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NRW kündigt Zusatzprogramm an – 30 Prozent droht wohl das Aus

442 Millionen Euro gegen Kneipensterben

Düsseldorf/Bielefeld (WB). In Nordrhein-Westfalen machen in der Corona-Krise die ersten Traditionshäuser des Gastgewerbes dicht. Das Land stemmt sich mit weiteren Millionenhilfen gegen die Schließungen. Doch der Branchenverband Dehoga bleibt skeptisch.

M. Kessler, U.-J. Ruhnau und Paul Edgar Fels

So sah es in vielen Kneipen während des Lockdowns aus. Langsam kommen die Gäste zurück. Doch ob das reicht? Foto: dpa

Die NRW-Landesregierung will nach etlichen Geschäftsschließungen in der Gastronomie als Folge der Corona-Krise die Unterstützung für die Branche verbessern. „Das Land hat sich frühzeitig beim Bund dafür eingesetzt, dass diesen besonders betroffenen Betrieben weiterführende Hilfen angeboten werden“, sagte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) unserer Redaktion. Diese würden nun im Rahmen der Überbrückungshilfe gewährt. Die Landesregierung ergänze die Hilfen um ein Zusatzprogramm, das branchenübergreifend 300 Millionen Euro ausmacht und besonders dem Hotel- und Gaststättengewerbe zur Verfügung stehe.

Regine Tönsing, Dehoga-Chefin in Ostwestfalen-Lippe Foto:

„Wir freuen uns darüber, wenn das so ist“, sagte die Geschäftsführende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in OWL, Regine Tönsing, am Donnerstag. Denn die Lage ist für die rund 3800 Gaststätten und 800 Hotels in der Region nach wie vor angespannt.

Rund 30 Prozent der Betriebe werden die Corona-Krise wohl nicht überstehen – also ihren Laden einfach schließen oder Insolvenz anmelden. Damit bestätigt Tönsing, die selbst viele Jahre als Wirtin gearbeitet hat, die Einschätzung des nordrhein-westfälischen Landesverbandes.

Bedenklich: Nur zwölf Prozent der Gaststätten und Hotels arbeiten nach Verbandsangaben derzeit rentabel. „Das Gesamtumfeld für unsere Gastronomen, Hoteliers, Caterer, Diskotheken- und Clubbetreiber bleibt weiterhin sehr schwierig“, sagt denn auch der nordrhein-westfälische Dehoga-Chef Bernd Niemeier.

Während aus Sicht von Tönsing vor allem die Szene-Gastronomie nach dem Lockdown wieder mehr Zulauf hat, sehe es für die meisten Traditionshäuser schwieriger aus. „Die Leute, die dort hingehen, sind vorsichtiger, halten sich zurück. Junge Leute haben eine andere Hemmschwelle.“ Dass in OWL bisher noch kein zuvor wirtschaftlich gesundes Traditionshaus schließen musste, lässt die Verbandsexpertin aufatmen.

Roberts Bistro meldret Insolvenz an

„Entsetzt“ sei sie jedoch darüber, dass etwa in Düsseldorf als Folge der Corona-Krise das Roberts Bistro in Nöte gekommen ist – ein sehr prominentes gastronomisches Lokal mit 30 Beschäftigten. Grund: Die vorgegebenen Abstandsflächen verringerte die Gästezahlen zu stark, so dass der Umsatz auf rund 30 Prozent absackte. Die Außenstände nahmen zu. Nun ist Insolvenz angemeldet. Zuvor hatten in Düsseldorf bereits das bekannte japanische Restaurant Kikaku an der Klosterstraße und die Kitzbüheler Stuben im Stadtteil Heerdt das Aus verkündet.

In NRW wurden bislang 442 Millionen Euro an Soforthilfen an rund 38.500 Betriebe im Hotel- und Gaststättengewerbe ausgezahlt. Das teilte das NRW-Wirtschaftsministerium auf Anfrage unserer Redaktion mit. Die Soforthilfen betragen je nach Umsatz des Betriebs zwischen 9000 und 25.000 Euro. Dabei trägt der Bund den Großteil der Unterstützung. Das Land ergänzt die Hilfen nun bei größeren Betrieben.

Rückforderungen der Finanzämter

Weniger Gäste zu bewirten, ist das Eine. Hinzu kommt, dass den Betrieben die Rückforderungen der Finanzämter, Sozialversicherungen oder Stadtwerke Probleme machen. Bislang konnten Gastronomen oder Hoteliers solche Zahlungen aufschieben. Diese Praxis will der Bund noch einmal überprüfen, das Land hat nach Angaben von NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart das entsprechende Verfahren erst einmal gestoppt.

Trotzdem gibt es Kritik am Vorgehen der beiden politischen Ebenen. „Die Bundes- und die Landesregierung haben die Zeit seit dem Lockdown nicht genutzt, um die Hilfen passgenauer zu gestalten. Jetzt sind viele Pachtbetriebe gefährdet, weil sie in absehbarer Zeit die gestundeten Zahlungen nachholen müssen“, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Landtag, Horst Becker, unserer Redaktion.

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