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Christopher Street Day

Tödliche Attacke gegen Malte C.: Prozess startet am 13. Februar

Münster

Der gewaltsame Tod des 25-jährigen Malte C. am Rande des Cristopher Street Day (CSD) löste bundesweit Trauer und Entsetzen aus. Nun steht der Prozesstermin fest: Ab 13. Februar muss sich der Tatverdächtige vor dem Landgericht Münster verantworten.

Von Simon Beckmann, Ralf Repöhler, Anna Spliethoff, Dirk Anger, Thorsten Neuhaus, Karin Völker, Luca Pals und Martin Kalitschke

Die Anteilnahme nach dem gewaltsamen Tod von Malte C. am Rande des CSD war groß. Foto: hpe (Archivbild)
  • Am 27. August 2022 sind beim Christopher Street Day (CSD) 10.000 Menschen durch die Innenstadt von Münster gezogen.
  • Am Rande des CSD wurde der 25-jährige Malte C. von einem 20 Jahre alten Mann attackiert.
  • Am 2. September erlag Malte C. seinen schweren Verletzungen. Noch am selben Tag haben Tausende bei einer Kundgebung auf dem Prinzipalmarkt ein Zeichen für Toleranz und gegen Gewalt gesetzt.
  • Das Landgericht Münster hat gegen den 20-jährigen Tatverdächtigen Anklage erhoben.

Fünf Monate liegt der gewaltsame Tod von Malte C. am Rande des münsterischen Christopher Street Day (CSD) zurück. Nun steht der Termin für den Prozessbeginn fest. Ab dem 13. Februar (9 Uhr) muss sich der 20-jährige Nuradi A. vor dem Landgericht Münster verantworten. Bereits im November hat die Staatsanwaltschaft Münster Anklage erhoben. Der Vorwurf lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge. Zunächst sind zehn Verhandlungstage festgesetzt, teilte ein Behördensprecher mit.

Angeklagter sitzt weiter in Untersuchungshaft

Der Angeklagte sitzt nach wie vor in der Justizvollzugsanstalt Herford. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Siegmund Benecken aus Marl, sagte am Montag gegenüber unserer Redaktion, dass Nuradi A. vor Gericht nicht zu der Tat schweigen werde: „Er wird sich einlassen“, so Benecken. Dies könne zur Folge haben, dass der Prozess früher endet als geplant. Derzeit ist der letzte Verhandlungstag für den 17. April angesetzt. Gegenüber den Ermittlungsbehörden hat sich der Angeklagte bislang nicht zum Tatvorwurf geäußert.

Der Mann war am 2. September festgenommen worden und ist seitdem in Untersuchungshaft. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft hat er am 27. August am Rande des CSD am Hafenplatz mehrere Teilnehmende queerfeindlich beleidigt. Als ihn der Transmann Malte C. aufgefordert habe, dies zu unterlassen, soll der Angeklagte „sofort“ und „äußerst aggressiv“ auf den 25-Jährigen zugegangen sein und ihm unter anderem einen „wuchtigen Schlag“ ins Gesicht versetzt haben.

Tod in Folge des schweren Schädel-Hirn-Traumas

Malte C. soll daraufhin regungslos mit dem Hinterkopf auf dem gepflasterten Boden aufgeprallt sein. Dabei habe er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten, an dessen Folgen er am 2. September verstarb. Bei der Obduktion der Leiche haben Rechtsmediziner ein schweres Schädel-Hirn-Trauma festgestellt. Malte C. verstarb nach Angaben der Staatsanwaltschaft an einer schweren Lungenentzündung und schweren Herzrhythmusstörungen. „Diese waren Folgen des erlittenen Schädel-Hirn-Traumas“, so die Staatsanwaltschaft.

Am 16. November hatte die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Tatverdächtigen erhoben. In einer damals veröffentlichten Pressemitteilung betonte die Behörde, dass es „zu keinem Zeitpunkt“ Anhaltspunkte für einen bedingten Tötungsvorsatz bei Nuradi A. gegeben habe. Spätestens mit Ausführung eines zweiten Schlages soll dieser jedoch schwere Verletzungen seines Opfers „für möglich gehalten und diese billigend in Kauf genommen“ haben.

Eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie war laut Staatsanwaltschaft in einem Sachverständigengutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten zu dem Schluss gekommen, dass der Angriff nicht auf eine homophobe oder queerfeindliche Einstellung des 20-Jährigen zurückzuführen sei. Der Tatverdächtige war in der Vergangenheit wiederholt wegen Gewalt- und Drogendelikten aufgefallen.

