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Die Flutkatastrophe im Ahrtal hinterließ viele persönliche Schicksale

„Wir sind jetzt arme Leute“

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Die Flutwelle hat vielen im Ahrtal die Heimat genommen. Asam Aljeet ist 2014 aus Syrien nach Bad Neuenahr gezogen und wurde dort von der Flut überrascht. Seine Kinder würden gerne nach Münster ziehen, doch er fühlt sich verpflichtet:„Ich muss hier bleiben, ich muss helfen!“

Von Gunnar A. Pier

Asam Aljeet in dem Raum, der mal das Badezimmer seiner Familie war: Die Flutwelle hat am 14. Juli 2021 seine komplette Wohnung in Bad Neuenahr-Ahrweiler zerstört. Wie es weitergeht, weiß der 36-Jährige nicht. Chaos nach der Flut selbst im ersten Obergeschoss: Das Haus von Familie Coßmann in Mayschoß wird abgerissen. Foto: Gunnar A. PierMelanie Coßmann

Asam Aljeet steht zwischen den kahlen Betonwänden in seinem Badezimmer und zuckt mit den Schultern. Wie es weitergehen soll? „Wir sind jetzt arme Leute“, sagt er immer wieder. Aber aufgeben und wegziehen – das kommt für den Vater von vier Kindern nicht in Frage: „Wir können doch nicht alle diese Stadt verlassen“, sagt er nachdenklich. „Ich muss hier bleiben, ich muss helfen!“

Als am 14. Juli 2021 ohne ernstzunehmende Vorwarnung die mehrere Meter hohe Flutwelle durch das Ahrtal rauschte, verloren Tausende Menschen ihre Heimat. Das Wasser kam wie ein reißender Strom und zerstörte erbarmungslos alles.

Zwischen Zusammenhalt und Hilflosigkeit

Asam Aljeet ist 2014 aus Syrien nach Deutschland gekommen. Er hatte sich gut eingerichtet, lebte mit Frau und vier Kindern (2/5/9/11) zur Miete in einer groß­zügigen 130-Quadratmeter-Wohnung im Ortsteil Bad Neuenahr. Doch die Wohnung liegt im Erdgeschoss und die Ahr fließt nur eine Straßenecke weiter. Das wurde ihm in jener Juli-Nacht zum Verhängnis. Innerhalb kürzester Zeit wuchs das langsam steigende Hochwasser zur verheerenden Flutwelle an. Wenn er heute an der Badezimmerwand zeigen möchte, wie hoch das Wasser stand, muss er sich recken.

Seine Familie konnte Asam Aljeet in Sicherheit bringen. Die schlafenden Kinder schleppte er zunächst zu den Nachbarn im ersten Obergeschoss, später trafen sich alle noch eine Etage höher. Der alten Frau, deren Hilferufe er aus dem Nachbarhaus über den Hinterhof schallen hörte, konnte er nicht mehr helfen, zu ­reißend waren die Wasser­massen. Die Frau ertrank.

Asam und seine Familie blieben zwei Tage bei den Nachbarn in der dritten Etage, teilten sich die Lebensmittel, warteten auf Ruhe.

Abriss und Neuaufbau

Gute zehn Flusskilometer aufwärts hat Melanie Coßmann (31) in der Nacht ähnlich Dramatisches erlebt. Mit ihrem Mann und Sohn Jakob (5) wohnt sie in Mayschoß. Zwölf Jahre lang hat die junge Familie ihr Einfamilienhaus nach und nach renoviert, jetzt war es fast fertig. Doch das fehlende Laminat haben sie inzwischen abbestellt: Das Hochwasser hat den Traum zerstört. Es füllte den Keller und das Erdgeschoss und stand noch in der ersten Etage bis zur Tischkante. „Das ging rasend schnell“, erinnert sich die 31-Jährige. Bald stand sie bis zur Brust im Wasser, wollte nicht weggehen, weil sie ihren Mann nicht zurücklassen wollte, der sich noch um seine Eltern kümmerte. Jakob war in Sicherheit bei Freunden, aber ansonsten war da nichts mehr sicher.

Das Haus von Melanie Coßmann und ihrer Familie in Mayschoß wurde durch die Flutkatastrophe am 14. Juli 2021 im Ahrtal komplett zerstört. Foto: Melanie Coßmann

Inzwischen steht für die Coßmanns fest: Sie reißen das Haus ab und möchten an der selben Stelle neu bauen. Die Statik ist stabil, „aber in jeder Ritze sind Schlamm und Heizöl, es wachsen überall Pilze“. Das neue Haus soll gerne etwas höher werden: „Ich will wieder in Ruhe schlafen können.“ Bis dahin wohnt die Familie in der Wohnung von Bekannten, die zufällig leer stand.

Ausweg Münster?

Für Asam Aljeet und seine Familie ist die jetzige Lage weniger kommod und die Zukunft ungewisser. Sie sind in einer Unterkunft in der Nähe des Nürburgrings untergekommen. Jeden Tag fährt der 36-Jährige die 60 Kilometer nach Bad Neuenahr, um seine Kinder zur Kita und den jeweiligen Schulen zu bringen. Den Tag über rackert er in seiner Wohnung, dann sammelt er die Kinder wieder ein und fährt zurück in die provisorische Bleibe. In zwei Monaten, hofft er, sind die Wände endlich trocken. Dann kann verputzt werden, der Wiederaufbau beginnt.

Er könnte gehen, die Stadt verlassen wie viele andere, die alles verloren haben. „Aber ich bin nicht so“, sagt er – und fast wirkt es, als verzweifele er selbst an seiner Haltung. Seine Kinder würden gerne nach Münster ziehen, wo ihr Onkel lebt. „Aber ich lebe hier, ich bin wie hier geboren“, sagt Asam Aljeet.

Dann fällt ihm noch etwas ein. Er geht voran ins Wohnzimmer, das per Plane abgetrennt ist. Ganz oben an der Wand, sagt er, hing ein Kreuz fast unter der Zimmerdecke. „Das Wasser ist nur bis zu den Füßen von Jesus gestiegen“, sagt er.

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