzahlen im mittleren vierstelligen Bereich. Die Realität: Nur etwa 1000 Zuschauer kommen ins Werretalstadion. Ein Grund: der damalige Formel 1-Boom. »Wir hatten unter dem letzten Rennen der Saison zu leiden. Michael Schumacher konnte damals noch Weltmeister werden«, sagt Antoine Schürmann.

Einen Radsport-Boom kann Schürmann in Löhne nicht mehr auslösen. Nach dem Ullrich-Besuch geht es mit dem Verein bergab. Und auch das Leben von Jan Ullrich, der einst die Etappe am gefürchteten Berg L’ Alpe d’ Huez gewann, entwickelt sich zur Talfahrt.

Übergewicht und Dopinggerüchte: Der Radsportler kommt nicht mehr an die Erfolge aus dem Jahr 1997 heran. Im Februar 2007, zehn Jahre nach dem Besuch in Löhne, verkündet »Ulle« das Karriereende. Heute lebt er mit seiner Familie auf Mallorca, bietet Trainingscamps für Hobbysportler an. Dann kommen die Fans ihrem einstigen Idol ganz nahe. So nahe, wie ihm die Löhner einmal auch vor 20 Jahren kommen durften.

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