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Missbrauchsstudie im Bistum Münster

Staatsanwaltschaft prüft Fälle auf Strafrelevanz

Münster

Die Bistumsspitze, aber auch die meisten katholischen Kirchengemeinden verhalten sich noch still. Es bleibt zunächst Bischof Felix Genn vorbehalten, auf die Missbrauchsstudie zu reagieren. Derweil hat das Gutachten die Staats­anwaltschaft Münster erreicht.

Von Ralf Repöhler und Johannes Loy

Ein Betroffener überreichte Bischof Felix Genn nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens einen Dornenkranz mit Rosen. Foto: Oliver Werner

Das durch eine Historikerkommission der Universität Münster vorgestellte Gutachten zu sexu­alisierter Gewalt im Bistum Münster hat die Staats­anwaltschaft erreicht. Deren Sprecher, Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt, be­stätigte die Weiterleitung durch Bischof Felix Genn. „Wir werden die Studie mit ge­botener Sorgfalt prüfen. Bei Hinweisen auf verfolg­bare Straftaten – und falls mögliche Täter noch leben – nehmen wir Ermittlungen auf“, sagte Botzenhardt. Nach Vorstellung der MHG-Studie 2018 hatte die Staatsanwaltschaft bereits Hunderte Akten auf strafrechtliche Relevanz geprüft.

Mindestens 610 Betroffene, mindestens 196 beschuldigte Kleriker, Tausende Missbrauchsfälle: Das Gutachten hat die Staats­anwaltschaft Münster erreicht. Sie wird die beiden überreichten Bücher sorgsam prüfen, geht allerdings laut Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt davon aus, dass sie die meisten mutmaßlichen Täter namentlich bereits kennt. Nach der ­Vorstellung der MHG-Studie 2018, eines Forschungs­projekts zum Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands, hatte die Ermittlungsbehörde Hunderte Akten auf staatsanwaltschaftliche Relevanz geprüft. Die meisten Sachverhalte im Bistum Münster liegen teils Jahrzehnte zurück, so dass Beschuldigte gestorben oder mutmaßliche Taten verjährt sind. Bei Hinweisen auf noch verfolgbare Straftaten „nehmen wir Ermittlungen auf. Wir werden jedoch nicht innerhalb einer Woche neue Verfahren einleiten können“, sagt der Oberstaatsanwalt.

Bischofsgruft  geschlossen

Stellungnahmen und Kommentare

Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) hat die Kirche zu konsequenterer Aufklärung aufgefordert. Das Gutachten zum Bistum Münster zeige, „dass es bei Aufklärung und Aufarbeitung dieser Taten noch großen Handlungsbedarf gibt“, erklärte Buschmann. Der Minister verwies auf das Angebot der Bundesregierung, bei der Aufarbeitung zu unterstützen, sowie auf die Vereinbarung im Koalitionsvertrag, die Aufarbeitung struktureller sexualisierter Gewalt zu verbessern.

Kerstin Claus, Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, und das Zen­tralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) lobten den historischen Ansatz der Studie. Dieser ermögliche es, den Fokus auf spezifische kirchensystemische Faktoren zu richten, welche die Taten begünstigt und ihre Aufdeckung verhindert hätten, so Claus. Sie unterstütze die Forderung der Autoren nach einer starken staat­lichen Beteiligung an der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche. Diese Arbeit könnte in ihrem Amt gesetzlich verankert werden.

Matthias Katsch, Sprecher der Betroffenenorganisation „Eckiger Tisch“, fordert, die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt der Kirche aus der Hand zu nehmen. Es könne nicht sein, dass die „Täterorganisation“ freiwillig Gutachten in Auftrag gebe.

Pressestimmen zum Gutachten

Jahrelange Vertuschung: Mehr Opfer als bisher bekannt

Die Historikerkommission legte am Montag (13. Juni) erschütternde Zahlen vor: Danach ist die Zahl der Betroffenen von sexuellem Missbrauch durch katholische Priester und andere Amtsträger im Bistum Münster deutlich höher als bislang angenommen. Die Wissenschaftler sprechen von einem Hellfeld von 610 Opfern. Im Dunkelfeld dürfte die Zahl mutmaßlicher Betroffener viel höher sein.

