1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Als der Papst Paderborn besuchte

  6. >

Vor 25 Jahren machte Johannes Paul II. Station im Hochstift

Als der Papst Paderborn besuchte

Paderborn

Für die Menschen im Hochstift ist es eines der Jahrhunderter­eignisse: Am Freitag, 21. Juni 1996, besucht Papst Johannes Paul II. als erste ­Station auf seiner dritten und letzten Deutschland­reise Paderborn. Drei Tage lang steht die alte Bischofsstadt im Blickpunkt der Welt.

Von Matthias Band

Im Hohen Dom zu Paderborn feiert Papst Johannes Paul II. mit Vertretern christlicher Kirchen einen ökumenischen Gottesdienst. Foto: Erzbistum Paderborn

Einer der Höhepunkte vor 25 Jahren ist der Gottesdienst mit 80.000 Gläubigen am 22. Juni. Er wird unter freiem Himmel auf dem ehemaligen Militärflugplatz in der Senne bei Bad Lippspringe gefeiert. Sechs Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung will der Papst, damals 76 Jahre alt, unter dem Leitwort „Einig in der Hoffnung“ mit seinem Besuch in Paderborn und Berlin ein Ausrufezeichen für die Einheit setzen.

799 hatten Papst Leo III. und Karl der Große an den Paderquellen den Grundstein für die Gründung des heutigen Erzbistums gelegt. 1197 Jahre später betritt mit Papst Johannes Paul II. am 21. Juni erstmals wieder ein katholisches Kirchenoberhaupt den Boden der Erzdiözese. Etwa 4500 Menschen heißen den Pontifex auf dem Rollfeld des Paderborner Flughafens willkommen, darunter auch dama­lige Würdenträger wie Bundespräsident Roman Herzog, NRW-Ministerpräsident Johannes Rau und Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt. Die Menschen jubeln dem Papst zu: „Wir steh‘n an Deiner Seite“ und „John Paul two – we love you!“, skandieren sie.

Fahrt durch Paderborn

Bei der Fahrt im Papamobil durch Paderborn zu seiner Unterkunft im Erzbischöf­lichen Theologenkonvikt Collegium Leoninum säumen gut 20.000 Menschen die Straßen und jubeln dem Papst zu. Marlies Fricke, heute Sekretärin im Bischofshaus, ist damals Sekretärin im Leokonvikt. Ein landestypisches, einfaches Abend­essen habe sich der Papst bei seiner Ankunft gewünscht, erinnert sie sich: „So durfte ich dem freund­lichen und bescheidenen Mann in der weißen Soutane zusammen mit meiner Kollegin Margret Wimbert eine westfälische Kartoffelsuppe aus der Küche des Leokonvikts servieren“, erzählt Marlies Fricke. Die Suppe habe dem Papst gut geschmeckt, sagt sie und lächelt.

Die Sicherheit des Papstes spielt bei dem Besuch eine sehr wichtige Rolle. Im Generalvikariat ist der Diplom-Theologe Wolfgang Hesse der Haupt-Ansprechpartner für Sicherheits- und Ordnungsfragen. Er arbeitet eng mit dem Bundeskriminalamt (BKA), mit der Paderborner Polizei und dem Malteser-Hilfsdienst zusammen, wie das katholische Magazin „Der Dom“ vor 25 Jahren schreibt. Das BKA stellt zusätzlich zu den Personenschützern der Schweizer Garde, die den Papst immer begleiten, weitere speziell ausgebildete Beamte ab. 1500 Polizisten sind an dem Wochenende rund um Paderborn im Einsatz. Zusätzlich werden 1200 Schützen als Ordner verpflichtet.

Jeder, der Papst Johannes Paul II. nahekommt, braucht einen Sicherheitsausweis, selbst Erzbischof Degenhardt. 800 dieser Bescheinigungen werden ausgegeben. Gut 4000 Menschen sind unmittelbar mit der Planung und Umsetzung des Besuchs befasst. Die Vorbereitung nimmt Monate in Anspruch. Aber nicht alles ist planbar: Als der Papst in Paderborn angekommen ist, fällt auf, dass seine Mitra in Rom vergessen wurde. Kurzerhand leiht er sich die Kopfbe­deckung des Erzbischofs, schreibt „Der Dom“.

Schrein in der Senne

Vor Beginn des Gottesdienstes in der Senne fahren der Papst und Erzbischof Degenhardt mit dem Papamobil durch die Menge. Die Menschen wollen ihrem Kirchenoberhaupt möglichst nah sein. Auch der Bistumspatron ist dabei: Der Schrein mit den Reliquien des heiligen Liborius – Schutzpatron von Stadt, Erzbistum und Dom – ist dafür extra in die Senne gebracht worden. Der Pontifex mahnt: Seit 1989 habe sich die Welt radikal verändert, sie wachse immer enger und schneller zusammen – und das Zusammenwachsen müsse menschenwürdig gestaltet werden. Der Papst warnt vor einem radikalen Kapitalismus und einem überzogenen Individualismus – und fordert Gerechtigkeit und Solidarität für die Völker der Welt.

Besonders nah erlebt den Heiligen Vater die heute 34-jährige Christina Diekmann aus Bad Lippspringe: Als Kommunionkind bringt sie damals mit drei weiteren Kindern bei der Eucharistiefeier die Gaben zum Altar: „Als wir die Gaben langsam zum Altar brachten, hatten wir die vielen Menschen – Gott sei Dank – im Rücken, sonst wäre ich noch nervöser gewesen“, erinnert sie sich. Erst als sie die Altarstufen wieder heruntergeht, sei ihr die „unglaubliche Menschenmenge bewusst geworden“. Die Begegnung mit dem Papst beschreibt sie als „sehr freundlich“. Er habe jedes Kind nach dem Namen gefragt und ihm einen Rosenkranz geschenkt. „Welche besondere Ehre das in diesem Moment war, wurde mir erst im Laufe der Jahre richtig klar“, erinnert sie sich.

