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Marius Rügge (24) macht eine wundersame Entdeckung auf dem Dachboden seines Chefs

700 Kilogramm Weltkriegs-Pommes

Bielefeld (WB). Dass dehydrierte Lebensmittel wesentlich länger haltbar sind als Frischeprodukte, ist logisch und unstrittig. Doch wie lecker sind 76 Jahre alte Pommes Frites, die 1944 zur Verpflegung australischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg hergestellt wurden? Die Antwort kennt der junge Bielefelder Logistik-Dienstleister Marius Rügge (24, „Rügge Solutions“). Er hat die Trockenfritten entdeckt, zubereitet und sogar probiert, obwohl sie – wenig appetitlich – mehr als dreimal so alt sind wie er selbst.

Markus Poch

Verpackt für die Ewigkeit: Jede Holzkiste enthält zwei Dosen à 5,9 Kilo Pommes. Foto: Markus Poch

Die Geschichte beginnt im Frühherbst, der besten Jahreszeit, um defekte Heizungsanlagen zu reparieren. Der Queller Unternehmer Johann Oppenhäuser (39) nimmt die Hilfe seines früheren Auszubildenden Marius Rügge in Anspruch, der bis heute kaufmännisch für ihn tätig ist. Er schickt ihn zusammen mit einem Heizungsmonteur in ein kleines, altes Nebengebäude seines Handels für Katzenstreu und andere Schüttgüter am Queller Bahnhof. Auf dem behelfsmäßig nur per Leiter erreichbaren Spitzboden über dem uralten Heizkessel, der den gesamten Firmenkomplex bedient, soll ein marodes Rohr in Ordnung gebracht werden, damit die Anlage zu Beginn der Kälteperiode wieder funktioniert.

Während der Monteur sich eher skeptisch auf den brüchig anmutenden Bohlen einrichtet und im Schein eines Akku-Strahlers die Arbeit aufnimmt, balanciert Marius Rügge mit einem zweiten Strahler über die wenigen tragenden Balken. Eher gelangweilt als gespannt, leuchtet er die Finsternis der fensterlosen, staubigen und mit Spinnenweben reichlich garnierten Dachkammer ab, die seit Jahren niemand betreten hat.

Mit Metallbändern zusätzlich gesichert

Unverhofft fällt sein Blick dabei auf einige vernagelte, mit Metallbändern zusätzlich gesicherte Holzkisten und mehrere angerostete, etwa halb so große, golden glänzende Weißblechdosen. Unter einer Schicht aus Staub und abgefallenen Mörtelpartikeln stehen die Behältnisse schlecht gestapelt direkt unterm Giebel. Was mag bloß drin sein? Rügge wird neugierig und beschließt, eine der rund 60 Holzkisten und auch eine Blechdose mit ans Tageslicht zu nehmen, um den Inhalt zu erforschen – sofern sein Chef nichts dagegen hat.

Oppenhäuser hat nichts dagegen. Er will’s ja selber wissen, denn er war es nicht, der die Holzkisten einst auf den Dachboden schleppte. Er wusste noch nicht einmal von deren Existenz, als er die Gebäude der früheren Queller Kohlehandlung Schmitt 2016 kaufte und sich darin mit seiner Firma einrichtete.

„Ministry of food – dried potato“ steht vielversprechend in Schwarz auf den staubigen Holzbrettern. Wie bitte? Getrocknete Kartoffeln? Mit einem Kuhfuß ist die Kiste schnell geöffnet. Der Blick wird frei auf zwei weitere Exemplare der erwähnten Weißblechdosen mit je 5,9 Kilogramm Inhalt. Marius Rügge organisiert Hammer und Schraubenzieher aus der Werkstatt, um jetzt den eingerosteten Verschluss einer der Dosen aufzustemmen.