Bei den mutmaßlichen Tätern spricht die Kommission von mindestens 196 Klerikern, darunter seien 183 Priester, ein ständiger Diakon und zwölf Brüder einer Ordensgemeinschaft, die dem Bischof unterstellt sind. Vier Prozent aller Priester der Diözese haben sich nach der Studie schuldig gemacht.

90 Prozent ohne Strafverfahren

Sämtliche Bischöfe hätten nach der Forschungsarbeit, die den Zeitraum von 1945 bis 2020 betrachtete, persönlich vertuscht und verschwiegen. Auch in der Amtszeit von Bischof Genn gebe es Versäumnisse, heißt es.

Die Wissenschaftler sprechen von 610 Opfern. Foto: Ralf Repöhler

Der Schwerpunkt der Missbrauchstaten fand vor allem zwischen den 1950er- bis Mitte der 1980er-Jahre statt. Aber auch in den letzten zwei Jahrzehnten sei es zu Missbrauchstaten gekommen. Die meisten der betroffenen Minderjährigen war zwischen 10 und 14 Jahre alt. 75 Prozent der Betroffenen sind männlich, 25 Prozent weiblich. Das Dunkelfeld der Taten ist nach Einschätzung der Historiker vermutlich zehn Mal größer.

Bischöfe durchaus über Missbrauchsfälle informiert

90 Prozent der beschuldigten Kleriker haben kein Strafverfahren erfahren. Gegen 15 Männer wurde ein Strafbefehl erlassen.

Die Bischöfe seien durchaus bereits über die Missbrauchsfälle informiert gewesen, so die Kommission.

Erstmaßnahmen gegenüber Beschuldigten: 45 Prozent konnten in ihre Gemeinde bleiben, 12 Prozent wurden in den Ruhestand versetzt. Der überwiegende Rest wurde versetzt.

Es gab kaum ein Dekanat, in dem es ab 1945 nicht zu sexuellem Missbrauch gekommen ist.

Kritikwürdige Vorgänge auch bei Bischof Genn

Aus Sicht der Historiker wurden die Taten durch das Versagen der Bistumsleitungen gedeckt. Sie nannten zahlreiche Fallbeispiele. Die Bischöfe Michael Keller, Joseph Höffner, Heinrich Tenhumberg und Reinhard Lettmann hätten demnach Kenntnisse von Missbrauchstaten durch Kleriker gehabt und die mutmaßlichen Täter unter anderem in andere Gemeinden versetzt. Reinhard Lettmann gehörte unter anderem als Bischof und Generalvikar mehr als 40 Jahre der unmittelbaren Bistumsleitung an. Immer wieder sei er mit sexuellem Missbrauch konfrontiert gewesen. Auch die Namen der Weihbischöfe Max Georg von Twickel und Josef Voß wurden genannt. Stefan Zekorn wurde vorgehalten, noch 2015 mit einem mutmaßlich Täter konzelebriert zu haben.

Der damalige Weihbischof Overbeck, der heutigen Bischof von Essen, der nach dem Rücktritt Lettmanns die Geschäfte des Bistums Münster übergangsweise führte, habe in dieser Übergangszeit einen Fall der Missbrauchskommission nicht vorgelegt.

Im März 2009 wurde Dr. Felix Genn Bischof von Münster. In dessen Amtszeit seien wichtige Schritte unternommen worden, gleichwohl sei es auch zu kritikwürdigen Vorgängen gekommen. Genn habe aus Sicht der Historiker eine längere Phase benötigt, um seiner Verantwortung der Intervention gerecht zu werden.

Das Medien-Interesse ist groß. Foto: Ralf Repöhler

Leitungsversagens der kirchlichen Hierarchie

In seinen ersten Jahren als Bischof habe Genn dazu tendiert, Missbrauchstätern nicht immer mit der gebotenen Strenge zu begegnen. In einem Fall sei auf ein mögliches Strafdekret verzichtet worden. In zwei weiteren Fällen sei Rom nicht in Kenntnis gesetzt worden. Die Historiker haben den Eindruck, dass auch nach dem Jahr 2010 „nicht immer konsequent gehandelt“ worden sei. Seit einigen Jahren sei ein Übergang zu sehen, der überwiegend den Richtlinien entspreche.