Ökumene gefeiert

Ein Treffen mit dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen läutet das Nachmittagsprogramm des Papstes am 22. Juni ein. Um 17 Uhr betritt er den Hohen Dom und damit die Bischofskirche des Erzbistums. Mit Vertretern der christlichen Kirchen feiert der Papst einen symbolträchtigen ökumenischen Gottesdienst – Bilder, die durch die Medien gehen und für viele Paderbornerinnen und Paderborner unvergessen bleiben werden. Am Abend steht ein Essen mit den Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz auf dem Programm.

Der im August 2020 verstorbene Prälat Bruno Kresing, von 1974 bis 2002 Generalvikar des Paderborner Erzbischofs, hat vor fünf Jahren in einem Video­beitrag zum 20. Jahrestag des Papstbesuches auf die Ereignisse zurückgeblickt: Die ökumenische Gebetsstunde am Nachmittag im Dom sei ein bewusster Schwerpunkt des Papstbesuchs gewesen. „Alle Vertreter der christlichen Kirchen saßen mit dem Papst im Altarraum“, beschreibt Kresing das damalige Bild, das in seinen Augen das Leitwort des Besuchs „Einig in der Hoffnung“ eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht habe. Er habe den Papst als sehr menschlich und von einer tiefen Gläubigkeit geprägt erlebt, sagt der frühere Generalvikar in dem ­Beitrag.

„Ein unvergessliches Ereignis“

Der heutige Erzbischof Hans-Josef Becker ist 1996 Personaldezernent des Erzbistums. Für die Stadt und das Erzbistum sei der Besuch des Papstes „eine hohe Ehre und ein unvergessliches Ereignis“ gewesen, wird Becker in einer Mitteilung des Erzbistums zitiert. „Ich erinnere mich an das schöne Bild, wie eine Schar von Paderbornerinnen und Paderbornern in den Paderwiesen stehen und seinem Hubschrauber nachwinkten.“

Mit einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes geht es am Sonntagmorgen zum Paderborner Flughafen. Von dort reist der Papst weiter nach Berlin, wo er in einer Heiligen Messe im Olympiastadion vor 100.000 Gläubigen zwei Opfer des Nationalsozialismus, Dompropst Bernhard Lichtenberg und den Priester Karl Leisner, seligsprechen wird und am Abend von Westen nach Osten gemeinsam mit Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) durch das Brandenburger Tor schreitet – eine letzte große symbolische und auch politische Geste vor seiner Abreise zurück in den Vatikan.

Der Papst aus Polen, der nach Worten seines sowjetischen „Gegenspielers“ Michail Gorbatschow maßgeblich zum Zusammenbruch des Ostblocks beigetragen hatte, ist tief bewegt: „Jetzt, nachdem ich durch das Brandenburger Tor gegangen bin, ist auch für mich der Zweite Weltkrieg zu Ende.“

Büste im Dom

Karol Józef Wojtyla wurde am 18. Mai 1920 in Wadowice geboren. Am 16. Oktober 1978 wurde er zum Papst gewählt – er war der erste slawische Pontifex. Sein Pontifikat umfasste 26 Jahre und fünf Monate. Er starb am 2. April 2005 in der Vatikanstadt. Am 1. Mai 2011 wurde er von seinem Nachfolger Benedikt XVI. in Rom seliggesprochen, am 27. April 2014 sprach ihn Papst Franziskus heilig. Sein Gedenktag ist der 22. Oktober.

Die Büste von Papst Johannes Paul II. im Seitenschiff des Paderborner Domes Foto: Erzbistum Paderborn

In Paderborn gibt es nach Angaben des Paderborner Erzbistums mehrere sichtbare Erinnerungen an den Papstbesuch. Anlässlich des historischen Ereignisses schuf der Bildhauer Thomas Duttenhoefer eine Büste von Papst Johannes Paul II., die im Seitenschiff des Paderborner Domes hängt (Foto). Seit April 2017 ist darunter ein Reliquiar mit einer Blutreliquie des Papstes angebracht. Papst Johannes Paul II. hat somit im Dom, den er am 22. Juni 1996 besuchte, eine bleibende Gedenk- und Erinnerungsstätte. Sein Totenbild, das 2005 in allen deutschen Kirchen verteilt wurde, zeigt ihn bei der Eucharistiefeier am 22. Juni 1996 in der ­Senne.

1200 Schützen als Ordner

Ralf Hake ist 1996 einer der 1200 Schützen, die bei der Messe in der Senne als Ordner helfen. Heute ist der 54-Jährige Oberst der Schützenbruderschaft im Wille­badessener Ortsteil Altenheerse.

Ralf Hake half beim Papstbesuch als Ordner Foto:

„Als sich die Radlader mit Gesangbuch-Paletten im Sennesand fest fuhren, waren wir Schützen gefragt“, erinnert er sich. Die Paletten hätten sie von Hand abpacken müssen. Um sich zu stärken, wollten die 350 Schützen aus dem Bezirksverband Warburg sich eigentlich mit Gulaschsuppe eines Altenheerser Metzgers verpflegen. „Das war aber nicht möglich, weil es einen Exklusivvertrag mit Lufthansa-Catering gab.“ (thö)

Startseite