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Maik Dünow hält 1000 Schafe und verteidigt sie gegen die Raubtiere mit Herdenschutzhunden – und das sei auf Dauer unfinanzierbar

„Der Wolf verhält sich wie ein Einbrecher“

Wesel

Maik Dünow ist Wanderschäfer zwischen Wesel und Duisburg. Er hält rund 1000 Tiere. Um sie vor Angriffen von Wölfen zu schützen, setzt er auf Hunde. Auf Dauer sei dies aber nicht zu finanzieren.

Von Jörg Isringhausen

20 dieser Pyrenäenberghunde hält Maik Dünow, um seine insgesamt rund 1000 Schafe vor Wölfen zu schützen. Das ist zu kostspielig. Foto: Christoph Reichwein

Vier große Hunde stehen hinter dem Zaun und bellen respekteinflößend. Jetzt die Weide zu betreten, wäre vielleicht keine gute Idee. Schäfer Maik Dünow grinst. Verhalten sich die Hunde doch genauso, wie sie es sollen. Nur, dass heute ein fremder Zweibeiner vor dem Zaun steht und nicht ein Wolf. „Ihre Aufgabe ist es, dem Eindringling zu sagen: Kollege, wenn du hier reinspringst, gibt’s mächtig Ärger“, sagt Dünow.

Wobei seine Pyrenäenberghunde, immerhin bis zu 70 Kilo schwer, im direkten Kampf mit dem Raubtier unterliegen würden. Dafür seien die Herdenschutzhunde jedoch gar nicht da, sondern nur zur Abschreckung. Um Angst zu verbreiten. Auf den Wolf gemünzt davor, verletzt zu werden. Und das, sagt Dünow, funktioniere ausgezeichnet. „Der Wolf verhält sich wie ein Einbrecher. Er hat keine Angst vor der Tür, aber davor, was ihn dahinter erwartet.“

Ohne seine Hunde, das sagt der der 47-Jährige an diesem nasskalten Nachmittag auf den Deichwiesen in Duisburg-Walsum unmissverständlich, könnte er seinen Betrieb kaum aufrechterhalten. Zu konfliktbeladen sei das Miteinander mit dem Wolf. Den Wölfen, muss man korrekterweise sagen, denn nach Wölfin Gloria, die 2018 kam, hat sich im Wolfsgebiet Schermbeck, das ein 957 Quadratkilometer großes Gebiet umfasst, ein Rudel aus insgesamt sechs Tieren angesiedelt. Ihr Einzugsgebiet reicht von Wesel über Hünxe, Dinslaken, Rees und Dorsten bis zu Teilen von Bottrop und Oberhausen, nicht eingerechnet die weitaus umfassendere Pufferzone. Duisburg-Walsum aber, dort, wo gerade 250 von Dünows insgesamt 1000 Schafen grasen, liegt noch im Wolfsgebiet. Einziger Schutz vor den Räubern, für die eine Wiese voller Schafe so etwas ist wie ein übervolles Büffet, bieten die Hunde und ein 90 Zentimeter hoher Elektronetzzaun.

Drei Meter hoher Zaun schützt vor Wolf

Die Zäune, ob 90 oder 120 Zentimeter hoch, gefördert von der Landesregierung als „wolfsabweisende“ Schutzmaßnahme, hätten ihn nie interessiert, erklärt Dünow. Ein Zaun, der einen Wolf aufhalte, müsse drei Meter hoch sein und ein Meter tief in die Erde reichen. Die kleineren aber würden leicht überwunden, zumal, wenn Räuber wie Gloria das gelernt hätten und weitergeben an ihre Jungtiere. Gegen sie helfen aus seiner Sicht nur zwei Mittel. Das eine sind die Herdenschutzhunde. Ihre Anschaffung wird zwar gefördert, aber dem Schäfer reicht das nicht aus. „Im Unterhalt kosten die Hunde 2500 Euro pro Jahr pro Tier“, rechnet Dünow vor. Mittlerweile besitzt er 20 dieser Hunde. „Auf Dauer halten wir die Finanzierung nicht durch“, sagt er, „das kann kein Betrieb leisten.“