Die Historiker stellen in der Zusammenfassung ein Leitungsversagens der kirchlichen Hierarchie fest. Die „klerikale Macht des heiligen Mannes“ habe die Taten begünstigt. Von den 196 mutmaßlichen Tätern hätten 58 beschuldigte Priester im Jahr 2018 noch gelebt.

Die Studie, die im Jahr 1945 ansetzt, beschäftigte sich auch mit den letzten zehn Monaten der Amtszeit des Bischofs Kardinal Graf von Galen. Er habe in dieser Zeit, so die Kommission, einen Kaplan mit dem Vorwurf des Missbrauchs aus dem Dienst genommen. Der Mann sei später wieder eingesetzt worden, danach soll es wieder zu Vorfällen gekommen sein.

Viele Fälle bereits der Staatsanwaltschaft gemeldet

Den Bistumsleitungen seit dem Jahr 1945 wird von der Historikerkommission Versagen im Umgang mit sexuellem Missbrauch bescheinigt. Prof. Dr. Klaus Große Kracht gibt allerdings auch zu bedenken, dass „Vertuschung nicht im Generalvikariat beginnt, sondern viel früher.“

Zurückhaltend sind die Wissenschaftler, ob Führungskräfte aus den Bistumsführungen sexuell übergriffig geworden seien. Prof. Dr. Klaus Große Kracht berichtet von dem bekannten Fall eines Priesters, der berichtet habe, Bischof Lettmann sei ihm gegenüber übergriffig geworden. „Es gibt solche Anschuldigungen. Wir haben nach Akten und Zeugen gesucht, aber nichts gefunden“, so Große Kracht.

Die Historiker rechnen tendenziell eher nicht mit weiteren staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nach Veröffentlichung ihrer Studie. „Viele Fälle sind der Staatsanwaltschaft bereits gemeldet worden“, sagt Prof. Dr. Thomas Großbölting.

Bischof Genn nimmt die Studie von der Historikerkommission entgegen. Foto: Ralf Repöhler

Das Bistum selbst steht mit mehr als 250 Betroffenen in Kontakt, sofern dieser gewünscht ist. 228 Anträge für sogenannte Anerkennungsleistungen liegen vor. 3,4 Millionen Euro sind - nicht aus Kirchensteuermittel, sondern aus Einkünften aus Liegenschaften des bischöflichen Stuhls - gezahlt worden.

Gutachten wird der Öffentlichkeit vorgestellt

Der Historikerkommission um Großbölting ging es nicht zuvorderst um eine juristische, sondern zuallererst um eine historische und systematische Betrachtung und Ausleuchtung von Fällen sexueller Gewalt in der katholischen Kirche im Bistum Münster. Aus den Untersuchungen ergeben sich wiederkehrende Muster von Verdrängung, Versetzung und Vertuschung rund um die Missbrauchsfälle, heißt es. Dabei geraten alle verstorbenen und lebenden Bischöfe, Generalvikare und Personalchefs in den Blick.

Video Missbrauchsstudie Bistum Münster“ in Kooperation mit dem WDR:

Das Forschungsprojekt umfasst die Jahre 1945 bis 2020, alle vorherigen Personalakten sind im Krieg verbrannt. Das Bistum hat die unabhängige Untersuchung, die hohen wissenschaftlichen Anforderungen genügt, beauftragt und finanziert sie mit etwa 1,3 Millionen Euro. „Die Wissenschaftler hatten ungehinderten Zugang zu allen Materialien“, betont Generalvikar Klaus Winterkamp.

Info

Die Ergebnisse, die einem wissenschaftlichen Buch zusammengetragen sind, werden am Montagmittag zuerst an Betroffenenvertreter und dann an den Bischof von Münster, Dr. Felix Genn, übergeben. Die Bistumsleitung kennt die genauen Inhalte der unabhängigen Studie zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs bislang nicht.

Der Bischof hat eine erste Stellungnahme abgeben und wird sich am kommenden Freitag (17. Juni) zu möglichen Konsequenzen äußern. Mit einschneidenden Maßnahmen ist zu rechnen. Das Gutachten wird über das Bistum an die Staatsanwaltschaft gehen.

Bistum Münster: Stellungnahme von Bischof Dr. Felix Genn bei der Übergabe der Studienergebnisse zum sexuellen Missbrauch

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