1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Alte Zeitung für den Tisch von morgen

  8. >

Innenarchitekt Cengiz Hartmann fertigt aus Zellulose und Wasser Gebrauchsmöbel

Alte Zeitung für den Tisch von morgen

Bielefeld (WB). Wenn man Cengiz Hartmann (29) nach der Zukunft der Tageszeitung fragt, zeigt er schmunzelnd auf Tischplatten oder Schautafeln. Dass die Zeitung aus Papier einmal nicht mehr existiert, ist für den Innenarchitekten unvorstellbar. Schließlich fertigt er aus dem Papier und etwas Wasser allerlei Möbel.

Michael Diekmann

Praktischer Weg: Cengiz Hartmann zeigt den Ablauf vom Altpapier über Pulp-Masse zur runden Tischplatte. Foto: Michael Diekmann

An Altpapier hat Cengiz Hartmann einen regen Verbrauch. Er hortet es sogar für seine Projekte in einem Lagerraum neben der Werkstatt. »Aber es muss Zeitungspapier sein«, erklärt der Innenarchitekt zu seinem spannenden Thema, zeigt einen kleinen runden Beistelltisch und Schautafeln im Format einer ausgewachsenen Zimmertür. »Die sind für das Künstlerdorf in Schöppingen«, sagt der Mann, der mit seiner Designidee sogar schon den Oberflächen-Wettbewerb eines namhaften Herstellers von Fassadenfarbe gewinnen konnte.

Es geht, erklärt der Profi, um 1000 Kleinigkeiten, um eine richtig gute glatte Oberfläche zu erreichen bei einer Platte, die aus nichts anderem entstanden ist als aus Wasser und Zeitungspapier, also Zellulose. Hartmann: »Mancher glaubt vielleicht, die Sache einfach kopieren zu können. Aber ich verspreche, dass es garantiert in die Hose geht.«

Manches Lehrgeld gezahlt

Geboren in Mülheim an der Ruhr hatte Hartmann nach einem längeren Praktikum im Malersaal des Theaters an der Ruhr sein Studium der Architektur in Detmold 2011 begonnen. Seither lebt er mit Freundin Mona in Heiligenkirchen. Im Studium kam er in Kontakt mit dem Möbelbau. Und irgendwann gab es da auch ein Papierprojekt. Das war zu Beginn seines Masterstudiums.

Hartmann ersann immer neue Elemente, Skulpturen, Platten, entwickelte Techniken und versuchte sich an vielfältigen Aufgaben. Inklusive manchem Lehrgeld, versteht sich. Durch raffinierte Fertigungsdetails erlangten seine Möbel immer mehr Stabilität. Die Tischplatte daheim, lacht er, sei sogar Rotwein-erprobt. Mit Firniss und Spezialwachs eingerieben, verblüfft eine Platte aus alter Zeitung mit unglaublicher Stabilität. Und was den Erbauer am meisten fasziniert: das Muster der Platte. Durch das Anschleifen entstehen spezielle Details, aus denen sich einzelne Lettern erkennen lassen. Hartmann: »Das Papier mit vielen Geschichten drin liefert die Basis für den Tisch. Und an dem entstehen wieder neue Geschichten.« Fast jeder, der am Tisch sitzt, versucht darauf zu lesen und etwas zu erkennen.

Eine halbe Stelle beschäftigt Cengiz Hartmann als Dozent an der Hochschule in Detmold, wo er Humanwissenschaften bei den Innenarchitekten unterrichtet. Mindestens die andere Hälfte seiner Produktivität steckt Hartmann in seine Projekte, die er als »Untermieter« in der Tischlerei-WG aus Astrein und Profiliert sowie als Nachbar von Metallbauer Martin Deppe am Niedermühlenkamp plant und erstellt.

Handarbeit statt industrieller Prozess

Dabei mutet es vielleicht auf den ersten Blick nach Volkshochschule an, wenn Hartmann aus Papierfetzen und Wasser eine graue feste Pampe herstellt, den so genannten Pulp. Der wird in Formen gegeben, gepresst, getrocknet, später zugeschnitten und schließlich nach ganz speziellen Verfahren geschliffen. Ganz schön schwere Sache, hat er ausgerechnet: »Für jede der zehn Präsentationstafeln für das Künstlerdorf braucht man 180 Kilogramm Pulp, zusammen also 1,8 Tonnen.« Damit nicht genug: Weil die Auftraggeber sie gern magnetisch nutzen würden, hat Hartmann die Tafeln um einen Metallkorpus gebaut und auf ein Gestell.

Die Faszination seiner Arbeit sieht der Architekt nicht zuletzt darin, dass am Anfang immer noch viel Handarbeit steht, kein industrieller Prozess: »Und man verwendet Altpapier, recycelt also ein Material.« Weil er inzwischen auch mit Farbpigmenten experimentiert, bekommen Möbel wie der kleine Beistelltisch tatsächlich den Hauch Echtholz, der bei der grauen Zeitungsbasis fehlte. Kreativ ist Cengiz Hartmann aber auch neben dem Erstellen von Zeitungstafeln. Skulpturen aus Holz und Ton nimmt er ebenfalls mit, wenn er ab dem 19. Oktober zehn Tage seine Arbeiten auf der Designer-Messe in Eindhoven zeigt.

Startseite