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Messe

Pflegemesse Rehacare startet neu

Düsseldorf (dpa/lnw)

Immer mehr Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Der Markt für Hilfsmittel wächst stetig. Doch nicht alles zahlt die Krankenkasse.

Von Dorothea Hülsmeier, dpa

Koen Breugem fährt im ibot-Rollstuhl der Firma 2Kerr Mobility. Foto: Federico Gambarini/dpa

Steffen Uphoff leidet seit seiner Geburt an spastischen Störungen. Seine Gelenke und Muskeln versteifen. Um längere Strecken zurücklegen zu können, braucht er einen Rollstuhl. Nun steckt der 31-jährige Wilhelmshavener in einem schwarzen Ganzkörperanzug mit 58 Elektroden, die seine Muskeln stimulieren. Eine Stunde am Tag trägt er den eng anliegenden Anzug, dann zieht er wieder seine Alltagskluft an und kann sich nach eigenen Angaben ein bis zwei Tage besser und mit weniger Anstrengung bewegen.

Der Elektrodenanzug ist eine der Neuheiten der internationalen Pflegemesse Rehacare, die nach zwei Jahren coronabedingter Pause am Mittwoch in Düsseldorf startet. Bis Samstag zeigen knapp 700 Aussteller aus fast 40 Ländern Produkte, die das Leben von behinderten und pflegebedürftigen Menschen erleichtern sollen.

Im Fokus der Messe stehen dieses Jahr unter anderem Hilfsmittel für Kinder und behindertengerechte Umrüstungsmöglichkeiten für Autos, wie Messe-Direktor Hannes Niemann am Montag sagte.

Ende 2021 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts rund 7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland - das ist fast jeder zehnte. Mehr als 4,1 Millionen Menschen waren Ende 2019 laut Pflegestatistik pflegebedürftig. Von ihnen wurden etwa 3,3 Millionen zuhause versorgt.

Pflege und Rehabilitation sind ein wachsender Milliardenmarkt: Allein die gesetzlichen Krankenkassen gaben im vergangenen Jahr fast 9,8 Milliarden Euro für Hilfsmittel aus. Hinzu kamen zahlreiche privat finanzierte Produkte.

Hochtechnisierte Hilfsmittel wie etwa den Ganzkörperanzug «Exopulse Mollii Suit» muss man sich allerdings auch leisten können. 7500 bis 8500 Euro kostet der Anfang des Jahres in Deutschland eingeführte Anzug nach Angaben der Firma Ottobock. Die Kostenübernahme steht nach Angaben des Marktmanagementleiters Daniel Hublitz «noch in den Anfängen». Viel müsse noch privat gezahlt werden.

Getragen werden könne der Anzug von Kindern und Erwachsenen mit Spastiken, Multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall, um ihre Mobilität zu stärken und Schmerzen zu lindern. Patienten könnten dadurch etwa auch wieder Gläser greifen, Schuhe zubinden «oder das Gehen wieder für sich entdecken», so Hublitz.

Mit Preisen ab 30.000 Euro aufwärts ist auch der geländegängige Elektrorollstuhl «ibot» mit vier Rädern nicht gerade preiswert. Gehbehinderte Menschen können mit dem Rollstuhl nicht nur Treppen überwinden, sondern den Sitz auch hochfahren und so auf Augenhöhe mit Nichtbehinderten kommen oder etwa im Supermarkt Lebensmittel aus hohen Regalen holen. Dafür stellt sich der Rollstuhl auf zwei Räder - die Technik übernimmt das Halten des Gleichgewichts. Produziert wird das Gefährt in den USA und in Europa von einer niederländischen Firma vertrieben.

Eine Kamera - etwa so groß wie ein USB-Stick - liest sehbehinderten Menschen alles Gedruckte vor. Sie kann aber auch eingespeicherte Gesichter erkennen und Geldscheine. Sie kostet in zwei Ausführungen 3745 oder 4815 Euro und kann nach Angaben des Herstellers Orcam als Hilfsmittel bei Krankenkassen eingereicht werden.

Nach zweieinhalb Jahren Corona-Pandemie rückt die Rehacare auch das Thema Long Covid - also länger anhaltende Beschwerden nach Corona-Infektionen - in den Vordergrund. Betroffene sollen sich auf der Messe fachübergreifende Plattform mit Experten austauschen können. Rund 160 Selbsthilfegruppen zu Long Covid seien bundesweit bereits gegründet worden, sagte Martin Danner, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe.

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