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Geraubte Kunst: NRW-Zentralstelle nimmt Arbeit auf

Düsseldorf (dpa/lnw)

Es sind nicht immer nur die hochklassigen Kunstwerke, sondern manchmal ist es auch nur ein Porzellanteller: In vielen Museen lagern heute Objekte, die früheren Eigentümern unrechtmäßig entzogen wurden. NRW will die Herkunft der Sammlungsbestände nun besser aufarbeiten.

Von dpa

NS-Raubkunst, Kolonialismus und Enteignungen in der DDR-Zeit - Museen, Archive und Bibliotheken in Nordrhein-Westfalen sollen intensiver nach unrechtmäßig entzogenen Kulturobjekten in ihren Beständen suchen. Zu ihrer Unterstützung hat die in Bonn angesiedelte Koordinationsstelle für Provenienzforschung (KPF.NRW) die Arbeit aufgenommen. Besonders kleine Museen oder Archive hätten bei der Forschung nach der Herkunft ihrer Objekte nicht die Möglichkeiten wie die «großen Tanker» der Kulturlandschaft, sagte NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen am Montag.

Die neue Kontaktstelle solle auch Anlaufstelle für Privatpersonen und den Kunsthandel sein. Das von der Provenienzforscherin Jasmin Hartmann geführte Institut werde keine eigene Forschung betreiben, aber beraten und vernetzen. In der zweiten Jahreshälfte will Hartmann Städte in ganz NRW aufsuchen und für das Thema sensibilisieren.

Der Bedarf an der Klärung der Herkunft von Kulturgut vor allem in Bezug auf die NS-Zeit ist immens. Eine Umfrage unter allen 1100 Museen in NRW habe ergeben, dass in 250 Einrichtungen für mindestens 728.000 Objekte unterschiedlicher Gattungen ein NS-verfolgungsbedingter Entzug nicht auszuschließen gewesen sei, sagte die Landesdirektorin des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), Ulrike Lubek.

Mit der Unterzeichnung der «Washingtoner Erklärung» verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland schon vor 24 Jahren, im Jahr 1998, während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmte Raubkunst zu identifizieren, die Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und gerechte und faire Lösungen zu finden.

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger sagte, viele kleinere Museen hätten nicht die Ressourcen und das Personal für Provenienzforschung und ihre Bestände noch nicht digitalisiert. Auch die Museumsbesucher müssten sensibilisiert werden für die Herkunft von Objekten. Ein Porzellanteller etwa zeige den Menschen stärker, dass unrechtmäßig entzogenes Kulturgut auch ein Thema im Alltag gewesen sei.

Arbeitsschwerpunkte der Zentralstelle sind neben Kolonialismus-Kulturgütern auch Enteignungen in der Zeit der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR. Auch das habe mit NRW zu tun. Nach Plünderungen von Schlössern auf dem Gebiet der DDR habe es auch westliche Profiteure gegeben, die von dem schwunghaften Antiquitätenhandel der 50er und 60er Jahre profitiert hätten, sagte Pfeiffer-Poensgen. Nicht zuletzt habe auch der Kolonialismus «Spuren in öffentlichen Sammlungen hinterlassen».

Die von den beiden Landschaftsverbänden LVR und LWL sowie der Landesregierung mit 1,2 Millionen Euro finanzierte Koordinationsstelle ist zunächst für drei Jahre angelegt. Angesiedelt ist die Stelle am LVR-Landesmuseum in Bonn.

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