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Hausärzte werden mit Anrufen bombardiert – Impfstoff ist knapp – Dr. Grothues:

„Arztpraxen haben Mangel nicht zu verantworten“

Kreis Höxter

Impfung ja – und bitte am besten gleich: Mit diesem Selbstverständnis rufen viele Patientinnen und Patienten bei ihrem Hausarzt an. „Das Angebot an Impfstoff passt nicht zu dem, was die Bevölkerung wünscht“, bringt Dr. Jens Grothues, niedergelassener Mediziner in Beverungen und Vorsitzender des Bezirks Ost des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe, das Dilemma dieser Tage auf den Punkt: Der Impfstoff ist knapp.

Von Sabine Robrecht

Hier wird fleißig geimpft. Guido Kaltwasser vom DRK zeigt an diesem Rotkreuz-Plakat, wie viele Tätigkeiten im Impfzentrum in Brakel zu verrichten sind. 800 bis 1000 Impflinge werden an manchen Tagen durch die vier Impfstraßen geschleust. Foto: Michael Robrecht

Mit sechs Dosen Biontech, zehn Dosen AstraZeneca und 15 Dosen Johnson & Johnson pro Woche kann eine Praxis keine Heerscharen durchimpfen. „Die Arztpraxen haben diesen Mangel nicht zu verantworten“, stellt Dr. Grothues klar. Der Ton vieler Anrufer sei aggressiv. „Die Menschen wollen die Impfung geradezu erzwingen.“ Und das sehr oft wortreich. Diese Debatten blockieren in den Praxen die Telefonleitungen. Dr. Grothues: „Es kann nicht sein, dass endlose Diskussionen die Leitung belegen und der Herzinfarkt deshalb nicht durchkommt.“ Deshalb ruft der Arzt die Menschen auf, sich zu mäßigen und in Geduld zu üben.

Dr. Jens Grothues

„Die Praxen sind am Limit“, beschreibt er die Lage bei den Niedergelassenen, die impfen, als angespannt. „Die Haus- und Fachärzte werden mit Anfragen bombardiert“ – erst recht seit der seit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Aufhebung der Impfpriorisierung ab 7. Juni angekündigt hat. In seiner Großpraxis in Beverungen gehen, so Dr. Grothues, 300 bis 700 Anrufe am Tag ein. Die Hauptlast tragen die medizinischen Fachangestellten. „Sie werden zum Verwalter des unverschuldeten Impfstoff-Mangels.“ Der Mediziner würdigt den „unglaublichen Einsatz“ der Arzthelferinnen und fordert Unterstützung von der Politik: „Die Angestellten in den Kliniken bekommen völlig zurecht eine Prämie vom Bund. Bei uns sagt man, wir hätten keinen Anspruch. Fair ist etwas anderes“, wird Dr. Grothues deutlich.

Das Positive an dem Ansturm sei die hohe Impfbereitschaft. Diese spiegelt sich in der Impfquote wider. Bei den Erstimpfungen ist bereits eine Quote von rund 47 Prozent der Bevölkerung im Kreis Höxter erreicht. „Wir werden bis Ende nächster Woche hoffentlich die 50 Prozent knacken“, sagt Dr. Grothues, der auch das Impfzentrum des Kreises in Brakel leitet. „Das wäre ein Meilenstein.“

In absoluten Zahlen sieht es so aus, dass rund 66.000 Menschen im Kulturland bereits ihre Erstimpfung erhalten haben (Stand: 20. Mai). Die Zahl der Zweitimpfungen ist auf fast 21.000 angestiegen, die Quote liegt hier inzwischen bei rund 15 Prozent.