Zarte Gemüsestreifen

Es braucht etwas Geschick und Gewalt, dann fliegt der Deckel endlich weg. Zum Vorschein kommen tatsächlich getrocknete Kartoffeln – fein geschnitten wie dünne Pommes Frites. Der Bielefelder, der sich in der Küche passabel auskennt, staunt nicht schlecht und muss sofort an Julienne denken. So heißen zarte Gemüsestreifen im Fachjargon. Noch mehr staunt er über die Kochanleitung in englischer Sprache („General directions for cooking dehydrated vegetables“), die oben drauf liegt. Unglaublich: Sie stammt aus Melbourne in Australien – vom März 1944!

Während Marius Rügge anfängt, darin zu blättern und sich vorstellt, wie 76 Jahre alte Pommes wohl schmecken könnten, beschäftigt seinen Chef eher die Frage nach dem Hersteller. Als dieser entpuppt sich die 1854 im australischen Bundesstaat Victoria gegründete Keks- und Süßigkeitenfabrik Sunshine Biscuit: Während des Zweiten Weltkriegs produzierte sie zu 80 Prozent Trocken-Kartoffeln für die Streitkräfte des Australischen Bundes (Commonwealth of Australia).

Nach Namensänderungen aufgrund von Fusionen stellte das Unternehmen seine Produktion in den 1970er Jahren auf Trockenfutter für Tiere um, ehe es 1991 den Geschäftsbetrieb aufgab. Das 1923 nach einem Großbrand neu errichtete Stammhaus der Ursprungsfirma Sunshine Biscuit steht bis heute. Es stellt zumindest die schmucke Fassade eines Einkaufs- und Wohnzentrums in der Stadt Ballarat, einem früheren Goldgräberdorf 120 Kilometer nordwestlich von Melbourne.

Aus der Mikrowelle

„Eigentlich mag ich kein Essen aus der Mikrowelle“, sagt Marius Rügge. Und die Kochanleitung für Soldaten sieht auch keine Zubereitung der Fritten auf diese Weise vor, denn Mikrowellen waren 1944 noch nicht erfunden. Aber die Dienstküche des Jungunternehmers ist noch nicht mit Herd oder Backofen ausgestattet. So gibt es die 76 Jahre alte Pommes an diesem Tag eben aus der Mikrowelle.

Vorschriftsmäßig wässert Rügge die Kartoffelstäbchen zwei Stunden lang, um sie danach bei 800 Watt der Strahlung auszusetzen. „Gute Pommes sind von innen weich, von außen knusprig“, referiert der Hobby-Koch, während ein muffiger Geruch deutlich seine Nase penetriert. „Es riecht wie ein altes, feuchtes Körnerkissen“, stellt er fest. „Der Appetit geht bei der Zubereitung.“ Nach drei Minuten ist der Braten fertig. Jetzt heißt es: Den Geruchssinn ausschalten und ran an die Bouletten. Die alten Fritten schmecken „erdig-muffig“, und selbst eine Ladung Ketchup kann’s nicht ändern. Rügges Fazit: „Ich würde dem Gericht nicht das Prädikat ‚genießbar‘ erteilen. Vielleicht geht es als Hühnerfutter durch, aber ich bin kein Huhn.“

Offen bleiben die Fragen: Wann, wie und vor allem warum sind die Lebensmittelkisten aus Australien nach Quelle auf den Spitzboden gekommen? „Ich habe keine Ahnung“, sagt selbst Jörg Hartmann, früherer Stadtkämmerer in Herford und Vorbesitzer der Immobilie am Queller Bahnhof. Der Großvater seiner Frau hatte das Haus in den 1920er Jahren errichtet und dort den erwähnten Kohlehandel aufgebaut. Hartmann: „Aus der Generation, die etwas über den Fund wissen könnte, lebt niemand mehr.“

Was passiert denn jetzt mit den 700 Kilogramm Trockenpommes über dem Heizkessel? „Ich weiß es noch nicht“, gesteht Johann Oppenhäuser. „Vielleicht hebe ich sie auf bis zum DrittenWeltkrieg.“

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