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Pfarrkirche vor genau 120 Jahren abgebrannt – Lüchtringer bauen in Rekordzeit den heutigen „Weserdom“

Als nach einem  Blitzeinschlag das Gotteshaus in Flammen aufging

Höxter-Lüchtringen

Auf den Tag genau 120 Jahre ist es am 13. Juni her, seit ein verheerendes Unglück über die katholische Pfarrgemeinde Lüchtringen hereinbrach: Ihre schmucke barocke Kirche ist nach einem Blitzeinschlag binnen drei Stunden abgebrannt. Die Farben der neuen Innenausmalung waren kaum getrocknet, als das Gotteshaus ein Raub der Flammen wurde.

Von Sabine Robrecht

Der „Weserdom“ von Lüchtringen – malerisch am Fluss gelegen – gehört zu den Landmarken der Region. Die Menschen sind stolz auf ihre Kirche. Der Turm ist 50 Meter hoch. Vier Glocken rufen die Gläubigen zum Gottesdienst Foto: Sabine Robrecht

Ortsheimatpfleger Diakon Erwin Winkler erinnert im Gespräch mit dieser Zeitung an die tragischen Ereignisse – und an einen Neubau in Rekordgeschwindigkeit: Nur zweieinhalb Jahre nach dem spektakulären Brand – im September 1903 – wurde die neue, größere Pfarrkirche St. Johannes Baptist eingeweiht. „In dieser Zeit hätte man heute noch nicht einmal die Baugenehmigung“, führt Erwin Winkler vor Augen, wie unfassbar schnell damals der Wiederaufbau der Kirche gelang. Eine Erklärung für die Rekord-Bauzeit hat der Ortsheimatpfleger auch: „Lüchtringen war ein Maurerdorf. Ich vermute, dass alle Hand angelegt haben.“

Diakon und Ortsheimatpfleger Erwin Winkler im „Weserdom“ in Lüchtringen: Die stimmige Ausgestaltung der Kirche ist, wie er betont, auch dem kürzlich verstorbenen Pfarrer Mersmann zu verdankenDiakon und Ortsheimatpfleger Erwin Winkler im „Weserdom“ in Lüchtringen: Die stimmige Ausgestaltung der Kirche Foto: Sabine Robrecht

Geschaffen haben die Handwerker ein Gotteshaus, das zu den schönsten des heutigen Pastoralverbunds gehört. Der „Weserdom“, wie die Lüchtringer ihre Kirche liebevoll nennen, ist an gleicher Stelle wie die alte Kirche, nur genau andersherum, im neugotischen Stil errichtet worden. An den 1698 unter dem Corveyer Abt Florenz von dem Velde errichteten Vorgängerbau erinnert über dem Hauptportal das Wappen des Würdenträgers. Es hat die Barockkirche bereits geschmückt und den Brand vor 120 Jahren überstanden. Ansonsten ist auch von der Innenausstattung kaum etwas übrig geblieben. Erwin Winkler erinnert sich noch an einen Beichtstuhl, der an einer Seite angebrannt war und der lange in der neuen Kirche dort stand, wo heute die Pietà ihren Platz hat.

Das Holz des Beichtstuhls wurde später bei der Neugestaltung des Hochaltars und des Ambos mit eingearbeitet. Teile der Kommunionbank umfassen den steinernen Zelebrationsaltar.

Die Ruine der Lüchtringer Kirche nach dem verheerenden Brand vom 13. Juni 1901.Die Ruine der Lüchtringer Kirche nach dem verheerenden Brand vom 13. Juni 1901. Foto: privat

Der Kirchenbrand hat sich in das Gedächtnis der Lüchtringer eingeprägt. „Die älteren Menschen haben immer davon erzählt“, berichtet Erwin Winkler (83), der seit seinem neunten Lebensjahr im Weserdorf zuhause ist.

In der Chronik der Gemeinde Lüchtringen sind die Ereignisse des unglücklichen Sommertages ausführlich festgehalten: „Es war am 13. Juni 1901, am Namenstage des hl. Antonius“, berichtet Chronist Josef Gockel aus Hochneukirch. „Am heiteren Himmel zog ein kleines Gewitter auf.“ Die Menschen dachten, die Wolke zieht vorüber. Dann aber trafen zwei Blitze kurz hintereinander den Dachreiter der Kirche. Beim Angelus-Läuten zum Mittag hieß es schließlich: „Der Kirchturm brennt!“ Dennoch waren die Augenzeugen sicher, dass der Wind das kleine Flämmchen an der Spitze des Turms auswehen würde. „Aber allmählich glühte das Feuer unter der Kuppel des Turmkreuzes weiter“, schreibt der Chronist. „Man holte die Dorffeuerspritze.“ Der Wasserstrahl reichte jedoch nicht bis zum Turm. „Der Gendarm aus Höxter kletterte auf das Kirchendach. um von dort das Feuer zu bekämpfen. Aber – der Schlauch platzte“, schreibt Josef Gockel. Nun war guter Rat teuer. Und die Feuerwehr aus Höxter und Holzminden auch. Sie zu holen, hätte zehn Mark gekostet. Wer will das bezahlen? fragten einige Gemeindevertreter. „Dieser Vorgang stimmt genau“, verbürgt sich der Chronist.

