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Vor 50 Jahren verschwand das „Trocadero“ für immer – einstmals Deutschlands größtes und schönste Kabarett

Als Miss-Wahlen und Filmstars Bielefeld begeisterten

Bielefeld

Peter Frankenfeld und Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt und Lale Andersen, Maria Valente mit ihrer damals noch unbekannten Tochter Caterina, Marika Rökk oder Willi Fritsch – sie alle standen einstmals auf der Bühne des Hauses an der Ecke Oberntorwall/Notfortenstraße, auf der Bühne des „Trocadero“.

Von Søren Bielke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Trocadero mit Kutsche, welche die Künstler*innen zuweilen vom Hauptbahnhof abholte, Februar 1957 Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Das am 30. August 1930 eröffnete Haus war seinerzeit Deutschlands größtes und schönstes Kabarett. Clou des „Troc“: die sieben mal acht Meter große rotierende Tanzfläche. Vor genau 50 Jahren fiel der letzte Vorhang für das „Trocadero“: Das Haus wurde abgerissen. Bereits im Jahr 1895/96 hatte August Seeger an der Stelle einen großen Konzerthaus-Saal gebaut. Das darin eröffnete Varieté konnte sich jedoch nicht lange halten, da die Bielefelder zu diesem Zeitpunkt noch kein großes Interesse zeigten. Die Langenberger Brauerei Gierse & Schütze kaufte das Konzerthaus und setzte Carl Schreiber sen. als Geschäftsführer ein, der den Betrieb ab 1907 pachtete. Nachdem Schreiber das Konzerthaus 1920 der Brauerei abkaufte, sollte das „Konzerthaus Schreiber“ als „Unterhaltungstheater für Lustspiele, Operettengastspiele und Vereinsfeste des Gardevereins und des Kavallerievereins“ dienen.

Wahlen zur Miss Germany am 2.4.1957 links und Miss Bielefeld 1958 rechts. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Mit der Übernahme der Söhne Carl jun. und Adolf Schreiber 1926 begann der Aufstieg dieser Varietébühne. Unter dem neuen Namen „Trocadero“, benannt nach dem „Palais du Trocadéro“, einem historischen Palast in Paris, wurde im August 1930 ein neues Kapitel aufgeschlagen, zeitgleich wurde Bielefeld durch Eingemeindungen zur Großstadt.

Bis September 1944 konnte im Zweiten Weltkrieg der Betrieb aufrecht erhalten werden, die Frühsommer 1945 wurde das „Trocadero“ von der britischen Militärregierung beschlagnahmt. Doch bereits knapp ein Jahr später konnte Carl Schreiber den Betrieb wieder aufnehmen. Als es 1948 erstmals wieder Sekt gab, war der Nachholbedarf so groß, dass die Vorräte nicht ausreichten und das „Troc“ den Schaumwein der umliegenden Lebensmittelgeschäfte aufkaufen musste.

Innenräume vom Trocadero, 1946. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Das Zielpublikum war sehr unterschiedlich. Sollte tagsüber die ganze Familie mit Zauberkunst, Artistik, Tiernummern und Jonglage bei Kaffee und Kuchen angesprochen werden, begann abends die Zeit für die Nachtschwärmer bis in die frühen Morgenstunden. Bereits in den 1950er-Jahren gab es Gerüchte über pikante Amüsier-Möglichkeiten in den Séparées.

Für Gesprächsstoff sorgten auch die in den 1950er- und 1960er-Jahren veranstalteten Modeschauen und Wahlen zur Miss Bielefeld und Miss Germany. Auch eine „Miss Westfalen“ wurde am 30. Mai 1951 gekürt. An der Wahl teilnehmen durften Frauen im Alter von 17 bis 27 Jahren.

Auch „tierische“ Stars kamen ins „Trocadero“. Im Dezember 1951 trat die 20-jährige Elefantendame Nelly aus dem indischen Urwald auf. Durch den Hintereingang zwängte sie ihre 76 Zentner, um auf der Bühne ungewöhnliche Kunststücke wie Rechenrätsel, Kommunikation mit dem Dresseur und das Spielen von Mundharmonika und Drehorgel darzubieten.

Das Trocadero an der Ecke Obertorwall/Notpfortenstraße kurz vor dem Abbruch, 8. Mai 1972. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Doch bereits Ende der 50er Jahre war die Hochzeit des Varieté in Deutschland vorbei. Zum 70. Geburtstag Schreibers 1959 wurde in den Zeitungen bereits von den Schwierigkeiten durch die Konkurrenz des Fernsehers berichtet. Der Tod Carl Schreibers nach längerer Krankheit am 10. Mai 1961 läutete endgültig das Ende des „Troc“ ein. Eine Entwicklung fand ihren Abschluss, die sich innerhalb nur einer Generation auf dem Gebiet der Kleinkunstbühne vollzogen hatte. Trotz der Persönlichkeit und fachlichen Routine Carl Schreibers war es nicht möglich, den Besucherrückgang, der bereits größere Varietébühnen in Hauptstädten Europas zum Erliegen gebracht hatte, zu stoppen. So war in den letzten Jahren der Betrieb nur noch an den Wochenenden so lebhaft, wie er es zu Glanzzeiten die ganze Woche über war.

„Artistenvaters“ Carl Schreiber anlässlich seines 65. Geburtstags. Foto: Stadtarchiv Bielefeld

Dem Sohn Carl Schreiber jun., der viele Jahre zusammen mit seinem Vater und nach dessen Tod alleine das Etablissement führte, war es dann vorbehalten, sich schweren Herzens unter dem Druck der veränderten Zeiten zur Aufgabe des Hauses zu entschließen. Nach dem Tod Carl Schreibers 1961 wurde bereits 1962 die Bühne geschlossen und es fand nur noch ein Tanzbetrieb statt. Doch auch dieser konnte sich gegenüber modernen Diskotheken nicht durchsetzen.

Am 30. September 1971 legten die letzten Musiker ihre Instrumente aus den Händen und die Gaststätte schloss ihre Türen. Nach dem Ende des „Astoria“ in Bremen war das „Trocadero“ das vorletzte Varieté in der Bundesrepublik, nun blieb nur noch das „Hansa-Theater“ in Hamburg als Kleinbühne dieser Art übrig. Am 17. Mai 1972 wurde das Trocadero abgerissen. Es wich einem fünfstöckigen Bürohochhaus.

Die Vollversion und der Originalartikel des Textes von Søren Bielke, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, ist abrufbar unter https://historischer-rueckklick-bielefeld.com/

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