1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Owl
  4. >
  5. Bielefeld
  6. >
  7. Bielefelder Mutter: »Kinderarztpraxen sind überlastet«

  8. >

Daniela Tenge findet für Säugling Zoey erst im Nachbarkreis einen Fachmediziner

Bielefelder Mutter: »Kinderarztpraxen sind überlastet«

Bielefeld (WB). Auf der Suche nach einem Arzttermin für eine Säuglingsuntersuchung hat eine Mutter eine Absage nach der anderen erhalten: »Restlos überfüllt«, begründeten mehrere Bielefelder Kinderarztpraxen ihre Haltung.

Volker Zeiger

Hellwach liegt Säugling Zoey auf dem Wickeltisch, umsorgt von Ihrer Mutter Daniela Tenge, die in Bielefeld vergebens nach einem Kinderarzt für die vorgeschriebene U 3-Untersuchung suchte. Foto: Bernhard Pierel

Hilfe bekam die besorgte 41-Jährige nach dutzenden Anfragen erst im benachbarten Gütersloh. Die Kassenärztliche Vereinigung bedauert die Absagen und appelliert an Kinderärzte, dass diese bei Terminengpässen andere Praxen mit besserer Kapazität empfehlen.

Die Empörung ist dennoch groß bei Daniela Tenge. »Du sitzt da, dein Baby im Arm, brauchst dringend einen Kinderarzt für die vorgeschriebene Kinderuntersuchung und du findest keinen Mediziner für dein Kind«, machte sich die Mutter in einem Brief an Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) Luft.

Sie schreibt weiter: Der Staat wünsche mehr Kinder, doch »wo ist der Sinn, wenn man dann so hängen gelassen wird?« Zum Facharzt, bei dem Daniela Tenge ihre vier anderen Kinder in der Vergangenheit stets untersuchen ließ, konnte sie nicht mehr: »Der ist in Rente gegangen, und es gab keinen Nachfolger«, erklärt die gelernte Einhandelskauffrau.

Ein Kinderarzt, der gleich in der Nachbarschaft praktiziert, habe sofort abgelehnt. In ihrer Not rief Daniela Tenge bei ihrer Krankenkasse an und wurde an eine Hotline verwiesen, die einen ärztlichen Termin-Service anbietet.

»Drei Tage später kam ein Rückruf mit dem Hinweis, in Bielefeld bei keinem der ansässigen Kinderärzte einen Termin für ein Neugeborenes zu bekommen«. Die Krankenkasse in Bielefeld meldete sich schließlich bei Tenge und entschuldigte sich für die erfolglose Suche. Zoey ist heute 34 Tage alt, die Untersuchung muss zwischen der vierten und fünften Lebenswoche erfolgen.

»Selbst in Herford und Steinhagen keine Termine«

Den Tipp, es doch in Gütersloh zu versuchen, bekam Tenge aus der ebenfalls terminlich überfüllten Dornberger Praxis Wozniak, »weil selbst in Herford und Steinhagen keine Facharzttermine zu bekommen waren«, berichtet die fünffache Mutter.

Eine Freundin empfahl ihr schließlich in Gütersloh eine Praxis, wo sie ihre Kinder in guter Behandlung weiß. »Ich bekam sofort einen Termin, weil Zoey eine Pilzinfektion bekommen hatte«. Und auch der nächste Termin wurde schon festgelegt: Die fällige U 3-Untersuchung wird nächste Woche sein. Daniela Tenge will dieser Arztpraxis treu bleiben. »Ich bin glücklicherweise mobil, habe ein Auto«, sagt die Kindsmutter.

Gleichwohl will sie darauf drängen, dass es mehr Kinderärzte in Bielefeld gibt. Vom Oberbürgermeister erhofft sie sich einen Vorstoß in diese Richtung. Eine Antwort auf ihren Brief ans Stadtoberhaupt bekam sie noch nicht, Clausen hat Urlaub.

»Der OB und die Fachverwaltung werden sich in Kürze dazu äußern«, verspricht Uwe Borgstädt von der städtischen Pressestelle. Er weist auch darauf hin, dass die Stadt nicht der richtige Ansprechpartner sei. Dennoch wünscht die Politik, wie jüngst in einem Beschluss bekundet, eine bessere kassenärztlich Versorgung in allen Stadtteilen.

Kassenärztliche Vereinigung bedauert das Geschehen

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) bedauert nach Aussage ihres Sprechers Jens Flintrop das Geschehen »außerordentlich«. Man sehe, dass die »Kapazitätsgrenze erreicht ist«. Wünschenswert sei, so Flintrop, »wenn sich Kassenärzte organisieren und Empfehlungen aussprechen«.

Der Gesetzgeber schreibe vor, dass Fachärzte gleichmäßig verteilt die Menschen versorgen. Bielefeld sei wegen des gegenwärtig bestehenden Versorgungsgrads von 110 Prozent überversorgt.

Die KVWL sei jedoch »offen für einen Antrag auf Sonderbedarf, und den würden wir wohlwollend prüfen«, verspricht Flintrop. Terminengpässe ließen sich oft nicht vermeiden, es würden mehr Untersuchungen und Behandlungen anfallen und der Zeitaufwand pro Patient sei größer geworden.

Startseite