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Spendenaktion für Flutopfer

Kita-Leiter: „Das bedeutet uns so viel“

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Mehr als 140 Kinder besuchen eigentlich die Kita Blandine-Merten-Haus in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das Gebäude wurde durch die Flutkatastrophe zerstört – aber das ist nicht die einzige Sorge des Teams.

Von Gunnar A. Pier

Aufräumen, um sich abzulenken: Kita-Leiter Stefan Ibs und seine Stellvertreterin Gudrun Seydel blinken hoffnungsvoll in die Zukunft, weil für ihr Blandine-Merten-Haus in Bad Neuenahr zumindest für den Übergang bereits eine gute Lösung gefunden wurde.
Foto: Gunnar A. Pier

Das Gebäude ist zerstört, das Interieur entsorgt, das Spielgelände verwüstet – aber das Schlimmste, sagt Leiter Stefan Ibs, sei die Ungewissheit: Wie geht es den Kindern und ihren Familien – sind überhaupt noch alle am Leben? „Wir wissen es bis heute nicht von allen.“

Es dauerte am Abend des 14. Juli 2020 nur ein paar Stunden, dann war nichts mehr übrig vom Leben im schönen Ahrtal. Eine Flutwelle ungeahnten Ausmaßes rauschte über die Orte hinweg. Sie erwischte auch das Blandine-Merten-Haus, eine relativ große Kita im Ortsteil Bad Neuenahr unweit des Flusses, die nun ebenfalls Gelder aus der Spenden­aktion unserer Zeitung erhält.

Etwa zwei Meter hoch stand das Wasser in den Straßen um die Einrichtung. Die dreckige Mischung aus Flusswasser und teils mit Schadstoffen belastetem Schlamm verteilte sich in den sieben Gruppenräumen und drang ins Mauerwerk ein. Ob das Gebäude erhalten werden kann oder abgerissen werden muss, ist noch nicht ganz klar. Die Dämmung in den Wänden hatte sich vollgesogen. Experten untersuchen noch immer die Folgen.

Gut drei Wochen später liegt noch immer ein großer Sperrmüllhaufen vor dem Haus, darin Möbel, aber auch selbstgemalte Bilder und Gebasteltes der über 140 Kita-Kinder. Die alltägliche Frage von Eltern, ob sie die mit so viel Herzblut von ihren Kindern fabrizierten Kunstwerke für immer aufbewahren müssen oder heimlich wegwerfen dürfen – hier hat sie die Natur beantwortet.

„Ich lasse das alles noch gar nicht richtig an mich ran“, beschreibt die stellvertretende Leiterin Gudrun Seydel ihre Gemütslage. Noch funktioniere sie, versuche die Lage bei ihr zu Hause unter Kontrolle zu bringen, Bekannten zu helfen, an die Zukunft der Kita zu denken. „Aber die Emotionen werden noch kommen“, ist sie sicher. „Das ist doch hier viel mehr als unsere Arbeit!“ Es ist ihr Leben.

Was den Betroffenen hilft, ist die große Anteilnahme landauf, landab – das wird auch im Blandine-Merten-Haus wieder deutlich. Und viel wichtiger als die materielle Hilfe, bedeutender als Geld- und Sachspenden ist „die emotionale Zuwendung“, wie Kita-Leiter Ibs es formuliert. Die Spendenbereitschaft regis­triert er mit großer Erleichterung: „Das bedeutet uns so viel, weil wir merken: wir sind nicht allein.“

Die Hilfsbereitschaft war so überwältigend, dass die Kita schon eine Woche nach der Katastrophe einen Aktionstag organisierte. Rund 150 Helfer, erinnert sich Ibs, kamen, um das Gebäude auszuräumen, Schlamm wegzuschippen, Laminat auszureißen. „Für viele war es vielleicht auch so eine Art Selbsterhaltungstrieb“, vermutet Ibs. „Sie waren getrieben von dem Gefühl: Ich muss jetzt was tun! Viele waren selber betroffen und wollten vielleicht auch mal was anderes sehen als das eigene Chaos.“ Helfen zu können hilft also auch den Helfern.

Bis Ende vergangener Woche wurden die Kita-Kinder, die Betreuung benötigten, in anderen Einrichtungen untergebracht. Jetzt hat das Blandine-Merten-Haus Sommerferien. Danach beginnt der Betrieb wieder in einer Not-Kita, die das Bundesamt für Katastrophenschutz in einer Katastrophenschutzschule einrichtet. „Für uns ist das ein Lichtblick“, strahlt Gudrun Seydel. Denn wenn auch die Räumlichkeiten neu und ungewohnt sein werden: „Wir sind als Team wieder zusammen und alle Kinder können an einem Ort betreut werden.“ Jedenfalls alle Kinder, die die Katastrophe unbeschadet überstanden haben.

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