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Gesellschaft

Alice Schwarzer sieht sich nicht als Putin-Versteherin

Köln (dpa)

Alice Schwarzer hat den Vorwurf zurückgewiesen, eine Putin-Versteherin zu sein. «Jedenfalls wenn es in dem Sinne gemeint ist, dass ich die Sache der Ukrainer verraten würde», sagte die Frauenrechtlerin der Deutschen Presse-Agentur in Köln. Wenn damit jedoch gemeint sei, dass sie versuche, die Motive des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu verstehen, «dann stimmt es sogar». «Die Motive seiner Gegner muss man immer zu ergründen versuchen. Sonst kann man sich nicht effektiv wehren. Nur drauflosknallen, das kann es nicht sein.»

Von dpa

Alice Schwarzer, Journalistin, Publizistin und Gründerin, sowie Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma. Foto: Oliver Berg/dpa/Archivbild

Schwarzer hatte Ende April einen offenen Brief von 28 Prominenten an Bundeskanzler Olaf Scholz initiiert. Darin appellierten sie an den SPD-Politiker, nicht noch mehr schwere Waffen an die Ukraine zu liefern. Der Brief sei mittlerweile von fast einer halben Million Menschen unterzeichnet worden, sagte Schwarzer. «Ich halte den Brief für eine wichtige Initiative, weil er den wirklich dramatischen Gegensatz schließt zwischen der veröffentlichten Meinung in den deutschen Medien und der Meinung der Menschen, wie sie sich in Umfragen spiegelt.»

Seit der Veröffentlichung des Briefs sei die Lage nur noch weiter eskaliert. «Inzwischen ist die Gefahr eines Atomkriegs noch akuter, und Deutschland wäre als Pufferzone zwischen Russland und den westlichen Atommächten besonders gefährdet. Wir spielen wirklich mit dem Feuer.» Sie frage sich auch, was nach dem Krieg mit den Massen von Waffen geschehe, die der Westen derzeit in die Ukraine liefere. «Die landen doch auf dem Schwarzmarkt in Europa. Zur Freude der Mafia und der Islamisten.»

Die US-Regierung von Präsident Joe Biden müsse jetzt unbedingt eine diplomatische Initiative auf den Weg bringen, um einen Waffenstillstand mit Russland zu erreichen. Die einzige Lösung sei ein Kompromiss: «Dass die Ostgebiete bei der Ukraine bleiben, aber eine relative Autonomie haben - wie schon 2015 in dem Kiewer Abkommen beschlossen, aber leider nicht eingehalten wurde.» Wenn gesagt werde, die ukrainische Regierung lehne Verhandlungen mit Putin strikt ab, so frage sie sich, was die ganz normalen Menschen denken würden: «Ich glaube nicht, dass alle ukrainischen Mütter ihre Söhne begeistert in den Krieg schicken.»

Ihr leuchte auch das Argument nicht ein, dass Putin geschlagen werden müsse, da er sich sonst bestätigt fühlen könne und als nächstes vielleicht das Baltikum angreifen werde. «Er hat doch seine Lektion längst gelernt», sagte Schwarzer. «Der Westen hat viel härter und geschlossener reagiert, als er offensichtlich erwartet hat. Er hat sich da völlig verkalkuliert. Jetzt muss er irgendwie da rauskommen, und der Westen muss ernsthafte Verhandlungen anbieten. Nicht um Putin einen Gefallen zu tun, sondern um uns zu schützen - allen voran die Menschen in der Ukraine.»

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