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Seit Mittwoch liegt die Ravensberger Straße am Wasser – Oberbürgermeister neidisch auf Anwohner

Große Feier: Bielefelds offene Lutter kommt musikalisch

Bielefeld

Wie viel Charakter etwas Wasser einem Ort geben kann, ist am Mittwoch in der Ravensberger Straße mehr als deutlich geworden: Hunderte Menschen wollten live dabei sein, wenn Oberbürgermeister Pit Clausen dort den offen gelegten Lutter-Abschnitt zwischen Niederwall und Teutoburger Straße frei gibt. Manche Anwohner haben 20 Jahre auf diesen Augenblick gewartet.

Von Markus Poch

Mit ihren Saxofonen und vielen Anwohnern begrüßen die Leptophonics die Weser-Lutter im neuen Bachbett der Ravensberger Straße. Foto: Bernhard Pierel

Das Wasser kommt aus dem Park der Menschenrechte am Waldhof. Dort öffnet ein Mitarbeiter des Umweltamtes die Schleuse zur Ravensberger Straße. Die Weser-Lutter braucht von da aus einige Minuten bis sie das Tageslicht wieder erblickt. Jenseits des Niederwalls wird sie, obwohl gelblich-trübe und ziemlich kalt, begeistert empfangen: von einem Pulk erwartungsfroher Menschen aller Altersgruppen und den Leptophonics.

Das sind die beiden Saxofonisten Andreas Gummersbach und Andreas Kaling, die den Bach im Auftrag des Umweltamtes musikalisch und räumlich an der frischen Luft begleiten. Langsam aber beharrlich schiebt sich die Lutter in ihr noch trockenes Bett. Die Leptophonics schleppen ihre Instrumente lässig mit, spielen Lieder wie „Fanfare for the common man“, „Song for everyone“ oder „Saturdaynight in the cosmos“.

Sind es zunächst nur ein paar Kinder, die sich barfuß oder mit Badelatschen ins Wasser trauen, kann später kaum ein Anwohner der Versuchung widerstehen. „Endlich!“ ist das Wort der Stunde. Immer wieder: „Endlich!“ Selbst neugierige Geschäftsleute, Politiker und gebrechliche Urgroßmütter legen plötzlich Schuhe und Socken zur Seite, um ein Fußbad zu nehmen. Viele haben sich ein Picknick mitgebracht. 120 Jahre lang war die Weser-Lutter an dieser Stelle verrohrt. Jetzt gibt sie den Menschen ein Stückchen Lebensqualität zurück.

„Genießt es und habt Spaß daran.“

Oberbürgermeister Pit Clausen dankte den Anwohnern für Nachsicht und Verständnis in der Bauphase: „Zwei Jahre haben wir Euch gequält“, gestand er. „Aber jetzt habt Ihr immer frisches Wasser vor der Tür. Genießt es und habt Spaß daran.“ An keinem anderen Ort der Stadt gebe es das. Clausen: „Ich bin richtig neidisch.“

Moderator Heinz Flottmann alias Jürgen Rittershaus reagierte besonders sensibel auf das neue Klima in der Ravensberger Straße: „Man spürt schon die maritimen Veränderungen“, sagte er und streute sogleich das Gerücht, die Stadt wolle künftig alle zwei Wochen andere Flüssigkeiten durch das Bachbett jagen. Nur mit Herforder Pils habe man sich nicht einigen können.

Strandkorb ausgeliehen

Anlieger Detlev Osenbrück (72) und Sohn Theo (12) feierten das Ereignis und damit auch „das Ende von 20 Jahren wilder Planung“ mit einer kalten Orangenbrause. Um die Zeremonie optimal verfolgen zu können, hatten sie sich extra einen Strandkorb ausgeliehen.

Die beiden Ratsmitglieder Lena Oberbäumer und Daniel Hofmann (Die Partei) begrüßten ebenfalls die neue Wasserstraße durch Bielefeld. „Wir wollen den Schiffsverkehr kräftig ankurbeln und uns dafür einsetzen, dass Bielefeld wieder in die Hanse aufgenommen wird“, versprach Hofmann ohne jedes Augenzwinkern. Den neuen Bielefelder Hafen sieht Lena Oberbäumer allerdings nicht direkt an der Ravensberger Straße, sondern „eher dort, wo die Häuser nicht ganz so dicht stehen“.

Im Frühjahr 2001 kommt die Idee auf, die Weser-Lutter aus ihrem unterirdischen Bett wieder an die Oberfläche zu holen. Es gründet sich der Verein „Pro Lutter“ mit dem Ziel, das Gewässer zwischen dem Café Rodin in der Altstadt und dem Stauteich I freizulegen. Der Rat der Stadt stimmt im Juni 2002 diesem Vorhaben zu, in vier Bauabschnitten soll die Freilegung erfolgen.

Für die Finanzierung der Maßnahme, die insgesamt etwa 3,2 Millionen Euro kostet, muss der Verein sorgen. 20 Prozent der Kosten werden durch Spenden und Beiträge getragen, der Rest wird aus Fördergeldern bezahlt.

Im April 2004 erfolgt der erste Spatenstich, bereits im Herbst des Jahres plätschert die Lutter durch den Park der Menschenrechte.

Als im Zuge der Freilegungsarbeiten festgestellt wird, dass der Lutterkanal marode ist und erneuert werden muss, droht das Projekt zu scheitern. Der zweite Bauabschnitt wird verschoben. Durch die zeitliche Verzögerung steigen die Kosten, die Stadt beteiligt sich mit zehn Prozent. 2015 beginnt die Kanalsanierung, 2020 werden die Arbeiten an der Lutterfreilegung im Abschnitt 2 fortgesetzt. Anschließend soll Abschnitt 3 von der Teutoburger Straße Richtung Stauteich angegangen werden.

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