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Seit Freitag laufen in etlichen Mehrfamilienhäusern die Heizungen nicht mehr

Augustdorf: Mieter frieren - weil Belvona Gas nicht bezahlt hat?

Augustdorf

In der Gemeinde Augustdorf haben die Stadtwerke Lippe-Weser am Freitag auf Antrag von Eon etliche bewohnte Mehrfamilienhäuser vom Gasnetz genommen – offenbar ohne die Mieter zu informieren. Die Temperaturen in den Wohnungen sanken zum Teil auf Werte um zehn Grad. Wann die Heizungen wieder laufen werden, ist ungewiss.

Von Christian Althoff

In eine Decke gehüllt spielt Hannelore G. (70) mit ihrem Kater. Gut elf Grad waren es am Montagmorgern im Wohnzimmer der Rentnerin noch. Foto: Christian Althoff

Die Mittelstraße am Montagmorgen. Die Dächer der Vier-Familien-Häuser sind weiß, der Rasen auch. Es war eines der kältesten Wochenenden des Jahres. Aus einem der Häuser kommt Rentnerin Hannelore G. (70). Sie öffnet ihren Briefkasten, aber der ist leer. „Noch immer keine Information“, sagt die Mieterin. „Hier weiß keiner, wie es weitergeht.“

Neuer Vermieter

Hannelore G. hat bis zu einem Herzinfarkt im öffentlichen Dienst gearbeitet. Als Frührentnerin suchte sie eine günstige Wohnung und fand die vor fast 15 Jahren in der Nachbarschaft der Feldmarschall-Rommel-Kaserne. „Früher waren das Soldatenwohnungen“, erzählt sie. Dann habe der Bund die Siedlung verkauft, und im Laufe der Jahre habe der Besitzer immer wieder gewechselt. „Im Sommer hat Belvona die Häuser von Adler übernommen und erstmal die Miete erhöht.“

Kein Anruf möglich

Die 70-Jährige sagt, am Freitagvormittag sei es in ihrer Wohnung immer kühler wurde. „Die Heizkörper wurden kalt.“ Sie sei in den Keller gegangen und habe gesehen, dass die Heizung nicht lief. „Ich habe versucht, Belvona anzurufen. Aber da lief nur die Ansage, dass sie keine Telefongespräche annehmen.“ Sie habe deshalb eine Mail geschickt – ohne Reaktion.

„Hier in der Siedlung gibt es Facebook-Gruppen von Mietern“, sagt die 70-Jährige Dort habe sie von dem Gerücht erfahren, das Gas sei abgestellt worden. „Ich habe im Keller nachgesehen, und tatsächlich hatte jemand den Gashahn geschlossen und mit einer Plombe vor dem Öffnen gesichert.“ Zurück in ihrer Wohnung habe sie aus dem Fenster gesehen: „Aus den Schornsteinen der anderen Häuser kam auch nichts.“

Das Gas ist abgestellt, der Zähler verplombt Foto: Christian Althoff

Grundversorger ist Eon, und das Münchener Unternehmen war es auch, das die Gassperre veranlasst hat. Ein Sprecher: „Nach einem Besitzerwechsel ist Belvona seit dem 1. Juni unser Kunde.“ Man habe ein Begrüßungsschreiben an Belvona geschickt, später Rechnungen, Mahnungen und Sperrankündigen. „Allein im Fall eines Hauses sind elf Schreiben von uns rausgegangen, auf die aber einfach nicht reagiert wurde.“ Die Mahngebühren nur für dieses Vierfamilienhaus summieren sich auf 3400 Euro. Man sei im Interesse der Mieter bestrebt, das Gas so schnell wie möglich wieder zu liefern. „Aber ohne jeden Kontakt zu unserem Kunden ist es uns nicht möglich, Vereinbarungen zu treffen.“

In dieser Siedlung in Augustdorf wurde mehreren Häusern das Gas abgedreht. Foto: Althoff

Das Düsseldorfer Unternehmen Belvona, das nach eigenen Angaben in einem Werbeprospekt „14.000 glücklichen Mietern“ ein Zuhause gibt, kündigte am Nachmittag eine Stellungnahme an.

  Mieterin Manuela Schramm hatte Glück und war Freitag telefonisch durchgekommen, um sich über die Gassperre zu beschweren.  „Ein Mitarbeiter  g sagte, ich sollte mir einen Heizlüfter kaufen und den Stand des Stromzählers fotografieren. Belvona würde mir die Stromkosten ersetzen.“ Daran glaubt die Augustdorferin wegen ihrer bisherigen Erfahrungen mit Belvona allerdings nicht: „Meine Heizung war im September kaputt. Belvona hat nicht reagiert, so dass ich selbst einen Techniker beauftragt habe. Die Kosten ziehe ich jetzt von der Miete ab.“

Manuela Schramm sagt, sie halte sich seit Freitag mit Decken warm und kuschele mit ihrem Hund. „Ich darf gar nicht daran denken, dass hier ja auch Familien mit Kindern wohnen, die in der Kälte ihre Schularbeiten machen sollen.“

Augustdorfs Bürgermeister Thomas Katzer (Archivbild) Foto: Besim Mazhiqi

Bürgermeister will helfen

Augustdorfs Bürgermeister Thomas Katzer: „Auch wir als Gemeinde haben bisher vergeblich versucht, Kontakt zu Belvona zu bekommen.“ Es sei „unerträglich“, dass das Unternehmen Mieter frieren lasse. „Ich habe 13 Heizlüfter, die wir mal nach einem Heizungsausfall angeschafft haben, im Rathaus bereitstellen lassen, damit Mieter sich die ausleihen können.“ Wenn die Gassperre länger dauere, müsse man auch über andere Maßnahmen nachdenken: „Vielleicht öffnen wir dann das Rathaus als Wärmestube.“

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