1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Animation mit Blasmusik

  8. >

»La-Brass-Banda« und »Django S.« im Ringlokschuppen

Animation mit Blasmusik

Bielefeld (WB). In Zeiten postmoderner Beliebigkeit setzen sich seit einigen Jahren auch in der zeitgenössischen Popmusik immer mehr Bands durch, die Sounds und Stile aus Jahrzehnten und Epochen zu ihrem ureigensten Klangbild verpressen.

André de Vos

»La-Brass-Banda«, die Blaskapelle der anderen Art vom Chiemsee, spielt vergangenen Samstag wieder barfuß im Ringlokschuppen. Foto: Hans-Werner Büscher

Die billigen Witzchen, die geschraubte und gestelzte Bühnenshow, das penetrante Insistieren auf ihre bayerische Herkunft, die demonstrativ gespielte gute Laune, lassen einem die Gesichtszüge in den Keller fahren, aber das Publikum zwischen 10 bis 50 nimmt jede Geste begeistert auf.

Notorisch gute Laune verbreiten auch »La-Brass-Banda« aus Übersee am Chiemsee. Die neunköpfige elektrifizierte Blaskapelle gibt sich ebenfalls besonders bodenständig. Deshalb treten sie in Lederhose und barfuß auf. Mit drei Trompeten, Posaune und Tuba und einer Drums/Perkussion-Sektion entwickeln sie live einen ganz schönen Druck. Ihre Bläsersätze kommen präzise und gestochen scharf.

Das Problem, wenn überhaupt, besteht darin, dass kaum ein Lied ausgespielt wird. Keine zwei Minuten vergehen, ohne dass Sänger Stefan Dettl per Kommando abbricht, unterbricht, dazwischen quatscht oder animiert. So erhält ein Lied eine ganz neue Struktur: Intro, 1. Strophe, Break, Ansage, musikalisches Zwischenspiel, 2. Strophe, Erklärteil, Animation, 3. Strophe, Showeinlage, Liedende, Applaus, nächstes Lied.

Jegliche musikalische Rezeption wird, bevor ein musikalischer Flow entsteht, zugunsten einer Gute-Laune-Mitmach-Einlage verhindert. Hier entstehen die euphorischen Zustände für das Publikum nicht durch den tollen Rhythmus, die interessante Melodie, sondern durch ständiges Anweisungengeben: »Hände hoch, Arme rudern, runter in die Hocke, jetzt dies, jetzt das, acht Schritte nach rechts, acht Schritte nach links, jetzt Freestyle – jetzt Hardcore-Freestyle, alle Frauen: Miau, alle Männer: Wuff.«

Was auf den Beobachter stellenweise wie ein Aerobic-Kursus wirkt oder Dressurakt aus dem Alltagsleben, ist jetzt für die Fans die brillante Abwechslung, der lustige Gag. Hier trifft Altrocker mit Kutte auf die Dirndlträgerin, der Ethnobeat-Freak auf den (FC-)Bayern-Fan. Alle liegen sich in den Armen und feiern ab. Der Hintergrund so einer getakteten Musikveranstaltung scheint in Zeiten der Smartphone-Generation darin zu liegen, sich nicht einmal eindreiviertel Stunden auf hochtourige Blasmusik konzentrieren zu können und dass sich ohne den totalen Spaß so etwas wie eine innere Leere und Langweile einstellen könnten.

Startseite