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Bielefelder Hebamme Irena Ksionsek ist nach 40 Berufsjahren im Ruhestand +++ mit Video

6000 Kindern auf die Welt geholfen

Bielefeld

6000 Kindern, wahrscheinlich aber noch einigen mehr, hat Irena Ksionsek als Hebamme auf die Welt geholfen. „Ein kleines Dorf“, sagt sie selbst schmunzelnd. 51 Jahre alt war die älteste Frau, die sie entbunden hat (von Zwillingen), 13 Jahre alt war die jüngste Mutter. Nach 40 Berufsjahren, davon 31 beim Klinikum Bielefeld, ist sie nun in den Ruhestand gegangen. Und kann viel erzählen.

Sabine Schulze

Mehr als 6000 Kindern hat Irena Ksionsek als Hebamme auf die Welt geholfen. Foto: Bernhard Pierel

Geboren ist Irena Ksionsek im lettischen Riga, aufgewachsen ist sie in Polen, und 1986 kam sie nach Bielefeld – der Liebe wegen. Allerdings: Geheiratet hat sie dann vor mehr als 30 Jahren einen anderen Mann. „Wie das Leben so spielt“, lacht sie.

Die Berufswahl von Irena Ksionsek war Zufall: „Eigentlich wollte ich Biochemie studieren, bekam aber nicht sofort einen Studienplatz. Deshalb bin ich erst einmal zu einer Hebammenschule gegangen. Und ich war schnell begeistert von dem Beruf.“

An das erste Kind, dem sie auf die Welt geholfen hat, kann sie sich nicht mehr erinnern. „Leider. Es war noch als Hebammenschülerin, auch wenn ich nicht alleine bei der Geburt war.“ Aber viele andere Geburten, die folgten, sind ihr in Erinnerung geblieben.

Irena Ksionsek

So hat sie eine Frau nach und nach von vier Kindern entbunden – rein zufällig, weil sie im Dienst war. „Ich habe der Mutter danach gesagt, dass sie mir Bescheid sagen soll, wenn sie noch einmal schwanger wäre, dann käme ich zur Geburt.“ Nun, auch das fünfte Kind kam mit Hebamme Irenas Hilfe zur Welt, und zu dieser Familie hat sie – wie zu zwei weiteren – noch heute Kontakt.

Unvergessen ist ihr auch eine andere Frau, deren vier Kinder sie entbunden hat. „Das Lustige: alle kamen spontan und ohne Einleitung an einem Freitag, dem Dreizehnten zur Welt.“ Und für drei Bielefelder Schwestern wurde sie quasi die Familien-Hebamme: Zusammen brachten sie acht Kinder zur Welt, und immer war Irena Ksionsek dabei!

Für eine Überraschung sorgte eine 45-jährige Frau, die mit starken Leibschmerzen im Rettungswagen gebracht wurde. Sie war allerdings nicht krank, sondern nichts ahnend schwanger und lag in den Wehen. „Ihre Ärztin hatte ihr gesagt, sie könne keine Kinder bekommen; ihre Gewichtszunahme hatte sie sich damit erklärt, dass sie von einem körperlich anstrengenden Beruf zur Bürotätigkeit gewechselt war und zudem den Beginn der Wechseljahre vermutet“, erzählt Irena Ksionsek.

Natürlich hat die Hebamme in ihren langen Berufsjahren auch tragische Fälle erlebt, war dabei, als Kinder tot oder stark behindert zur Welt kamen. Meist aber gingen selbst kritische Situationen gut aus – auch wegen ihrer Erfahrung. „Es gibt Situationen, in denen die Hebamme die Indikation zum Not-Kaiserschnitt stellt, darüber wird dann auch nicht lange verhandelt.“

Bedauerlich findet Irena Ksionsek, dass sie und ihr Mann selbst keine Kinder haben.“ Wir haben es versucht, es hat nicht geklappt – im Übrigen ein gar nicht so seltenes Phänomen bei Hebammen.“ Als sie 40 wurde, erzählt die 63-Jährige, habe sie sich damit abgefunden. Schließlich hat sie ja zu einigen „ihrer“ Kinder noch Kontakt. Und es sind sogar manche nach ihr benannt worden.

31 Jahre lang umsorgte Irena Ksionsek im „Babytown“ des Klinikums Bielefeld die Neugeborenen. Foto: Klinikum Bielefeld

Enorm findet Irena Ksionsek die Entwicklungen der vorgeburtlichen Diagnostik und auch der heutigen Möglichkeiten, eine Geburt zu überwachen. Die meisten Frauen, sagt sie, bringen ihre Kinder „traditionell“ im Liegen zur Welt. „Ich habe aber gerne Wassergeburten gemacht oder den Hocker benutzt.“ Letztlich aber bestimmten die Frauen selbst die Position, „die meisten sind ja gut vorbereitet“.

Dass die Väter heute dabei sind, ist längst die Regel, egal aus welchem Kulturkreis eine Gebärende kommt. Nicht jeder allerdings verkraftet das: Etwa zwei von 100, schätzt die Hebamme, fallen um. „Dann werden die Beine hochgelegt, und sie bekommen etwas zu trinken.“ Übel hat es einen werdenden Vater erwischt, der sich beim Sturz eine Platzwunde zugezogen hatte: Als es der jungen Mutter schon wieder gut ging, musste er noch genäht werden.

Seit Weihnachten ist Irena Ksionsek nun im Ruhestand, noch fühlt es sich an wie Urlaub. „Ich wache morgens auf und überlege, wann ich zur Arbeit muss.“ Ob sie nun tatsächlich für immer ihren Beruf an den berühmten Nagel gehängt hat, ist noch nicht ausgemacht: „Meine Kollegen haben gesagt, dass ich für einige Dienste wiederkommen darf, wenn ich mich gar zu sehr langweile.“ Mal sehen, ob ihr neues Hobby, die Fotografie, sie hinreichend ausfüllt...

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