Umstritten: Neues Konzept enthält 257 Einzelprojekte – Kosten von 66 Millionen

Autos sollen Radlern Platz machen

Bielefeld (WB). 257 Einzelprojekte und Kosten in Höhe von 66 Millionen Euro – das steckt im Entwurf des neuen Bielefelder Radverkehrskonzeptes. Das 115 Seiten starke Papier, das seit Mitte Dezember vorliegt, wird bisher nur nichtöffentlich in der Strategiegruppe Radverkehr diskutiert. Soll te es beschlossen werden, müssen Autofahrer den Radlern künftig auch auf wichtigen Hauptverkehrsstraßen Platz machen.

Michael Schläger

Bisher teilen sich Radler und Fußgänger den Bürgersteig an der Artur-Ladebeck-Straße. Foto: Bernhard Pierel

Artur-Ladebeck-Straße zweispurig

Beispiel Artur-Ladebeck-Straße: Hier rollt der Autoverkehr aktuell auf vier Fahrstreifen, künftig sollen es nur noch zwei sein. Sie ist die wichtigste Verbindungsstraße zwischen Brackwede und der Innenstadt. Für geschätzte 3,75 Millionen Euro soll auf der Straße der „mangelhafte bauliche Zustand der Radverkehrsanlagen“ beseitigt werden. Aktuell teilen sich dort Radler und Fußgänger auf beiden Fahrbahnseiten einen 2,80 Meter breiten Bürgersteig. Der Radfahrstreifen ist ein Meter breit. Im Entwurf des Radverkehrskonzeptes ist nun ein jeweils 2,25 breiter Radweg vorgesehen, der durch einen ein Meter breiten Schutzstreifen von der verbleibenden Richtungsfahrbahn abgetrennt sein soll.

Ähnliche Planungen liegen auch für die Kreuzstraße oder Teile der Jöllenbecker Straße vor. Zugunsten der Radfahrer neu gestaltet werden soll auch wichtige Kreuzungsbereiche wie Herforder Straße/Rabenhof oder die Café-Sport-Kreuzung in Quelle.

Auf viel Kritik war bereits der Rückbau des Brackweder Stadtrings von vier auf zwei Autofahrspuren gestoßen. Der Konzeptentwurf sieht hier nun eine Teststrecke vor, auf der eine „grüne Welle“ für Radler getestet werden soll. Die soll über Induktionsschleifen, Wärmebildkameras oder eine Smartphone-App gewährleistet werden. Zu den 257 Projekten gehören auch viele kleinere Vorhaben wie „Pinsellösungen“ auf einzelnen Straßen. Größtes Projekt ist der Jahnplatz-Umbau.

Die Strategiegruppe Radverkehr war bereits 2016 eingesetzt worden. Parteien- und Verwaltungsvertreter gehören ihr an, Vertreter von Verkehrsverbänden wie dem VCD oder dem ADFC, der Verkehrsbetriebe Mobiel, von IHK, Handelsverband und Handwerkskammer. Im vergangenen Jahr hatte die Paprika-Mehrheit im Rat aus SPD, Grünen, Bürgernähe/Piraten und Lokaldemokraten zudem eine Verkehrswende beschlossen. Das Ziel: Der Anteil des motorisierten Individualverkehrs soll bis 2030 um mehr als die Hälfte auf 25 Prozent reduziert, ÖPNV, Rad- und Fußverkehrsanteile sollen entsprechend gesteigert werden.

CDU und FDP machen nicht mehr mit

CDU und FDP waren im Juni vergangenen Jahres aus der Strategiegruppe Radverkehr ausgestiegen. Man wolle sich nicht vereinnahmen lassen für Konzepte, hinter denen man nicht stehe, erklärten damals CDU-Ratsfraktionschef Ralf Nettelstroth und FDP-Chef Jan-Maik Schlifter.

Inzwischen gibt es auch intern Zweifel an der Arbeitsfähigkeit der Gruppe. Das belegt ein Auszug aus dem jüngsten Protokoll, der der Redaktion vorliegt: „Herr Johner (Grüne) zeigt sich überrascht darüber, dass erneut viele Stühle leer geblieben sind und stellt die Frage in den Raum, ob die Strategiegruppe auf diese Weise noch empfehlungsbefugt ist. Herr Küffner (VCD, Anm. d. Red.) vermutet, es würde ein größeres Interesse bestehen, wenn inhaltliche Entscheidungen zu fällen wären. Auch Herr Schmelz (Bürgernähe, Anm. d. Red.) stellt fest, dass bisher von der Strategiegruppe keine Empfehlungen an den Stadtentwicklungsausschuss ausgegangen sind.“ Das soll sich jetzt ändern. Die Strategiegruppe muss nun bis zum Februar eine Stellungnahme zu dem Konzept abgeben, das von dem Aachener Stadt- und Verkehrsplanungsbüro Kaulen erstellt worden ist. Anschließend werden sich die Ratsgremien damit beschäftigen.

Politik steht unter Druck

Die Politik steht besonders unter Druck. Während die Wirtschaftsvertreter bemängeln, dass die Erreichbarkeit der Stadt durch die Maßnahmen weiter eingeschränkt werde, hat die Initiative Radentscheid ein Bürgerbegehren für einen verbesserten Radverkehr auf den Weg gebracht. Mehr als 20.000 Unterschriften sollen bereits vorliegen. Noch vor der Kommunalwahl im September muss der Rat über die Zulässigkeit entscheiden.

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