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Studie

Cashcamp und Flowback: Wahlprogramme oft unverständlich

Düsseldorf/Stuttgart (dpa/lnw)

Es geht um «Public Value-Privileg», um «Frack-Fluid» und den «Gender-Budgeting-Ansatz». Alles klar? Kostproben aus den Wahlprogrammen der NRW-Parteien zeigen: Einiges bleibt darin unverständlich. Laut Wissenschaftlern ist das auch Strategie.

Von dpa

Wortungetüme, Fremdwörter und überlange Bandwurmsätze machen die Wahlprogramme der Parteien zur Landtagswahl in NRW laut Studie für viele Menschen schwer verständlich. Begriffe wie «One-Stop-Agency» (CDU) oder «Hyperscaler» (SPD) bleiben für die meisten Wähler damit faktisch ebenso nichtssagend wie «Bürger*innenmedien-Kompetenzprojekte» (Grüne) oder auch das «Cashcamp» der FDP, wie eine Analyse der Uni Hohenheim ergeben hat. «Seit der letzten Wahl haben die Parteien nicht dazu gelernt», hieß es in dem am Montag veröffentlichten «Hohenheimer Verständlichkeitsindex».

Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider betonte vor der NRW-Wahl am Sonntag: «Parteien sollten ihre Positionen klar und verständlich darstellen, damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können.» Im Durchschnitt sei die Verständlichkeit der Programme mit 8,2 Punkten aber so niedrig wie bei der letzten Landtagswahl 2017 (8,1 Punkte).

Auf das formal verständlichste Wahlprogramm im Land komme die CDU mit 10,6 Punkten, gefolgt von Grünen und der Linken mit je 8,4 Punkten. Den letzten Platz belegt demnach die FDP mit 6,2 Punkten - und dem aus sprachlicher Perspektive unverständlichsten Programm.

Der Index reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich) und ergibt sich aus Faktoren wie überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern oder auch zusammengesetzten Wörtern.

Dabei seien alle Parteien in der Lage, verständlicher zu formulieren, wie gelungene Passagen in Einleitungen und Schlussteilen zeigten. Vielen sei aber nicht bewusst, dass die Mehrheit der Wähler ihren Fachjargon nicht versteht, sagte Brettschneider laut Mitteilung. Hier spreche man vom «Fluch des Wissens». Allerdings stecke auch Taktik hinter abstraktem Verwaltungsdeutsch - etwa «um unklare oder unbeliebte Positionen zu verschleiern». Parteien verschenken nach Ansicht des Experten eine Kommunikationschance bei den Bürgerinnen und Bürgern.

Mitautorin Claudia Toms zufolge schießt die FDP bei Bandwurmsätzen mit bis zu 74 Wörtern pro Satz den Vogel ab. Satz-Ungetüme habe man aber bei allen Parteien gefunden. Im FDP-Wahlprogramm ist zudem die Rede von «Gamechanger-Instrumenten» oder auch «No-Stop-Agencies» und einem «Public Value-Privileg», was dem Wähler ebenso ein Rätsel bleiben dürfte wie «Frack-Fluid» oder «Flowback» bei der Linken. Als weitere Negativbeispiele listet die Analyse «Purpose-Unternehmer*innentum» und «Gender-Budgeting-Ansatz» bei den Grünen auf, eine «Krankenhausinvestitionskostenförderung» bei der CDU oder «Verkehrsbeeinflussungsanlagen» im AfD-Programm.

Verständlichkeit sei nicht das einzige Güte-Kriterium für Wahlprogramme, deren Inhalte seien deutlich wichtiger, stellte Brettschneider klar. «Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich formuliert ist. Und unverständliche Formulierungen bedeuten nicht, dass der Inhalt falsch ist.» Aber: «Formale Unverständlichkeit stellt eine Hürde für das Verständnis der Inhalte dar.»

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