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Fachkräfte für Veranstaltungstechnik in OWL leiden besonders unter Corona-Einschränkungen

Azubis lernen in der „Notfalllehrwerkstatt“

Bielefeld (WB).

Die Veranstaltungsbranche darbt in Corona-Zeiten dahin. Besonders betroffen sind die Auszubildenden im Bereich Veranstaltungstechnik. Wie im Dezember exklusiv berichtet, gibt es für sie seit März vergangenen Jahres kaum die Möglichkeit, Praxiserfahrungen im Umgang mit einer hoch spezialisierten Bühnentechnik sowie mit Auf- und Abbauten zu sammeln. Dennoch werden sie von der IHK OWL zu Prüfungen einbestellt.

Uta Jostwerner 

Mathias Götting (von links), Fachkraft für Veranstaltungstechnik, führt im Studio der Notfalllehrwerkstatt eine Videoschulung durch. Davon profitieren Kevin Brotte, Tom Diekmann und Peter Dettmar. Foto: Thomas F. Starke

Aufatmen können nun 28 angehende Fachkräfte für Veranstaltungstechnik in OWL. Sie werden in einer so genannten Notfalllehrwerkstatt praktisch und – wenn nötig – auch theoretisch geschult. Möglich macht dies ein Ausbildungsverbund, dem sich 14 Ausbildungsbetriebe in OWL angeschlossen haben, sowie ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Klingt einfacher als es ist. Denn das seit August 2020 bestehende Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ musste erst geändert werden, um für Ausbildungsbetriebe rentabel zu sein. Fakt ist, dass Ausbildungsbetriebe ihren Azubis jeden Berufsschultag sowie jede weitere Schulungsmaßnahme vollumfänglich vergüten müssen. Bei ak- tuell keinen Einnahmen.

Wie Sarah Stücker von der Bielefelder Firma Provisuell im Dezember dieser Zeitung berichtete, hätte die Fördersumme aus dem Ministeriumsprogramm gerade einmal für etwas mehr als einen Monat gereicht. Bindend sei aber eine Laufzeit von sechs Monaten gewesen. Somit gab es Ausbildungsprämien, die nicht abgerufen wurden.

Werner Helms, Veranstaltungstechnikmeister und Inhaber der Firma Prisma, stellt seinen Betrieb für die Schulungsmaßnahmen zur Verfügung. Foto: Thomas F. Starke

Doch die Bielefelderin ließ nicht locker. „Ich habe mich in 28 Telefonaten durchs Ministerium telefoniert.“ Schließlich konnte sie Dr. Ingo Böhringer, Ministerialrat im Ressort Innovation in der Beruflichen Bildung, von der Widersinnigkeit der Fördermaßnahme überzeugen. „Spätestens als ich ihn fragte, ob das Förderprogramm denn schon einmal abgerufen wurde, musste er stutzen. Und dann ging alles sehr schnell. Unser Gespräch fand an einem Freitag statt. Am Montag um 7.45 Uhr kam seine E-Mail, dass das Förderungsprogramm geändert wurde“, berichtet Sarah Stücker. Somit konnte ihre Idee eines Ausbildungsverbundes, in dem Auszubildende im Rotationsprinzip verschiedene Betriebe besuchen, um dort während des Lockdowns praktisch unterwiesen zu werden, doch noch in die Tat umgesetzt werden.

„Ich weiß von keinem anderen Fall in Deutschland, wo solch ein Ausbildungskonzept zustande gekommen ist“, sagt Werner Helms. Der Veranstaltungstechnikmeister ist seit 1986 Inhaber der Bielefelder Firma Prisma, eines bis Februar 2020 gut florierenden Unternehmens mit bis zu 400 Aufträgen pro Jahr europaweit.

In seinem Betrieb in Altenhagen befindet sich die zentrale Notfalllehrwerkstatt. „Wir haben eigens einen Raum leergeräumt, um dort ein Studio mit Geräten einrichten zu können“, erläutert der Veranstaltungstechnikmeister.

Werner Helms

In einem weiteren Raum des weitläufigen Unternehmens wurde ein Schulungszentrum zur theoretischen Unterweisung eingerichtet. Somit können dort Azubis jeweils in zwei Kleinstgruppen parallel unterrichtet werden. Den Unterricht übernehmen erfahrene Fachkräfte der dem Ausbildungsverbund angeschlossenen Betriebe.

„Das ist eine richtig gute Sache. Die Dozenten nehmen sich viel Zeit. Auf einer Baustelle im normalen Praxisbetrieb bekommt man zwar vieles so nebenbei mit, man wird aber nicht so intensiv unterwiesen wie hier“, sagt Maurice Szmudzinski. Der 19-Jährige ist Auszubildender im zweiten Lehrjahr bei der Haller Firma Tour Service Lichtdesign.

Szmudzinski und seine Ausbildungskollegen werden weitere Veranstaltungsbetriebe besuchen, denn nicht jeder Betrieb deckt das gesamte Anforderungsprofil ab. Mancher in der Branche hat sich spezialisiert. So etwa Provisuell, die sich einen Namen im Bereich Videoprojektion, Licht und Spezialeffekte gemacht haben.

„Es ist für alle eine Win-Win-Situation. Besonders klasse finde ich, dass ehemalige Konkurrenzunternehmen gemeinsame Sache machen und sich nun gegenseitig austauschen und unterstützen“, freut sich Sarah Stücker. Geht es nach ihren Wünschen, dann soll das Modell der Notfalllehrwerkstatt auch über die Pandemiezeit hinaus beibehalten werden.

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