Stadt Bielefeld stellt Radverkehrskonzept vor – 22 zusätzliche Stellen – 300 Einzelprojekte – Millionen-Investitionen

Clausen: „Wir denken Fahrrad mit“

Bielefeld (WB)

Seinen 59. Geburtstag hat Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) am Mittwoch gefeiert. Dass er an diesem Tag auch das Umsetzungskonzept Radverkehr vorstellen konnte, empfand er dabei als „richtiges Geschenk“.

Michael Schläger

Unterwegs auf der frisch erneuerten Friedrich-Verleger-Straße: (von links) OB Pit Clausen, Amtsleiter Olaf Lewald und Barbara Choryan. Foto: Bernhard Pierel

Tatsächlich steckt da ordentlich etwas drin. 300 Einzelmaßnahmen rund um den Radverkehr sollen in den kommenden 15 Jahren realisiert werden – von der Einrichtung einer Fahrradstraße auf dem Ehlentruper Weg schon in diesem Jahr bis hin zu Großprojekten wie dem Radschnellweg zwischen Herford, Bielefeld und Gütersloh.

Damit das alles vernünftig geplant und umgesetzt werden kann, sollen noch in diesem Jahr überplanmäßig im zuständigen Amt für Verkehr 17 zusätzliche Stellen geschaffen werden, was einem Personalzuwachs von mehr als zehn Prozent entspricht. 2022 sollen weitere fünf Stellen hinzukommen. Die zusätzlichen Personalkosten für die Stadt werden sich dann auf 1,35 Millionen Euro jährlich belaufen.

Bisher kümmern sich sechs Mitarbeiter des Amtes um den Radverkehr, bald sollen es 28 sein. Für den Radwegebau und weitere Maßnahmen rund ums Rad (Abstellanlagen, Marketing-Aktionen) soll auch das jährliche Budget deutlich ausgeweitet werden, von derzeit 2,5 auf 13 Millionen Euro jährlich.

Oberbürgermeister Pit Clausen

„Es geht darum, die Verkehrswende und den Klimaschutz voranzubringen“, begründet Clausen das erheblich ausgeweitete Engagement. Außerdem müsse die Vereinbarung mit der Initiative Radentscheid umgesetzt werden. Stadt und Initiative hatten im vergangenen Jahr einen Vertrag geschlossen, in dem Ausbaustandards für den Radverkehr festgelegt wurden. Damit hatte das Rathaus auf die fast 27.000 Unterschriften reagiert, die die Rad-Aktivisten für ein Bürgerbegehren gesammelt hatten. „Wir denken Fahrrad mit“, fasste Clausen das städtische Vorgehen am Mittwoch zusammen. Er sei auch gespannt, wie der Stadtentwicklungsausschuss auf den Vorschlag, am Jahnplatz ein „abgespecktes“ Fahrradparkhaus zu errichten, reagieren werden. Die Bezirksvertretung Mitte hatte die Pläne abgelehnt.

„Wir wollen künftig weg von Ad hoc-Entscheidungen, hin zu einem systematischen und integrierten System“, sagte Olaf Lewald, Leiter des städtischen Amtes für Verkehr. Es gehe auch nicht um die Bevorzugung einer Mobilitätsart, sondern um das Aufholen eines Rückstandes.

Barbara Choryan, Nahmobilitätsbeauftragte im Amt für Verkehr, berichtete, was derzeit alles „in der Pipeline“ ist. Neben der Fahrradstraße Ehlentruper Weg soll es bald eine weitere im Bielefelder Westen geben. Für den Radschnellweg soll eine Nutzen-Kosten-Analyse erstellt werden. Den geplanten Pop-up-Radweg auf der Artur-Ladebeck-Straße, also den Versuch, dort jeweils eine Richtungsfahrbahn für den Radverkehr zu nutzen, wird es erst im kommenden Jahr geben, weil im Sommer Bauarbeiten auf dem parallel verlaufenden Ostwestfalendamm anstehen.

Das Umsetzungskonzept für den Radverkehr ist Teil der städtischen Mobilitätsstrategie, wonach der Anteil des Autoverkehrs von derzeit mehr als 50 Prozent auf ein Viertel sinken und der Umweltverbund aus ÖPNV, Rad- und Fußgängerverkehr entsprechend wachsen soll. Am kommenden Dienstag ist die neue Rad-Strategie Thema im Stadtentwicklungsausschuss und wegen ihrer finanziellen Auswirkungen auch im Finanzausschuss des Rates.

Kommentar

Zu viel Auto war gestern, und es ist richtig, dass man sich davon verabschiedet. Aber kommt jetzt zu viel Fahrrad? 300 Einzelprojekte plant die Stadt in den kommenden Jahren, von der fahrradgerechten Kreuzung bis zum Radschnellweg zwischen Gütersloh und Herford. Die frisch-fröhliche Alle-aufs-Rad-Ideologie nimmt gewaltige Dimensionen an. Dabei ist eine Begrenzung der Verkehrsplanung nur aufs Fahrrad auch nicht die Lösung, zumal die Zahl der Kfz-Zulassungen in der Stadt noch immer weiter steigt. Es kommt auf die richtige Kombination an aus Umweltverträglichkeit, Elektromobilität, ÖPNV- und Carsharing-Angeboten oder eben wahlweise dem Rad.Bei allem „Fahrrad first“-Denken dürfen auch die Kosten nicht ganz außer Acht gelassen werden. Nur fürs zusätzliche Fahrrad-Personal (22 Stellen) will die Stadt ab 2022 jedes Jahr 1,35 Millionen Euro ausgegeben. Davon ist noch kein einziger Kilometer Radweg gebaut, aber das Amt für Verkehr wird für den künftigen neuen grünen Umweltdezernten schon mal mächtig aufgehübscht.Hallo? War da nicht noch was? Gerade hat der Stadtkämmerer vor gewaltigen Corona-Folgekosten gewarnt. Doch Geld scheint beim Thema Rad keine Rolle zu spielen. Ganz nebenbei: Mehr Personal für die Fahrrad-Mobilität gut und schön. Aber wenn man fürs Auto künftig weniger Leute benötigt, könnte man im Amt für Verkehr ja erst einmal Personal umschichten, bevor ordentlich draufgesattelt wird. Aber das ist wahrscheinlich bloß eine laienhafte Betrachtung.  Michael Schläger

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