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Vor 60 Jahren endete ein Streit zwischen Tierfreunden und Forstamt

Als in Bielefeld der Hundekrieg tobte

Bielefeld

„Am Vormittag des 21. Januar 1960 hallten kurz hintereinander Schüsse durch den Tierpark Olderdissen. Es war wenig Publikum unterwegs, als der Afghanenrüde Nathan am Rehwildgehege tot in das Herbstlaub sank und Oberförster Eberhard Frohne seiner Bockdoppelflinte zwei qualmende Patronenhülsen entnahm.“

Dr. Jochen Rath

Für den 30. Januar 1961 wurde im WESTFALEN-BLATT zur Teilnahme an einer Kundgebung aufgerufen. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

So schildert Dr. Jochen Rath, Leiter des Stadtarchivs, den Auftakt zum „Bielefelder Hundekrieg“. Der währte fast 13 Monate und ging vor 60 Jahren, – am 15. Februar 1961 – zu Ende. Rath erzählt ihn ausführlich im „Historischen Rückklick“.

Schon Monate vor dem Abschuss Nathans hatte es Klagen über wildernde Hunde gegeben. Nachdem am 12. Januar 1960 ein Schäferhund auf dem Teich im Bürgerpark eine Ente gerissen hatte (und dabei ertrunken war), luden Gartendirektor Dr. Hans Ulrich Schmidt und Stadtoberförster Frohne die Presse ins Rathaus ein und präsentierten eine Liste der jüngsten Verluste durch Hunderisse: vier Rehe, darüber hinaus allein in Olderdissen ein Schwarzstorch, ein Weißstorch, eine Höckergans, eine Blessgans, je zwei Kanadagänse und Brandenten sowie drei Wildenten und sieben Türkenenten.

Dr. Jochen Rath, Leiter des Stadtarchivs

Auch das WESTFALEN-BLATT berichtete am 14. Januar 1961 über die Konflikte mit Hundehaltern, die für ihre Vierbeiner Auslaufrechte zu Lasten der Wildtiere beanspruchten. Zu diesen Hundehaltern gehörte der seit August 1958 am Stadttheater beschäftigte Schauspieler Henry König, Herrchen von Nathan. Schon zuvor hatte es zwischen ihm und dem Oberförster Dispute gegeben und König erklärt, Afghanen seine „rassetypisch ungehorsam“ und kaum abzurichten. Der an disziplinierte Jagdhunde gewöhnte Frohne empfahl König eine Auslaufstrecke und kündigte an, dessen Hund abzuschießen, wenn er wildere. Ausgerechnet die Rehe in Frohnes Garten verbellte Nathan danach unangeleint an und sprang mehrfach gegen die Einzäunung. „Diese Situation war das Menetekel für die folgenden Ereignisse“, schreibt Rath.

Am 21. Januar 1961 war der Afghanenrüde König erneut entwischt. Dieses Mal sprang er im Tierpark Olderdissen bellend gegen das Wildgehege. Frohne reagierte, holte aus seinem an der Gastwirtschaft Olderdissen abgestellten Auto sein Gewehr und erschoss den Hund. Hinter ihm beobachtete die Zeugin Ilse Ende den Vorfall und schilderte eine Woche später in einem anonymen Leserbrief in der Westfälischen Zeitung ihren Eindruck, dass Nathan nur habe spielen wollen. Ein Mitarbeiter des Tierparks berichtete später von zuvor erfolglosen Versuchen, den Hund einzufangen.

Die Folge des Geschehens war eine Flut an Leserbriefen in den Bielefelder Zeitungen, die mal für die eine, mal für die andere Seite Position bezogen. Die Emotionen kochten hoch. Auch Generalmusikdirektor Bernhard Conz bezog Stellung, er rief für den 30. Januar 1960 zu einer öffentlichen Kundgebung auf, „daß sich solche auch menschlich unerträglichen Tiertragödien nicht wiederholen.“

Schlagzeile auf einem Plakat

Zum Protest auf dem Klosterplatz kamen mehr als 1.000 Tierfreunde und viele Vierbeiner. Die Demonstration fand ein bundesweites Medienecho: „Die Welt“, die „Bild“ und die „Frankfurter Allgemeine“ berichteten ebenso wie der Ostholsteiner Anzeiger oder die Nürtinger Kreisnachrichten. Regelmäßig erschien dabei der Text eines von Conz empor gehaltenen Schildes auf Fotos oder in der Schlagzeile: „Hunde, wollt ihr ewig leben? Ihr habt doch einen Oberförster!“ Das Plakat sollte ein Nachspiel haben.

Auch in Form von teils beleidigenden Briefen an Frohne und die Verwaltung erfolgte Protest, um die Absender von Schmähbriefen zu ermitteln, bat die Stadtverwaltung gar in Düsseldorf, Essen, Köln, Kiel, Hamburg, Lünen, Erlangen und Hannover um Amtshilfe.

Frohne erhielt zwar Zuspruch durch Oberbürgermeister Artur Ladebeck („Lassen Sie sich nicht durch unberechtigte Vorwürfe beeinflussen. Dann üben Sie mehr Tierschutz als die Schreier.“), aber es gab auch eine Klage: Henry König machte Schadenersatz in Höhe von 5.000 Mark für den züchterisch aussichtsreichen Rüden geltend. Sein Anwalt argumentierte, dass Olderdissen nicht zum städtischen Jagdbezirk zählte, Frohne nicht hätte schießen dürfen, da Personen „aufs höchste gefährdet“ gewesen seien und für das eingezäunte Wild keine Gefahr bestanden habe.

Aussagen von Tierpark-Mitarbeitern

Es kam auf Veranlassung des Landgerichts zum Ortstermin, bei dem sich am 19. Oktober 1960 neben den Richtern, Anwälten, städtischen Vertretern, Prozessbeobachtern, Medien auch die wenigen Zeugen in Olderdissen einfanden. Hauptzeugin Ilse Ende zog dabei ihre frühere Aussage zurück, wonach Nathan „Männchen“ gemacht habe. Den Aussagen von Tierpark-Mitarbeitern zufolge „sprangen die Rehe in ihrer Angst im Rehgehege wild umher“. Wenige Tage später befand die 4. Zivilkammer des Landgerichts, dass der Abschuss in jeder Hinsicht rechtmäßig gewesen war.

Nicht erledigt war freilich der Disput zwischen Frohne und Conz: Frohne erstattete wegen Beleidigung Anzeige gegen Bernhard Conz. Es gab einiges Hin und Her, bis Frohne die Klage am 15. Februar 1961 zurückzog – der „Hundekrieg“ war beendet.

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