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Grünen-Kanzlerkandidatin macht in der Bielefelder Hochburg ihrer Partei Wahlkampf

Baerbocks Besuch bei den schon Überzeugten

Bielefeld.

Das Gefährt, aus dem Annalena Baerbock am Donnerstag am Siegfriedplatz in Bielefeld steigt, löst ein leichtes Raunen un­ter den 600 Besuchern aus. Nun kann man nicht erwarten, dass die Kanzlerkandidatin der Grünen mit dem Lastenrad durch die Republik fährt, also mit jenem Fortbewegungsmittel, das die Grünen mit einer Milliarde Euro fördern wollen. Aber so ein E-Auto hätte schon besser gepasst als der Riesentruck, der jeder Rockband auf Europatournee genug Platz böte.

Von Andreas Schnadwinkel

Auf dem Weg nach links: 600 Zuschauer haben am Donnerstag den Auftritt der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock auf dem Bielefelder Siegfriedplatz verfolgt. Ihre Rede hat sich an vielen Stellen wie die Einstimmung auf Rot-Grün-Rot angehört. Foto: Thomas F. Starke

Andererseits: Baerbock ist auf Tour, sie ist einer der Politik-Popstars, sie ist – bei allem Respekt und im besten Sinne – eine Rampensau. Gut drei Wochen vor der Bundestagswahl die Basis zu mobilisieren, das ist ihr ein Leichtes. „Wir können uns entscheiden, wie wir unser Land gestalten wollen. Wir fordern faire Löhne in der Pflege und ein Gesundheitssystem, das nicht auf Profit ausgerichtet ist. Das kann man wählen“, ruft sie den Zuschauern entgegen, die bereitwillig applaudieren. Hier, im Milieu der Lehrer und Sozialpädagogen, muss die Grünen-Chefin keinen mehr überzeugen. Im Biotop der Kernzielgruppe und der Stammwähler hört man gerne, dass am 26. September eine Richtungswahl anstehe.

Und die Richtung, die sie vorgibt, zeigt eindeutig nach links. Nicht ganz so populistisch wie Sahra Wagenknecht (Linke) am Dienstag in Paderborn, Bielefeld und Detmold, aber nicht viel weniger links in der Programmatik. „Die Spaltung der Gesellschaft beginnt bei den Sechsjährigen. Sozialpolitik muss in der ersten Klasse beginnen. Da ist es egal, welche Sprache zuhause gesprochen wird“, sagt Baerbock und kritisiert den Bundesfinanzminister und SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz dafür, dass er für den Ganztag in Grundschulen nur eine Anschubfinanzierung vorsehe. Das müsse der Bund durchgehend finanzieren. Und sie weiß, wie: „Wir müssen die Vermögensteuer wieder einführen und den Spitzensteuersatz leicht anheben.“

Die 40-Jährige tritt selbstbewusst auf. Der geschönte Lebenslauf, die der Bundestagsverwaltung nicht gemeldeten Zahlungen der Partei und ihr in weiten Teilen von welchem Ghostwriter auch immer abgeschriebenes Buch – all das scheint längst vergessen und keine Rolle mehr zu spielen. „Ich will eine Bundesregierung anführen“, sagt sie durchaus mit Überzeugung. Dass diese Regierung nur Grün-Rot-Rot sein könnte, ist klar.

Nach dem ersten „Triell“ am vergangen Sonntag verspürt die Spitzenkandidatin der Öko-Partei Aufwind. Die Grünen liegen im Moment aber nur zwischen 16 und 19 Prozent, weil bei der Wahl zwischen den drei Kanzlerkandidaten Olaf Scholz deutlich vorne liegt und seine SPD davon profitiert.

Zum Ende der Rede das Herzensthema der Grünen: Klimaschutz. „Die internationale Gemeinschaft hat eigentlich immer daran geglaubt, dass Deutschland das Land der Energiewende ist“, sagt Baerbock und behauptet: „Seit vier Jahren wartet die Welt darauf, dass Deutschland endlich wieder aufwacht beim Klimaschutz.“ Viele Bürger in diesem Deutschland haben wohl eher den Eindruck, dass kein Land wacher ist.

Was aus Baerbock werden könnte? Kanzlerin nicht, dazu bräuchte es ein Wunder. Vielleicht Außen- oder Entwicklungsministerin im Kabinett Laschet oder Scholz.

Über alle weiteren Nachrichten rund um die aktuelle Wahl informieren wir Sie auf der Sonderseite zur Bundestagswahl 2021 auf westfalen-blatt.de.

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