1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Amtsrichter muss 8000 Euro Strafe zahlen

  8. >

Jurist soll aus privaten Motiven heimlich Gespräch mit Kollegin aufgezeichnet haben

Amtsrichter muss 8000 Euro Strafe zahlen

Bielefeld (WB). Ein Richter aus Rheda-Wiedenbrück ist gestern zu 8000 Euro Strafe verurteilt worden. Er hatte heimlich ein Gespräch mit einer Kollegin aufgenommen.

Christian Althoff

Foto:

Es war ein Provinzschauspiel, das am Dienstag in Saal 4056 des Bielefelder Amtsgerichts gegeben wurde. In der Hauptrolle ein 52-jähriger Familienrichter, der aber kein Wort sagt.

Vorspiel zum ersten Akt: Der Familienrichter, eine Richterin und eine Anwältin sind jahrelang gute Freunde.

Erster Akt: Der Richter lässt sich scheiden und engagiert die Anwältin. Deren Rechnung will er aber nicht begleichen, er erwartet offenbar einen Freundschaftsdienst. Der Richter wird in zwei Instanzen zur Zahlung verurteilt, es soll um etwa 2000 Euro gehen.

Zweiter Akt: Jetzt ist das Klima vergiftet. Der Richter hört eines Tages, dass die Anwältin der befreundeten Richterin von der Alkoholsucht einer Mandantin erzählt haben soll. Er bittet die Richterin zu sich und spricht sie auf die Angaben der Anwältin an. Was die arglose Richterin nicht ahnt: Es läuft ein Aufnahmegerät. Der Richter nutzt das Gespräch, um die Anwältin bei der Anwaltskammer anzuzeigen – weil sie angeblich ihre Mandantin verraten hat. Die Rechtsanwaltskammer sieht aber keinen Parteiverrat.

Dritter Akt: Eine Schreibkraft des Amtsgerichts Rheda-Wiedenbrück will ein Diktat des Richters abtippen und stößt im Gerichtscomputer auf die Datei »Beweismittel.wav« – das heimlich aufgezeichnete Gespräch, das offenbar aus Versehen auf dem Dienstrechner gespeichert wurde. Der Richter wird wegen »Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes« per Strafbefehl zu 6000 Euro Strafe verurteilt. Er legt Einspruch ein, deshalb kommt es zum Prozess.

Vierter Akt: Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann appelliert zu Verhandlungsbeginn: »Akzeptieren Sie den Strafbefehl! Sie schaden sich und dem Ansehen der Justiz, wenn wir diese Provinzposse hier heute verhandeln!« Der angeklagte Richter besteht aber auf dem Prozess, auch wenn er keine Aussage machen will. Amtsrichterin Sonja Poppenborg spielt die Aufnahme ab, hört etliche Zeugen – auch die Richterin. Sie sei erschüttert, sagt die 44-Jährige. An ihrem Amtsgericht herrsche jetzt Misstrauen. Auch ein anonymer Brief, mit dem Rheda-Wiedenbrücks Amtsgerichtsdirektor beim Justizminister angeschwärzt worden sei, gehe wohl auf den Angeklagten zurück, meint sie.

Startseite