Positive Entwicklung

Auch beim Infektionsgeschehen im Kreis Höxter hält die positive Entwicklung an. Zuletzt lag die Inzidenz bei rund 53. „Wir gehören weiterhin zu den Kreisen mit der niedrigsten Inzidenz in NRW“, freut sich Landrat Michael Stickeln. „Ich hoffe sehr, dass sich die erfreuliche Tendenz weiter fortsetzt und die Bürgerinnen und Bürger des Kreises Höxter für ihr Verantwortungsbewusstsein und ihre Achtsamkeit belohnt werden.“

Liegt die Inzidenz in einem Kreis nämlich dauerhaft unter 50, sieht die Coronaschutzverordnung des Landes NRW zusätzliche, weitreichende Lockerungen des öffentlichen Lebens vor. „Allerdings muss die Inzidenz laut Verordnung an fünf aufeinanderfolgenden Werktagen unter 50 liegen, damit diese Lockerungen vom Land ermöglicht werden“, erklärt Matthias Kämpfer, Leiter des Krisenstabes des Kreises Höxter. „Somit ist zumindest für die kommende Woche nicht mit weiteren Lockerungen zu rechnen.“

Arzthelferinnen sind die Heldinnen: ein Kommentar von Sabine Robrecht

In den Haus- und Facharztarztpraxen laufen die Telefone heiß. Seit die niedergelassenen Ärzte in die Impfkampagne eingebunden sind, erkundigen sich die Patienten unentwegt nach möglichen Terminen. Verschärft hat sich die Nachfrage, seit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die Aufhebung der Impfpriorisierung ab 7. Juni angekündigt hat. Außerdem steht der Sommerurlaub vor der Tür. Auf ihn möchten Fernweh-Geplagte ihre Impftermine doch bitteschön abgestimmt wissen.

Im Sturm dieser Wogen stehen die medizinischen Fachangestellten in den Praxen an vorderster Front. Sie, die Arzthelferinnen, wissen nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Wer eine Zeit im Wartezimmer seines Hausarztes verbringt, bekommt live mit, welchem Dauerstress sie ausgesetzt sind. Nicht nur die Schlagzahl der Anrufe, sondern auch ein oft rüder Ton am anderen Ende der Leitung fordern ihnen ein immenses, schon nicht mehr zumutbares Maß an Geduld ab. Die Arzthelferinnen sind es, die Menschen vertrösten müssen, weil der Impfstoff nicht vom Himmel regnet, sondern knapp ist in den Praxen. Sie sind es, die mögliche Impftermine koordinieren und parallel auch noch das eigentliche Geschäft der Praxis – unter verschärften Pandemie-Bedingungen – am Laufen halten müssen. Unerfreuliche Impf-Diskussionen rauben ihnen Zeit und Nerven. Respekt also vor den Arzthelferinnen. Auch sie sind Heldinnen der Pandemie! Es wird Zeit, dass die Politik ihnen die gebotene Wertschätzung entgegenbringt.

Die Patientinnen und Patienten sind aber ebenfalls in der Pflicht: Bevor sie beim Hausarzt anrufen, sollten sie sich klar machen, dass ihr Impf-Wunsch nicht auf Knopfdruck erfüllt werden kann – und dass die Praxis-Teams keine Schuld trifft. Es gehört sich nicht, die Arzthelferin zu beschimpfen. Mäßigung und Freundlichkeit sind geboten. Aus dem „Wir schaffen das gemeinsam“ ist im Verlauf der Impfkampagne leider ein Ellbogendenken und ein forderndes „Ich bin jetzt dran“ geworden. Besinnen wir uns (wieder) auf Zusammenhalt und Solidarität – auch mit dem medizinischen Personal an vorderster Front.

Wir müssen zuallererst froh sein, dass es überhaupt Impfstoffe gibt. Sie sind der Weg aus der Pandemie und lassen uns schon jetzt – auch wegen der erfreulich hohen Impfbereitschaft – ein Licht am Ende des Tunnels erkennen. Das zarte Pflänzchen sinkender Zahlen dürfen wir jetzt aber nicht zertreten, indem wir zu leichtsinnig werden. Das katapultiert dann nämlich auch die Kinder und Jugendlichen, die ab 31. Mai endlich wieder in den Präsenzunterricht gehen, zurück in die Isolation der eigenen vier Wände. Halten wir also durch – und vor allem zusammen!

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