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Branchen unterschiedlich von Corona betroffen – Kreishandwerksmeister Wulfmeyer spricht von „Stabilitätsanker“

Bielefelder Handwerk blickt mit Skepsis auf das Jahr

Bielefeld

Quer durch alle Branchen erweise sich das Handwerk auch in Coronazeiten als Stabilitätsanker, sagt Kreishandwerksmeister Frank Wulfmeyer. „In der Breite ist es bis Jahresende 2020 gut durch die Rezession gekommen.“ Aber es gibt große Unterschiede: Während sich Bau und Ausbaugewerke weiter auf hohem Niveau bewegen, waren etwa Friseure über Monate komplett vom Lockdown ausgebremst.

Sabine Schulze

Stand heute dürfen die Friseure am 1. März wieder öffnen – unter strengen Bedingungen. Sie gehören zu den besonders „Corona-Gebeutelten“. Foto: dpa

Insgesamt ist der Umsatz laut Konjunkturumfrage der Kreishandwerkerschaft 2020 im Vergleich zum Vorjahr bei 52 Prozent der Betriebe gesunken, die Branchen Gesundheit, Fahrzeug und Metall klagten zu 62 bis 67 Prozent über Verluste. „Die Zahntechniker haben im ersten Lockdown große Einbußen erlitten, weil die Zahnärzte kaum gearbeitet haben“, nennt Hauptgeschäftsführer Jürgen Sautmann ein Beispiel. Ebenso waren Fleischer und Bäcker betroffen, weil ihre Cafés lange geschlossen waren und sind und das Catering mangels Feiern und Veranstaltungen flach fiel.

Im Bereich Kfz hat vor allem der Fahrzeughandel gelitten – coronabedingt und weil es in Bielefeld Probleme mit den Zulassungen gab, sagt Sautmann. Und im Dienstleistungssektor waren und sind neben den Friseuren die Gebäude- und Textilreiniger gebeutelt, weil die Aufträge von Hotels und Gaststätten fehlen.

Kaum Entlassungen wegen „Corona“

Gut ein Drittel der Handwerksbetriebe verzeichnet für 2020 gesunkene Mitarbeiterzahlen, darin ist aber auch die normale Fluktuation enthalten, betont Sautmann. Ein Teil der Kündigungen dürfte zudem auf 450-Euro-Kräfte entfallen sein. Immerhin 79 Prozent der Betriebe gaben an, dass es wegen der Coronapandemie keine Entlassungen gegeben habe, die Hälfte hat das Instrument der Kurzarbeit genutzt.

Die Umsatzerwartungen für 2021 charakterisiert Sautmann als „deutlich skeptisch“. 40 Prozent der Handwerksbetriebe rechnen für das laufende Jahr mit einem Minus, ganz vorne – relativ überraschend – der Metallbereich und die Baubranche. Letztere erwartet zu 77 Prozent auch sinkende Beschäftigtenzahlen, während das „über alle Betriebe“ nur für 20 Prozent gilt. Martin Lang, stellvertretender Kreishandwerksmeister und Obermeister der Dachdecker- und Zimmerinnung, kann sich das nicht recht erklären: Zum einen seien die Unternehmen auf Fachkräfte angewiesen, zum anderen sei der Auftragsbestand gut. „Viele Kunden sehen richtigerweise nach wie vor die Investition in ihr Eigenheim als Zukunftsinvestition.“ Zu Buche schlagen könne aber noch, dass die Bauverwaltung und die Vergabestellen der Städte derzeit im Homeoffice seien. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles rund läuft.“

Sautmann betont, dass die vorsichtige Erwartungshaltung Ergebnis der Konjunkturumfrage ist, die zum Jahreswechsel erfolgte. Der noch einmal verlängerte Lockdown und der aktuelle strenge Winter seien noch nicht einmal eingepreist. Auch der werde Hoch- und Tiefbau zwei bis fünf Wochen kosten.

Für manchen Friseur wird es eng

Eng werde es für viele Friseure, erwartet Obermeister Markus Turri. „Viele wissen nicht, wie es weitergeht. Es gibt Betriebe, die drei bis fünf Monate überleben, andere schaffen nicht vier Wochen.“ Auch die Corona-Überbrückungshilfen waren für sie kaum Hilfen, da die Referenzmonate beim Vergleich der Umsatzzahlen ausgerechnet die „Aufholmonate“ nach dem ersten Lockdown waren und dann zurückgezahlt werden musste. Um das Überleben zu sichern, so Wulfmeyer, sei es wichtig, höhere Abschläge auszuzahlen.

Weiteres Ungemach, erklärt Turri, komme von der Berufsgenossenschaft. Ohnehin musste ja die Zahl der Frisierplätze reduziert werden, sollten auf zehn Quadratmeter Fläche ein Kunde plus Friseur kommen. Künftig sollen es zehn Quadratmeter pro Person, also 20 Quadratmeter sein. Da bleibe nur der Schichtbetrieb...

Kaum Praktika für interessierte Jugendliche

Kein leichtes Jahr war 2020 auch für die Ausbildung. Zwar wurde noch am 1. August mit einem Minus von zehn bis 14 Prozent gerechnet, das aber reduzierte sich in Bielefeld auf 4,3 Prozent, so Sautmann. Gezielt sollen die jungen Leute jetzt durch digitale Sprechstunden erreicht werden. Wer einen Handwerksberuf anstrebe, können sich unter Telefon 0521/5800943 melden. Dennoch ist Frank Wulfmeyer für 2021/22 skeptisch: „Wir stellen vielfach nach einem Praktikum im Betrieb ein. Aber die Praktika finden kaum statt: Man überlegt es sich gut, einen weiteren Kontakt in den Betrieb zu holen.“ Die Auswirkungen werde man in zwei Jahren spüren.

Schließlich liegt Sautmann noch ein Thema auf der Seele: die „unzulässige Konkurrenz“. Von vielen Betrieben kämen Beschwerden, weil große Supermärkte nicht nur Lebensmittel verkauften, sondern vieles, wovon auch das Handwerk lebe – etwa der Elektriker, der Informationstechniker oder auch die Orthopädie-Schuhtechnik, bei der dem Handwerksbetrieb oft ein Schuhhandel angegliedert sei. „Das ist keine Gleichbehandlung.“

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