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Studie: Zu wenige Fachkräfte für Ganztagsbetreuung

Gütersloh (dpa/lnw)

In einer Studie wird Alarm geschlagen: Wenn die Politik nicht handelt, bleibt der garantierte Ganztagsplatz für alle Grundschulkinder in NRW ein leeres Versprechen. Gewerkschaften und Opposition drängen die Landesregierung zum Handeln.

Von dpa

Schülerinnen und Schüler einer Grundschule sitzen in ihrem Klassenraum. Foto: Marcel Kusch/dpa/Symbolbild

Bis Ende des Jahrzehnts hat jedes Grundschulkind Anspruch auf Ganztagsbetreuung - um allen Kindern in Nordrhein-Westfalen diesen garantierten Platz auch wirklich anbieten zu können, fehlen einer Studie zufolge aber Tausende Erzieherinnen und Sozialpädagogen. «NRW kann die Umsetzung des Rechtsanspruchs nicht für alle Kinder bis 2030 stemmen, denn der Fachkräftebedarf ist bis dahin kaum zu decken», sagte Kathrin Bock-Famulla, Hauptautorin der am Dienstag von der Bertelsmann Stiftung veröffentlichten Studie «Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule 2022».

In NRW nutzen demnach derzeit 49 Prozent der Grundschulkinder ein Ganztagesangebot. Weitere 19 Prozent besuchen ein «Übermittagsangebot» bis 14.30 Uhr. Das entspricht jeweils ungefähr dem westdeutschen Schnitt.

Die Studie spielt mehrere Szenarien durch: Um bis Ende des Jahrzehnts allen Grundschulkindern einen Ganztagsplatz bieten zu können, fehlen gut 260.000 Plätze und 17.000 Fachkräfte. Würde man nur die heutige Quote der ostdeutschen Bundesländer - wo mehr als vier von fünf Kindern Ganztagsbetreuung bekommen - anpeilen, wären es noch 13.000 Fachkräfte. Und sollte ein Teil der Kinder weiterhin die kürzere Übermittagsbetreuung in Anspruch nehmen, wären es noch 7000. Laut Prognose kommen aber bis 2030 nur um die 3000 neue Fachkräfte dazu.

NRW brauche sofort einen Masterplan für ein ausreichendes und professionelles Fachkräfteangebot, hieß es. Das bevölkerungsreichste Bundesland teilt die Probleme mit den anderen westdeutschen Flächenländern. In Berlin, Hamburg und Thüringen gibt es dagegen genügend Personal für die Umsetzung - und zwar bei einem guten Betreuungsschlüssel. Auch in den anderen ostdeutschen Ländern kann jedem Kind ein Ganztagsplatz geboten werden, allerdings ist dort die Personalausstattung weit unter dem West-Niveau.

Im Koalitionsvertrag der neuen schwarz-grünen Regierung in NRW heißt es, man wolle eine «Fachkräfte- und Qualitätsoffensive» bei der frühkindlichen Bildung und beim schulischen Ganztag. «Ein begrüßenswerter Ansatz. Die neue Landesregierung darf allerdings keine Zeit verlieren, diesen umzusetzen. Sonst kommen wir einem Kollaps der Systeme immer näher», sagte Sandra van Heemskerk von der Gewerkschaft komba, die unter anderem Beschäftigte der Kommunen vertritt.

«Der Koalitionsvertrag bleibt in diesem Punkt viel zu vage», kritisierte Jochen Ott, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag. CDU und Grüne würden nicht verraten, welche Maßnahmen sie angehen möchten. «Diese mangelnden Ideen schon zum Start einer Legislatur sind ein schlechtes Zeichen», sagte er. Nun räche sich die Untätigkeit der Landesregierung in den vergangenen Jahren, die Studie müsse ein «Alarmsignal» sein.

Stephan Osterhage-Klingler von der Bildungsgewerkschaft GEW forderte einheitliche Qualitätsstandards. Es brauche Tarifverträge für alle Fachkräfte und weiteren Beschäftigten im Ganztag, über den Tag gestückelte Dienstzeiten müssten vermieden werden.

Bund und Länder hatten im vergangenen September einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule beschlossen, der schrittweise eingeführt wird. Ab dem Schuljahr 2026/2027 greift die Regelung bei Kindern der 1. Klasse, ab 2029/2030 bei allen Klassen. Beim Städte- und Gemeindebund kann man sich nach heutigem Stand eine Umsetzung ab 2026 aber nicht vorstellen. Das sagte Hauptgeschäftsführer Christof Sommer der «Rheinischen Post». «Spätestens 2024 müssen wir uns ehrlich machen und kritisch prüfen, ob der Starttermin zu halten ist», sagte er.

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