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Ort der Varusschlacht

Spektakuläre Metall-Analysen stützen Kalkriese

Bramsche

Durchbruch bei den Forschungen zur Varusschlacht in Kalkriese: Metall-Analysen haben ergeben, dass Fundstücke auf dem Grabungsgelände eindeutig der 19. Legion des Varus zuzuordnen sind. Der Befund stärkt die These, dass wirklich ein Teil der Varusschlacht aus dem Jahre 9. n. Chr. entdeckt wurde.

Alltagsgegenstände aus Metall wie Gürtelschnallen und Gewandfibeln wurden von Annika Diekmann in Bochum chemisch untersucht. Die Analysen stützen Kalkriese als Ort, wo die 19. Legion in der Varusschlacht kämpfte und unterging. Über die neuen Erkenntnisse freuen sich (v.l.) Ortsbürgermeister Helmut Bei der Kellen (Kalkriese), Dr. Stefan Burmeister, Geschäftsführer Museum und Park Kalkriese, Annika Diekmann und Prof. Dr. Michael Prange vom Deutschen Bergbau-Museum Bochum und Landrätin Anna Kebschull. Foto: Pentermann/Grebe/Ziegenhagen/dpa

Seit drei Jahrzehnten wird in Kalkriese nördlich von Osnabrück archäologisch geforscht. Den Wissenschaftlern „sprudelten“ die Funde in jährlich neuen Grabungssessionen geradezu entgegen. Münzen, Fibeln, Waffenreste und sogar der Schienenpanzer eines Legionärs wurden entdeckt.

Nun gibt es eindeutige Indizien: In Kalkriese haben die Forscher Spuren eines Teils der Varusschlacht entdeckt. Dies ergeben „metallurgische Fingerabdrücke“, die in Analysen am Bergbaumuseum in Bochum Folgendes belegen: Die von Varus angeführte 19. Legion, phasenweise in Haltern stationiert, ist auf dem Schlachtfeld in Kalkriese klar nachzuweisen.

Chemische Analyse und Mathematik

Die Ausgangsfrage des von der VW-Stiftung mit rund 480.000 Euro geförderten Projekts „Kalkriese als Ort der Varusschlacht?“ kann also, wie der Geschäftsführer von Museum und Park Kalkriese, Dr. Stefan Burmeister, frohlockt, mit „Ja, Ausrufezeichen“ beantwortet werden.

Die von manchen Forschern erhobene These, dass Kalkriese dem Rachefeldzug des Germanicus im Jahre 15 und der „Schlacht an den langen Brücken“ zuzuordnen sei, lässt sich nach den metallurgischen Untersuchungen, bei denen Funde von Kalkriese mit Relikten aus Lagern mit Legionen des Varus respektive Germanicus verglichen wurden, nicht erhärten.

Im Mittelpunkt der Pressekonferenz stand am Mittwoch die junge Chemie-Doktorandin Annika Diekmann aus Bochum. Eine Mischung aus akkurater chemischer Analyse und Mathematik brachte den Durchbruch. An sieben Legionsstandorten in Deutschland, der Schweiz und Frankreich hatten die Forscher Buntmetalle, Alltagsgegenstände wie Gürtelschnallen oder Fibeln, in den Fokus genommen. Von diesen sei anzunehmen, dass sie häufig durch die Legionsschmieden bearbeitet, eingeschmolzen und recycelt wurden, erläutern Diekmann und Burmeister.

Forschung geht weiter

„Über zwei Jahre haben wir rund 550 Proben entnommen und mit chemischen Verfahren analysiert“, erklärt Diekmann. Die Relikte aus Kalkriese wurden mit Funden aus Haltern und Dangstetten, wo sich die 19. Legion nachweisen lässt, verglichen. Ebenso wurde ein Vergleich der Kalkriesefunde mit Funden der Legionen 2, 5, 13, 20 und 21 angestellt, die zum Heer des Germanicus zählten und deren Standorte sich in Neuss, Mainz, Vindonissa/Windisch (Schweiz), Oedenburg (Elsass/Frankreich) und „Vetera“ (nahe Xanten) befanden.

Vor wenigen Jahren kam ein zusammengepresster, aber immerhin fast komplett erhaltener Schienenpanzer eines römischen Legionärs in Kalkriese ans Tageslicht. Foto: Wilfried Gerharz

Die Metalle, die zur Reparatur in den Lagerschmieden eingesetzt wurden, enthielten nach Auskunft der Experten Spurenelemente in so geringen Mengen, dass sie von den römischen Schmieden unbemerkt blieben und auch nicht willentlich beeinflusst wurden. Diese Elemente sind über die ursprünglichen Erze, die diversen Zuschläge bei der Verarbeitung oder auch durch Anhaftungen an den Werkzeugen in die Metalle gelangt. Die Verarbeitung vor Ort führte bei den Legionen zur Ausbildung eines charakteristischen Musters in der Zusammensetzung der Spurenelemente.

„So können wir den Legionen, von denen wir wissen, an welchen Lagerstandorten sie stationiert waren, einen eigenen legionsspezifischen metallurgischen Fingerabdruck zuordnen“, erklärt Diekmann.

Zusammensetzung der Spurenelemente

Vor allem die 19. Legion, die in Haltern stationiert war, mit Varus untergegangen ist und Jahre zuvor im süddeutschen Dangstetten stationiert war, hebt sich anhand der Zusammensetzung der Spurenelemente von den anderen Legionen, die erst später in Germanien im Einsatz und an den Rachefeldzügen der Römer beteiligt waren, ab. „Beim Abgleich der Funde aus Kalkriese mit den Funden aus den anderen Fundorten stellen wir fest, dass die Funde aus Dangstetten und Kalkriese signifikante Übereinstimmungen zeigen. Die Funde, die aus Legionsstandorten kommen, deren Legionen nicht in der Varusschlacht untergegangen sind, grenzen sich hingegen deutlich von den Funden aus Kalkriese ab.“ Die Spuren verbinden also Dangstetten, Haltern und Kalkriese. „Wir können die 19. Legion in Kalkriese identifizieren“, sagt Annika Diekmann.

„Kriminaltechnisch wäre jetzt der Täter überführt. Die Spurensicherung hat ein weiteres starkes Indiz für Kalkriese als Ort der Varusschlacht erbracht“, bekräftigt Stefan Burmeister.

Wie es in Kalkriese weitergeht

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