Die Barockkirche in Lüchtringen ist vor genau 120 Jahren durch Blitzeinschlag abgebrannt. Die Barockkirche in Lüchtringen ist vor genau 120 Jahren durch Blitzeinschlag abgebrannt. Foto: privat

So musste man zusehen, wie das Feuer weiter um sich griff, die Glocken erreichte und an der Glockenschmiere und den alten Balken Nahrung fand. „Jetzt wurde es Zeit, das Allerheiligste in Sicherheit zu bringen und die Kirche zu räumen“, berichtet der Chronist. Nach drei Stunden lag die schöne Kirche „eingeäschert am Boden“.

In der Ruine feierte die Gemeinde anfangs Gottesdienst. Später sah sie sich nach einer Notkirche um. Am Fest Peter und Paul 1902 war schließlich der Neubau beschlossene Sache. Die Standort-Frage sorgte für Kontroversen in der Gemeinde. Schließlich einigte man sich auf den alten Platz und viele Lüchtringer öffneten für den Kirchenbau ihre Sparbücher („unter dem Vorbehalt, später Kapital und Zinsen zurückzuerhalten“).

Die in Rekordzeit erbaute Kirche in Lüchtringen ist das größte und eines der schönsten Gotteshäuser im Pastoralverbund Corvey. Die in Rekordzeit erbaute Kirche in Lüchtringen ist das größte und eines der schönsten Gotteshäuser im Pastoralverbund Corvey. Foto: Sabine Robrecht

Durch die Vergrößerung bekam die neue Kirche eine andere Lage. Am 24. August 1902 wurde der Grundstein gelegt. „Im Februar 1903 war das Dach schon gerichtet, Glocken und die Uhr wurden bestellt und am 13. September 1903 konnte die Einweihung der neuen Kirche erfolgen“, heißt es in der Chronik.

Wenn Erwin Winkler heute in den „Weserdom“ geht, denkt er oft an den am 1. Juni verstorbenen langjährigen Pfarrer Hubertus Mersmann. Ihm und seiner Kunstkenntnis sei die stimmige heutige Ausgestaltung der Kirche mit zu verdanken. Neben dem Hochaltar ziehen auch die beiden neugotischen Seitenaltäre aus der Entstehungszeit der Kirche – der Marienaltar auf der linken Seite und rechts der Herz-Jesu-Altar – die Blicke auf sich. Pfarrer Mersmann, der von 1979 bis 1996 in Lüchtringen wirkte, hat die Farbfassung aufbringen lassen. Das Taufbecken haben die Lüchtringer auf Anregung des Geistlichen aus der ehemaligen kleinen Taufkapelle in die Kirche geholt. Es steht in der Nähe des mit filigranem Schnitzwerk reich verzierten Herz-Jesu-Altars. Die Figur Johannes des Täufers hat der hochgeschätzte Höxteraner Künstler Franz Auth gestaltet.

Die Lüchtringer sind stolz auf ihren „Weserdom“. Und auch Gäste, die auf und an der Weser unterwegs sind, halten ihn gerne im Bild fest.

Gedicht: „Des Dorfes Heiligtum“

Es war, als ich einst wiederkehrte

Vom Ort, der mir bestimmt die Pflicht,

Als schmerzlich mich der Blick belehrte:

Den Turm des Kirchleins fand ich nicht.

Dann stand ich vor des Brandes Trümmern:

Die Halle, öd, geschwärzt und grau,

Tat weh dem Aug‘, des Herzens Kümmern;

Doch schien hinein des Himmels Blau.

Allmorgens fleht‘ hier die Gemeinde,

Der Priester vor dem Notaltar.

Von hier zog bei des Sommers Scheine,

Johannes feiernd, Schar auf Schar.

Drauf ward geplant und viel gestritten,

Wie man dem Herrn das Haus erneut.

Ein Ziel half bald die Herzen kitten,

Und jeder froh sein Scherflein beut.

Und wieder trug der Schienenwagen

Mich nach der Heimat grünen Grund.

Hell sah ich Dom und Turm aufragen.

Zur Kirchweih rief der Glocken Mund.

 Ernst Harten

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