Zweite Lösung: Abschuss der Wölfe

Die zweite Lösung ist für Dünow die Entnahme des Wolfes. Kurz gesagt: der Abschuss. Ein heikles Thema. Gerade ist ein vom NRW-Umweltministerium nach mehreren Pony- und Schafsrissen in Kirchhellen und Hünxe in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass Gloria und ihr Rudel nicht geschossen werden dürfen. Es gebe, so die Begründung, zumutbare Alternativen zur Tötung, wie eben Zäune, Hunde oder nächtliches Aufstallen.

Dünow lässt das nicht gelten. Ein übergriffiges Rudel wie das von Gloria dürfe man nicht gewähren lassen. Weil die Jungtiere weiterziehen und ihre Kenntnisse weitergeben würden, die Probleme sich also nur verlagerten. Der Schäfer: „Man will den Wolf nicht abschießen, aber man will auch nicht dafür zahlen.

Maik Dünow, Schäfer

Dünow möchte aber nicht den Eindruck erwecken, ein Wolfshasser zu sein. Der Wolf sei nicht Schuld an der Misere, der müsse fressen, das sei seine Natur. Das Problem sei die Politik. „Wenn die Rückkehr des Wolfes eine gesellschaftliche Aufgabe ist, dann muss das auch finanziert werden“, sagt er. Stattdessen würde seitens der Behörden nicht auf die Praktiker gehört und Probleme verschleppt. Das Aufrüsten mit Schutzmaßnahmen führe dazu, dass der Wolf sich dem Nachbarn zuwende, der sich Herdenschutzhunde nicht leisten könne. Viele Schafhalter hätten aufgegeben, sagt Dünow. „Irgendwann wird man bestimmte Wölfe abschießen oder mit den Konsequenzen leben müssen.“

40 Schafe verloren

Auf der Weide ist mittlerweile Ruhe eingekehrt. Seit er die Hunde habe, sei er sorgloser, erzählt der Schäfer, weil er weiß, dass der Schaden, den die Wölfe anrichten könnten, überschaubar bleibt. Vor drei Jahren, als Gloria ihr Revier in Schermbeck eroberte, hatte Dünow noch rund 40 Schafe an die Wölfin verloren. Seither kein einziges weiteres Tier mehr. An der Seite von Dünow kommen die Hunde langsam angelaufen. Nicht sofort anfassen, rät der Schäfer, das seien keine Kuscheltiere. Schnell aber werden Streicheleinheiten eingefordert, das weiße Fell der Riesen ist stumpf und dreckig. Kälte und Nässe störe sie nicht, erklärt Dünow.

Wölfe in NRW und OWL

Sollten sich Wölfe nähern, treiben zwei Hunde die Schafe zusammen und bleiben bei ihnen, zwei halten die Angreifer in Schach. Hatte die Herde nachts Besuch, würden die Hunde am nächsten Tag kaum fressen, so aufgeregt seien sie.

Auch wenn die Herdenschutzhunde eine große Hilfe seien, sagt er, und selbst wenn ihr Unterhalt vom Land bezahlt würde, könnten sie auf lange Sicht die Probleme nicht lösen. Irgendwann gebe es so viele Wölfe, dass diese auch in die Städte gehen würden, wie jetzt schon Waschbären und Füchse. Spätestens dann, meint er, müssten sie geschossen werden. Die Politik sitze das Problem aus. „Hier draußen haben wir aber keine Zeit zu warten“, sagt Dünow. Lange habe er gehofft, dass sich die Situation unter Jägern, Landwirten und Tierhaltern klären lasse. Die Chance sei vertan. „Am Ende werden Wolf wie Schäfer die Verlierer sein.“

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