Stadtführungen mit dem Historiker Tobias Taubert

Auf den Spuren der NS-Zeit

Bielefeld (WB). Wenn Tobias Taubert bei seinen Stadtführungen von Ruben Baer und Tana Berghausen erzählt, herrscht meist bedrücktes Schweigen. Ruben wurde fünf Jahre alt, Tana fünf Monate. Beide wurden von den Nationalsozialisten von Bielefeld aus deportiert und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Sabine Schulze

Tobias Taubert vor der ehemaligen „Geschützhalle“ der Dürkopp-Werke. 3000 Zwangsarbeiter, zumeist Zwangsarbeiterinnen, mussten hier arbeiten. Untergebracht waren sie in Baracken auf dem Johannisberg, deren Umrisse heute markiert sind. Fotos: Thomas F. Starke Foto:

Der Historiker Taubert, eigentlich bei der Universität angestellt, ist freiberuflich für das Historische Museum tätig. Er zeigt Bielefeldern im Rahmen von Führungen – wie am Sonntag – Spuren der NS-Zeit im Stadtbild. Start ist am Museum selbst, wo er auf Wunsch den Film der brennenden Bielefelder Synagoge zeigt. „Es gibt nur wenige bewegte Bilder von diesen Bränden, der Film über die Bielefelder Synagoge – 40 Meter hoch und damals sehr repräsentativ – wird auch im Holocaust-Museum in Washington gezeigt“, erläutert Taubert.

Todesurteile des Militärgerichts

Start der Stadtführung ist dann bei den Kasernen an der Ravensberger Straße, ab 1935 errichtet. „Hier tagte auch das Militärgericht und wurden Todesurteile gegen Kriegsdienstverweigerer und Deserteure verhängt“, erklärt Taubert. Auf den Angehörigen der Verurteilten, die in Dortmund hingerichtet wurden, habe auch nach dem Krieg noch lange das Stigma gelastet, dass ihr Sohn, Bruder oder Ehemann ein Landesverräter gewesen sei. „Viele Urteile wurden erst nach 2000 annulliert.“

In der Turnerstraße, erfährt man bei Tauberts Führung, befand sich nicht nur die Synagoge (an die nur noch ein Gedenkstein erinnert), sondern auch das Polizeigefängnis. Für die Deportationen, die vom Hauptbahnhof aus erfolgten, wurden die jüdischen Familien zuvor zum Beispiel in der Versammlungshalle Kyffhäuser am Kesselbrink zusammengetrieben. Viele von ihnen waren bereits gezwungen worden, ihre Häuser und Wohnungen aufzugeben, sie waren in so genannte „Judenhäuser“ gepfercht worden.

Systematische Ausgrenzung

„Sie wurden Stück für Stück ausgegrenzt und verdrängt, beginnend etwa mit dem Verbot, öffentliche Bibliotheken zu benutzen bis hin zum Boykott ihrer Geschäfte und schließlich der Deportation“, sagt Taubert. Die Bielefelder Bevölkerung schwieg dazu oder zeigte gar offene Freude. Nur 28 der etwa 1300 Mitglieder der jüdischen Gemeinde sollten die Deportationen überleben und nach Bielefeld zurückkehren.

Häufig zu einem Spottpreis wechselten auch etwa 70 jüdische Unternehmen den Besitzer. „Auf den Verkaufspreis mussten dann noch Steuern gezahlt werden, da blieb nicht viel übrig.“ Beamte wurden zu Schreibtischtätern, setzten die Nazi-Gesetze eins zu eins um. Profitiert hätten von dem Bemühen, Bielefeld „judenfrei“ zu machen, aber auch ganz normale Bürger, stellt Taubert klar: „Der Hausrat der Juden wurde turnusmäßig öffentlich versteigert, da konnte man ein Schnäppchen machen.“

Zwei Aspekte der Führungen kann Taubert an den Dürkopp-Werken an der August-Bebel-Straße erläutern: „Das Unternehmen war ein wichtiger Hersteller für Nadelwälz- und Kugellager. Ab 1942 wurden hier Flugabwehrgeschütze hergestellt.“ Etwa 3000 der insgesamt 10.000 Zwangsarbeiter in Bielefeld hätten hier gearbeitet – zumeist Frauen aus der Sowjetunion und ihren Nachbarländern. „Untergebracht waren sie in Baracken auf dem Johannisberg, von dort mussten sie morgens durch die Stadt zur Arbeit gehen und abends zurück. Im Geheimen lief das nicht ab...“

Arbeiterwiderstand

Aber es formierte sich auch Widerstand gegen die Nazis – in Bielefeld etwa auch von Arbeitern. „Sehr bekannt ist die Dürkopp-Benteler-Gruppe, die aus zwölf Personen bestand.“ Sie hatten feindliche, insbesondere russische Rundfunksender gehört und wurden der kommunistischen Propaganda geziehen. Einer von ihnen war Hermann Kleinewächter, nach ihm ist auf dem Gelände Dürkopp/Tor 6 eine Straße benannt. Er wurde wie die anderen – im September 1944 in Dortmund hingerichtet.

„Insgesamt wurden in Bielefeld von den Nazis wenige Gebäude eigens errichtet“, resümiert Taubert. Augenfällig waren die Hochbunker. „Es gab drei Tief- und sieben Hochbunker.“ Einfach zu beseitigen waren sie auch nach Kriegsende nicht. Der Bunker in der Breiten Straße etwa wurde kurzfristig als Polizeirevier genutzt, wurde Anfang der 80er Jahre als Zivilschutzbunker hergerichtet und ist heute ein Wohnhaus. Hier endet die Führung Tauberts, der auf dem Weg dorthin noch viele Hinweise und Informationen gibt.

Die nächste Führung auf den Spuren der NS-Zeit ist bereits anberaumt. Sie findet am 9. August, 15 Uhr statt, Treffpunkt ist das Historische Museum im Ravensberger Park.

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