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Amtsgericht Bielefeld verurteilt Rentnerin wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung zu 2700 Euro Strafe

95-Jährige bewirft Nachbarn mit Steinen

Bielefeld

Ein Augenblick der Unbeherrschtheit kommt eine 95-jährige Frau aus Bielefeld teuer zu stehen: Das Amtsgericht sieht es als erwiesen an, dass die am Stock gehende Seniorin einen Nachbarn mit Steinen beworfen hat und brummte ihr dafür am Dienstag eine Geldstrafe in Höhe von 2700 Euro auf – „wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Beleidigung.“

Markus Poch

Das Bielefelder Amtsgericht (Archivbild). Foto: Peter Bollig

Als Beweismittel lag der Vorsitzenden Richterin Ingrid Kohls und Staatsanwalt Florian Schmitz eine Videoaufzeichnung vor, die das Opfer mit seinem Handy am Nachmittag des 14. August 2020 selbst angefertigt hatte. In einer Szene, die sich an der Grenze zwischen beiden Gartengrundstücken abspielte, sei eindeutig zu sehen, wie Anna J. (Name von der Redaktion geändert) mit Steinen schmeiße, der filmende Nachbar aber ausweichen konnte und unverletzt blieb. Zuvor soll die alte Dame Drohungen wie „Du kriegst gleich auf die Fresse, Du dumme Sau“ in Richtung des Mannes gerufen haben.

Ingrid Kohls, Vorsitzende Richterin

Anna J., die sich vor Gericht selbst vertrat, warf nach mehrmaliger Aufforderung der Richterin einige flüchtige Blicke auf das Video und kam für sich zu dem Ergebnis: „Das ist alles Blödsinn. Auf meinem Grundstück kann ich schmeißen, was ich will. Was tut der Mann da mit seiner Kamera und beobachtet mich? Er steht mindestens 40 Zentimeter auf meinem Grundstück und hat damit Hausfriedensbruch begangen“, wetterte sie zur Richterin. Ingrid Kohls betonte im Gegenzug: „Es ist egal, auf welchem Grundstück Sie sich befinden: Sie dürfen nicht mit Steinen nach Menschen werfen!“

Die schwerhörige, aber geistig wache Rentnerin winkte scheinbar uneinsichtig ab. Offenbar hatte sie damit gerechnet, das Gericht würde an diesem Tag ihren schon Jahre andauernden Nachbarschaftsstreit aufarbeiten. Immer wieder verwies sie auf ein Aktenbündel und auf Kapriolen, die der Mann im Zusammenhang mit der Grundstücksgrenze, mit Zäunen und unappetitlichen Abfällen geschlagen haben soll.

„Ich habe Verständnis dafür, dass man Ärger mit seinem Nachbarn haben kann“, sagte Richterin Kohls. „Aber mein Verständnis hört da auf, wo Sie mit Steinen werfen. Aufgrund dieses Sachverhalts haben Sie sich strafbar gemacht. Und ich sehe bei Ihnen auch keinerlei Unrechtseinsicht.“

Staatsanwalt Schmitz beurteilte die Sachlage ähnlich und forderte eine „em­pfindliche Strafe“. Ingrid Kohls legte sich auf 90 Tagessätze à 30 Euro fest – und hielt Anna J. dabei ihr hohes Alter und die bisherige Straffreiheit zugute.

Streitpunkt blieb die Größe der geworfenen Steine. Während die Richterin von Pflastersteinen sprach, beteuerte die Angeklagte mit Blick auf ihre schwachen Hände, es seien lediglich Fliesenstückchen gewesen.

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