Tod von Malte C. löste bundesweit Entsetzen aus

Der Tod von Malte C. löste nicht nur in Münster, sondern bundesweit Trauer und Entsetzen aus. Bundesinnenministerin Nancy Faeser sprach von einem „Hassverbrechen“ und kündigte ein konsequentes Vorgehen gegen Diskriminierung und Gewalt an. Auf der Rathaustreppe in Münster war die Anteilnahme für den gestorbenen Malte lange deutlich sichtbar. Viele Menschen legten Blumen, Plakate und Kerzen in Gedenken an den 25-Jährigen nieder.

Anfang Oktober fand auf dem Waldfriedhof Lauheide in Münster eine Trauerfeier statt. Etwa 250 Menschen waren gekommen, um sich von Malte C. zu verabschieden. Heiko Philippski vom Schwulenzen­trum KCM hatte vorab mit etwa 1000 Menschen gerechnet. Bürgermeisterin Angela Stähler bezeichnete Malte als mutig, weil er einen Konflikt anstatt mit Gewalt mit Worten lösen wollte. Sie mahnte zudem, dass die tödliche Attacke zeige, „dass wir uns noch mehr für Toleranz einsetzen müssen“. Die Beerdigung hat im engsten Familienkreis stattgefunden.

Die Zivilcourage von Malte C. würdigen

Mit der Trauerfeier wollten 13 Vereine, Initiativen und Gruppen aus Münster – hauptsächlich aus der queeren Community – sowie das Amt für Gleichstellung der Stadt die Zivilcourage von Malte C. würdigen und auch ein entscheidendes Zeichen gegen Queerfeindlichkeit setzen, hieß es in einem offenen Brief an die Stadtgesellschaft.

Auch die Polizei Münster zeigte sich am Tag der Beerdigung solidarisch mit Malte C.: Münsters Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf zeigte sich bei Twitter mit Regenbogenfahne im Kreis von Polizistinnen und Polizisten.

Bundesweit hatten am Tag der Beerdigung zahlreiche Behörden an öffentlichen Gebäuden und Geschäftsleute Regenbogenflaggen als Zeichen der Solidarität gehisst. In Düsseldorf hatte sich das NRW-Familienministerium angeschlossen. Auch das Sozialministerium des Landes Brandenburg in Potsdam hatte die Regenbogenflagge gehisst.

Video in Kooperation mit der Lokalzeit Münsterland:

Reul: „Sein Mut hat ihn letztlich das Leben gekostet“

Den Angriff auf Malte C. war auch Thema im Landtagsinnenausschuss. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) kündigte dort an, dass homophobe und queerfeindliche Straftaten in der Kriminalitätsstatistik in Nordrhein-Westfalen künftig besser ausgewiesen werden sollen. „Ich möchte den Angehörigen des jungen Mannes, der mit seinem Handeln viel Zivilcourage bewiesen hat, mein herzliches Beileid aussprechen“, sagte Reul. „Sein Mut hat ihn letztlich das Leben gekostet.“

Seit 2017 seien 18 solcher Straftaten in NRW registriert worden. Bei acht dieser Taten seien 13 Verdächtige ermittelt worden. Er würde das Dunkelfeld künftig besser gerne ausleuchten und mehr über die Täter wissen: „Was sind das eigentlich für Menschen, die andere wegen ihrer sexuellen Orientierung angreifen?“, fragte Reul.

Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf

Münsters Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf erklärte im Zusammenhang mit der Tat, dass Münster für Weltoffenheit, Vielfalt und Zivilcourage stehe. „Der schreckliche Vorfall zeigt, wie wichtig es ist, dass wir diese Werte schützen und als Gesellschaft zusammenstehen. Gerade jetzt! Wir als Polizei wollen mit unserer Arbeit einen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft leisten.“

Die erste Ratssitzung nach der tödlichen Attacke hat zudem mit einer Schweigeminute begonnen. „Der Angriff gegen eine queere Person ist schrecklich“, sagte Oberbürgermeister Markus Lewe. „Er geht uns alle an.“ Die Stadt Münster müsse ein sicherer Ort für alle Menschen sein, hob Lewe vor der Schweigeminute hervor. „Der Tod eines jungen Menschen erschüttert uns.“

Kundgebung mit mehr als 5000 Menschen

Auf dem Prinzipalmarkt in Münster wurde am 2. September außerdem ein starkes Zeichen der Solidarität und Anteilnahme gesetzt. Nach Angaben der Polizei versammelten sich mehr als 5000 Menschen – zum Gedenken an den verstorbenen Transmann Malte. Mit der Kundgebung sollte ein Zeichen gegen Gewalt gegen queere Menschen gesetzt und an den verstorbenen 25-Jährigen erinnert werden.

An der Kundgebung haben unter anderem auch Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe und NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne) teilgenommen. Die Kundgebung startete mit einer Schweigeminute, es folgten emotionale Redebeiträge.

