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Vor fast 100 Jahren wurde der bedeutende Meinders Hof abgerissen und die Bürger dachten über ihre Geschichte nach

Als Haller Historie 1925 verloren ging

Halle

Der Verlust alter Häuser und Höfe in Halle war auch schon vor fast 100 Jahren Thema in Halle. Als der die damalige Stadt prägende Meinders-Hof als altes Landratsamt für ein neues Kreishaus abgerissen wurde, machten sich die Haller Gedanken über ein Heimatmuseum. Erst in den 2000er Jahren wurde dies auf virtuelle Art realisiert.

Von Wolfgang Kosubek

So sah der für Halle bedeutende Meinders Hof an der Ravensberger Straße im Jahre 1906 aus. 1925 Teile des Haupthauses von Meinders waren 1925 für die Unterbringung eines Heimatmuseums im Gespräch. Dennoch wurde das Gebäude abgerissen, Der schöne Erker wurde später für das Haus Hess an der Bahnhofstraße 14 gerettet.Halles großer Sohn Hermann-Josef Meinders um 1710. Foto: Stadtarchiv HalleStadtarchiv Halle

Wer die Homepage des digitalen Geschichtsmuseums Haller ZeitRäume besucht, der macht als erstes Bekanntschaft mit dem ehemaligen Meinders Hof. Er stellt dort das „gedachte“ Haller Heimatmuseum dar. Als dieses 2009 „gegründet“ wurde, befand man, das geschichtsträchtige Meindersche Gebäudeensemble an der Bahnhofstraße wäre dafür bestens geeignet. Digitalisiert und virtuell natürlich, weil der gesamte Hof 1925 ja abgerissen wurde, um seine Grundfläche für den Neubau des Kreishauses – heute Rathaus I – herzugeben.

Martin Wiegand, ehrenamtlicher Mitarbeiter des Museums, entdeckte in der „Allgemeinen Zeitung für Westfalen“ vom 13. Mai 1925 eine überraschende Pressenotiz: Schon 1925 gab es in Halle den Wunsch nach einem Heimatmuseum, und dafür stand „das alte Landratsamt“ im Blick. Bei diesem Landratsamt handelte es sich um nichts anderes als das Hauptgebäude des Meinders Hofs. Der Kreis Halle hatte es 1908 gekauft, um darin seine Verwaltung unterzubringen, weil das vorherige Domizil im Hotel Brune längst zu klein geworden war.

Gedanken über das Schöne und Alte in der Stadt

Das „schöne alte Patrizierhaus“ solle abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden, so heißt es weiter, um dann als Museum zu dienen. Was dem Sinne nach auch geschah, allerdings mit 84 Jahren Verspätung und „virtuell“, worunter sich die Befürworter von 1925 wohl nichts hätten vorstellen können.

Der Meinders Hof war die Wirkungsstätte von Hermann Adolph Meinders (1665-1730), Halles großem Sohn. Im Rathaussaal ist sein Porträt zu sehen, mit weißer Allongeperücke und leuchtend rotem Samtumhang. Die Familie Meinders war einflussreiche Beamtendynastie. Hermann Adolph wurde auf Schloss Steinhausen bei Halle geboren, als Sohn des Gografen Dr. Konrad Meinders. Nach seinen Studienjahren heiratete er 1696 Fräulein Elisabeth Pott, die als Tochter des Haller Rentmeisters auf dem sogenannten Potts Hof aufgewachsen war. Auf diese Weise „erbte“ er das Anwesen und zudem das Amt des Rentmeisters von ihrem Vater. Die Rentei Potts Hof änderte nun ihren Namen in Meinders Hof.

Einige Jahre darauf konnte er, in der Nachfolge seines Vaters, das Amt des Gografen in Halle übernehmen. Für seine Verdienste wurde ihm später der Ehrentitel „Königlicher Historiograph und Justizrath“ verliehen.

Die Beamten-Dynastie Meinders hat Halle seit dem 17. Jahrhundert geprägt

Drei Generationen lang blieb der Hof in Familienbesitz. Dem Gografen folgte sein Sohn, der Amtsrat Friedrich Adolph Meinders (1699-1775), danach sein Enkel und Amtmann von Borgholzhausen, Karl-Ludwig Meinders (1735-1809), und schließlich dessen jüngerer Bruder, Franz Meinders (1743-1826), der ebenfalls Amtmann war.

Nach dessen Tod erwarb Friedrich Wilhelm Potthoff 1827 das Anwesen, bestehend aus dem Wohn- und Amtshaus, Nebengebäuden und Hausgarten sowie dem „Meinders‘schen Mauergarten“, der auf der anderen Seite der Straße lag.

Ohne seinen Namen einzubüßen, ging der Meinders Hof von Fr. W. Potthoff († 1834) auf dessen Schwiegersohn über, den Justizkommissär August Ferdinand Heidsiek, den Ehemann von Potthoffs ältester Tochter Wilhelmine Charlotte.

Als Heidsiek 1871 gestorben war, wurde Charlottes jüngerer Bruder, der Apotheker Dr. Carl August Potthoff 1875 gemeinsam mit Kaufmann Rudolf Walbaum Eigentümer. Weil der Apotheker aber in Bonn wohnen blieb, wurde die Besitzung noch im selben Jahr an Anna Caroline (1835-1908) und Henriette Eleonore (1822-1891) Wilmanns weiterverkauft. Die Schwestern Wilmanns änderten die Nutzung grundlegend und richteten im Haupthaus ein Mädchenpensionat ein. Um feine Umgangsformen zu erlernen, zogen fortan junge Damen aus vornehmen Familien von nah und fern in die stolze Besitzung ein zum Wohlgefallen der Haller Männerwelt…

Die überlebende ältere Schwester, Anna Caroline Wilmanns, leitete mit der Aufgabe des Meinders Hofs im Jahre 1907 schließlich das letzte Kapitel seiner glanzvollen Geschichte ein. Das gesamte Anwesen ging an den Kaufmann Karl Brinkmann. Dieser teilte den Garten in drei Bauplätze, auf denen er selbst, der Tischler Fräkem und der Bäcker Schmidt Häuser errichteten.

Altes Herrenhaus wurde Landratssitz

Das Meindersche Herrenhaus übernahm nach langem Zögern schließlich der Kreis Halle als Landratssitz, zum Preis von 42.000 Mark.

Das Schicksal des Abbruchs ereilte den Meinders Hof 1925, weil für den Neubau eines großen Kreishauses kein anderer Platz gefunden werden konnte.

Ein Wiederaufbau des historischen Gebäudes als Heimatmuseum fand nicht statt. Allerdings wurde der erst 1908 angebaute schöne Fachwerk-Erker verschont. Er ziert heute das Haus Hess, Bahnhofstraße 14. Ein eindrucksvoller Eichenbalken nebst Inschrift sowie eine Flügeltür aus den Innenräumen fanden ihren Weg auf den Hof Kampwerth Ascheloh. Auch die wertvollen Bibel-Fliesen vom Meinderschen Kamin blieben großteils erhalten. Der Baumeister des neuen Kreishauses, Wilhelm Oldemeier, fand Verwendung in der Landratswohnung.

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