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Ein Gottesdienst zwischen Kommen und Gehen - mit Video

Bahnhof Bethlehem

Bielefeld(WB). Wahrscheinlich gibt es keinen unmittelbareren Ort, wo Kirche auf die Menschen trifft als beim Heiligabendgottesdienst in der Halle des Bielefelder Hauptbahnhofs. Es ist eine ehrliche Begegnung. Mitten im Leben.

Michael Schläger

Posaunenbläser begleiten den Gesang der Gottesdienstbesucher in der Bahnhofshalle. Foto: Mike-Dennis Müller

18.21 Uhr an Gleis 4 erhält Einfahrt der ICE aus Richtung Berlin-Ostbahnhof. Kaum zu glauben, dass dies ein besonderer Abend ist. Der rege Betrieb auf dem Bahnsteig zeigt: Auch in der heiligen Nacht ist dieser Zug gut gebucht. Wer hier aussteigt und den Trolley hinter sich herziehend die Bahnhofshalle erreicht, ist überrascht. Mehr als 500 Menschen haben sich dort versammelt. Sitzen dicht gedrängt an Biertischen, stehen entlang der längst verdunkelten Ladenfronten. Hinten, am Zugang zu McDonald’s, ist auf einem Holzpodest ein provisorischer Altar aufgebaut. Gleich beginnt der ökumenische Gottesdienst.

Seit 2013 gibt es den. Eigentlich richtet er sich vor allem an die, die auf der Straße leben. Die allein sind an diesem Abend. Bedürftig. Aber die besondere Atmosphäre lockt immer mehr auch Menschen an, die zuvor schon mit den Lieben daheim im gemütlichen Wohnzimmer Bescherung hatten. Die ersten seien schon um 17.30 Uhr da gewesen, sagt Uwe Moggert-Seils, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises.

18.50 Uhr an Gleis 2 fährt langsam die Ravensberger Bahn in Richtung Rahden ab. Nach und nach verliert sich das Geräusch der Dieselmotoren in der Nacht. In der Bahnhofshalle liest Michael Geymeier, Majore der Heilsarmee Bielefeld, aus der Weihnachtsgeschichte. »Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe. . .«

Auf den Tischen liegen Mandarinen, die zuvor von den Helfern der Bahnhofsmission verteilt worden sind. Mehr als eine nette Gabe. Für manchen hier die überfällige Vitaminzufuhr.

19.09 Uhr an Gleis 3 . Gleich macht sich die Wiehengebirgsbahn auf in Richtung Hengelo. Im Gegensatz zu den ICE- und Intercityverbindungen verlieren sich dort in den Abteilen nur wenige Fahrgäste. Christian Bald, Superintendent des Kirchenkreises Bielefeld, und Klaus Fussy, Dechant der Katholischen Kirche, halten derweil in der Halle gemeinsam die Predigt. Die Herberge zu Bethlehem müsse man sich als orientalische Karawanserei vorstellen, eine Art antikes Motel, sagt Fussy. Und Bethlehem, das für uns heute als Sinnbild für Güte und Liebe stehe, sei damals ein Ort gewesen, wo die Namenlosen und Vergessenen sich versammelt hätten. Der Bahnhof – ein modernes Bethlehem.

19.21 Uhr an Gleis 4 . ICEs kommen im Stundentakt. 120 Sekunden bleiben zum Ein - und Aussteigen, bevor auch dieser Zug in Richtung Köln weiterfährt. Vielleicht hört der eine oder andere auf dem Bahnsteig die Posaunenklänge und den Gesang aus der nahen Bahnhofshalle. »O du Fröhliche, o du Selige.« Bei diesem Lied singt nun auch mancher mit, der zuvor noch stumm dabei stand. »Christ ist erschienen, uns zu versühnen.« Das ist die Botschaft, die von diesem Moment ausgeht.

19.58 Uhr an Gleis 4 und 2 . »RE 6« heißt die wichtige NRW-Verbindung. In Bielefeld treffen die Züge in Richtung Köln und in Richtung Minden kurz aufeinander. Rainer Licht, Carsten Hülsmann und Thomas Püschel von der Kaufmannschaft im Bielefelder Westen »Rund um den Siggi« geben unterdessen die letzten Portionen Gulaschsuppe aus. Diakonie, Caritas, Heilsarmee und Bahnhofsmission haben den ökumenischen Gottesdienst gemeinsam organisiert, wieder genügend freiwillige Helfer und Sponsoren gefunden, um auch eine warme Mahlzeit anbieten zu können. Anschließend gibt es in den Räumen der Bahnhofsmission noch ein kleines Geschenk. »Jeder nur eine Tüte«, hat Sozialpfarrer Matthias Blomeier vom Kirchenkreis bei der Ankündigung im Gottesdienst gesagt. Schließlich sollen alle an diesem Abend etwas abbekommen.

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