Bischof Genn: „Barbarische, irrsinnige Tat“

Bischof Dr. Felix Genn äußerte am Tag der Kundgebung in einer Mitteilung seine Erschütterung über den Tod des Mannes: „Ein junges Leben wurde ausgelöscht. Was für eine barbarische, was für eine irrsinnige Tat.“ Der Bischof richtete den Blick zudem nach vorne: „Wir dürfen aber bei der Erschütterung und Trauer nicht stehen bleiben. Wir müssen laut unsere Stimme erheben (...). Wir müssen und werden uns mit allen friedlichen Mitteln gegen diese Tendenzen zur Wehr setzen.“

Oberbürgermeister Markus Lewe zeigte sich in einer Pressemitteilung ebenfalls bestürzt: „Der Tod des jungen Mannes erschüttert mich zutiefst. Wir sind unendlich traurig. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie, seinen Freundinnen und Freunden.“

Lewe betonte: „Dieser Angriff gegen eine queere Person ist schrecklich. Er geht uns alle an. Unsere Stadtgesellschaft ist weltoffen und tolerant und wird weiter dafür kämpfen, ein sicherer Ort für marginalisierte Menschen zu sein.“

Heiko Philippski vom KCM-Schwulenzentrum

Von einer „widerwärtigen Tat“ sprach Heiko Philippski vom KCM-Schwulenzentrum in Münster. „Wir sind alle noch vollkommen sprachlos und in tiefer Trauer, dass ein so junger Mensch, der zur Hilfe herbeigeeilt ist, auf diese Art und Weise aus dem Leben gerissen wurde. Er hat sein ganzes Leben noch vor sich gehabt“, sagte er. Dass so etwas ausgerechnet in Münster, einer schönen, lebenswerten und weltoffenen Stadt, in der sich die verschiedenen Kulturen austauschen und bereichern, passiere, sei unbegreiflich.

Diese Tat mache aber nicht nur wütend, sondern schaffe auch Angst, so Philippski. Er habe beobachtet, dass auch die Angstschwelle in Münster gestiegen sei. „Einige trauen sich nicht mehr, ihre Regenbogenutensilien offen zu tragen“, sagte er. „Durch solche Taten dürfen wir uns aber nicht zurückschrecken lassen, sondern müssen mutig vorangehen.“

Queerfeindliche Einstellungen werden nach Einschätzung des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) durch soziale Medien verstärkt. Schon seit vielen Jahren gebe es in der Gesellschaft solche menschenfeindlichen Einstellungen, die durch die „Echokammern“ im Internet noch angeheizt würden, kritisierte René Mertens vom LSVD auf WDR 5. Soziale Medien tragen nach seiner Einschätzung dazu bei, dass „homophobe Sprüche und queerfeindliche Ideologien“ in Hass und Gewalt umschlagen. „Wir brauchen die Solidarität der gesamten Gesellschaft“, mahnte Mertens. „Queerfeindlichkeit geht uns alle an.“

Lokale Politik spricht von „Mahnung zu Toleranz“

Lia Kirsch, Fabian Schulz und Lena-Rosa Beste von der SPD Münster sprachen davon, dass die Gesellschaft geschlossen gegen Diskriminierung und Gewalt einstehen müsse. Die CDU bezeichnete den Tod „als eindringliche Mahnung zu Toleranz und menschlichem Umgang“.

Ali Saker aus dem Kreisverband der Grünen bemerkte, dass Maltes mutiges Einstehen für den Schutz der Queer-Community nicht vergessen werde. „Es ist eine Erinnerung daran, dass der CSD und das Feiern von Pride und Vielfalt von entscheidender Bedeutung sind, um Trans- und Homofeindlichkeit in unserer Gesellschaft zu bekämpfen.“

Video in Kooperation mit dem WDR:

Janna Frydryszek, Jugendbildungsreferentin der DGB-Jugend Münsterland, verurteilte die „feige Tat“ auf das Schärfste: „Diese Tat zeigt vor allem, dass alle Erfolge im Kampf für Gleichberechtigung der LGBTQIA+ keine Selbstverständlichkeit sind.“ Beim Spiel des SC Preußen Münster gegen Köln II wird es außerdem eine Schweigeminute geben.

Unter anderem äußerte auch die Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, auf Twitter ihr Mitgefühl.

In den Sozialen Netzwerken gab es an vielen Stellen Solidaritätsbekundungen. Entsetzen und Bestürzung zogen sich durch die Beiträge. Bei Twitter trendete der Hashtag "#Malte".

Münsters FDP-Vorsitzender Jörg Berens äußerte sich auf Twitter ebenfalls.

Anteilnahme äußerte auch die Partei Volt:

Doch auch weit über Münster hinaus sorgte der Tod des 25-jährigen Transmanns für Bestürzung – so auch beim Bundesfamilienministerium.

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