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Belegung oft bei »mehr als 100 Prozent« – deutlicher Anstieg ausländischer Häftlinge

Brackweder Gefängnis »wieder sehr voll«

Bielefeld (WB). »Ein Hotelier würde sich darüber freuen – der Leiter einer Haftanstalt eher nicht«, sagt Uwe Nelle-Cornelsen. Der Chef der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede blickt zurück auf das Jahr 2018 und spricht von einer Belegung von oft »mehr als 100 Prozent«. Es sei wieder sehr voll gewesen zwischen den Gefängnismauern, wenn auch nicht ganz so voll wie noch 2017.

Markus Poch

»Es ist das kleine Einmaleins des geschlossenen Vollzugs, dass keiner über die Mauer geht«: Uwe Nelle-Cornelsen, Leiter der JVA Bielefeld-Brackwede, vor dem Gefängnis-Altbau von 1977. Links ist die im Bau befindliche Erweiterung zu erkennen. Foto: Markus Poch

Die Anstalt des geschlossenen Vollzugs beschäftigt aktuell 332 Mitarbeiter, sechs mehr als im Vorjahr. Sie verfügt über 542 Haftplätze, davon 68 für Frauen. 2018 wurden 2839 Gefangene neu aufgenommen. Was auffällt: 42,74 Prozent sind Ausländer. Vor drei Jahren waren es noch knapp über 30 Prozent. »Das ist ein deutlicher Anstieg«, betont Nelle-Cornelsen. »Es wird bunter bei uns.« Die Anzahl der in der JVA vertretenen Nationen sei von 42 auf 48 Nationen angewachsen. Die meisten Gefangenen kämen aus Polen und der Türkei.

Konsequentes Durchgreifen

Die Zahl der straffälligen Georgier dagegen, die sonst am stärksten in den Arrestzellen vertreten waren, ist stark rückläufig. Nelle-Cornelsen macht den gestiegenen Verfolgungsdruck durch die Polizei in NRW dafür verantwortlich. Zahlen aus Niedersachsen belegten allerdings, dass sich das Problem dorthin verlagert habe.

Eine gute Nachricht vor allem für seine unmittelbaren Kollegen vom Vollzugsdienst vermeldet der Anstaltsleiter aus dem besonders gesicherten Haftraum. Die ungastlichen Kammern aus Beton und Abort, in dem sich akut selbst- oder fremdgefährdete Personen tageweise abreagieren, seien im Vergleich zum Vorjahr fast nur noch halb so oft belegt gewesen, nämlich an 248 statt 439 Tagen. Nelle-Cornelsen führt das auf ein konsequenteres Durchgreifen seines Personals bei Drohungen oder Erpressungen zurück: »Unsere Gefangenen müssen lernen, Anträge zu stellen, wenn sie etwas wollen – und nicht Stühle durch den Haftraum schmeißen.«

Die Drogenproblematik innerhalb der Gefängnismauern sei konstant geblieben: 2018 wurden 784 männliche Gefangene und 136 Frauen vom medizinischen Dienst der JVA als erheblich suchtgefährdet erfasst. Das sind 39 Prozent der männlichen und 52 Prozent der weiblichen Zugänge. Nachschub an Kleinstmengen von Drogen oder zum Missbrauch vorgesehenen Medikamenten käme überwiegend über Angehörige ins Haus, werde meistens im Körperinneren geschmuggelt.

Anstaltsarzt gesucht

200 abhängige Personen wurden 2018 dauerhaft medizinisch betreut. Unter anderem gab es 60 Alkoholentgiftungen und 30 Me­thadonentzüge. 42 der suchtkranken Inhaftierten konnten 2018 in eine Therapiemaßnahme vermittelt werden. Das ist ein Höchstwert, auf den Nelle-Cornelsen ebenso stolz ist wie auf die Tatsache, dass im zurückliegenden Jahr 66 Personen aus dem geschlossenen in den offenen Vollzug verlegt werden konnten. Damit sei die JVA Brackwede Spitzenreiter vor den Anstalten in Rheinbach, Schwerte und Werl.

Ungeachtet aller Probleme oder auch Erfolge im Innern der JVA, dauern außerhalb die Arbeiten am Erweiterungsbau in östliche Richtung an. Laut Nelle-Cornelsen ist die neue Haftmauer, die später das achte Hafthaus umschließen soll, weitestgehend fertiggestellt worden – bis auf die Zufahrt, die noch für Baumaschinen benötigt wird. Der aktuelle Bauzeitenplan sehe eine Inbetriebnahme des Anbaus im Sommer 2021 vor. Bis dahin sind weitere Modernisierungsmaßnahmen geplant, darunter die Erweiterung von Wäscherei und Kfz-Werkstatt, der Umbau der Sicherheitszentrale, der Bau sowohl einer neuen Außenpforte als auch eines separaten Besucherzentrums.

Des weiteren sucht die JVA nach wie vor »händeringend« einen zweiten Anstaltsarzt. Dazu sagt Martin Wulfert, stellvertretender Leiter: »Wir bieten einen attraktiven Arbeitsplatz mit geregelten Arbeitszeiten und der Möglichkeit der Verbeamtung.«

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