Warum der Bielefelder Sänger Dave Midnight bei Mobiel derzeit nicht landen kann

Computer schlägt die echte Stimme

Bielefeld

„Die menschliche Stimme mit all ihrer Emotion und Dynamik ist so komplex, dass man sie bis heute nicht vernünftig reproduzieren kann.“ Das sagt der heimische Sänger Dave Midnight („Bielefeld ist supergeil“). Und weil der 36-Jährige hinter seiner These steht, brachte er sich jüngst als professioneller Sprecher bei der Stadtwerke-Firma Mobiel ins Gespräch – um die sachlichen Durchsagen in Bussen und Bahnen der Stadt künftig „vielleicht etwas sexier“ zu gestalten.

Markus Poch

Stadtbahn-Haltestelle Hauptbahnhof: Gerne würde Dave Midnight die Durchsagen Foto: Nicole Lühr

„Eine echte Stimme spricht die Fahrgäste direkt an und vermittelt ihnen ein Gefühl der Wertschätzung“, erklärt Dave Midnight. „Denn die Stimme ist immer geprägt von einem Stimmungs- und Gedankenprozess. Ein Computer kann so etwas nicht. Er hat gar nicht die Ambition, etwas zu erzählen.“ Außerdem werde dass menschliche Organ vom Unterbewusstsein wahrgenommen, was dabei helfe, Botschaften besser zu transportieren.

Um seine Idee zu untermauern, produzierte Dave Midnight ein Testvideo, in dem er die eigene Stimme – sonor und seriös – über die Haltstellen der Stadtbahn schallen lässt. Den Link (www.youtube.com/watch?v=9Cm8rVRmVls) schickte er den Stadtwerken, doch deren Entscheider haben Gründe dafür, bei ihrer fast zehn Jahre alten Version mit der Computer- Stimme zu bleiben.

„Aus aktuellen Anlässen können wir kurzfristig Durchsagen produzieren, ohne Zeit durch Auftragsvergaben und Angleichung unterschiedlicher Datenstandards zu verlieren“, erklärt Stadtwerke-Sprecherin Birgit Jahnke. Diese Tatsache helfe ihnen zum Beispiel, wenn wichtige Aufzüge ausfallen oder es große Stadtbahnstörungen gibt. „Aus Wiedererkennungsgründen für die Kunden möchten wir Durchsagen einheitlich gestalten. Deshalb greifen wir für alle ‚Dauerdurchsagen‘ auf das gleiche Modul zurück und wechseln hier nicht zu einer echten Stimme.“

Von den rund 600 Bus- und Bahnhaltestellen in Bielefeld werden Laut Günter Till, Leiter der Mobiel-Infrastruktur, bei Störungen vor allem die großen und die Tunnelhaltestellen mit Durchsagen beschallt. Dazu gibt ein Mitarbeiter der Leitstelle in Sieker einfach den gewünschten Text ein. Der Rechner verwandelt diesen in Sprache, die sich je nach Anlass höher oder tiefer, schneller oder langsamer einstellen lässt. Generell tendiere Mobiel eher zur weiblichen Stimme.

„Das Fahrzeug selbst weiß immer, wo es gerade ist und sagt die neue Haltestelle automatisch aus dem Bordrechner an“, erzählt Günter Till. „Leitstellen-Mitarbeiter können aber auch direkt ins Fahrzeug oder in den Tunnel sprechen.“

Dave Midnight alias David Müller akzeptiert die Philosophie der Stadtwerke. Er lässt sich durch deren derzeit ablehnende Haltung nicht beirren und freut sich auf die nächsten Aufträge. Zuletzt hat er einen Comic vertont, einem schwedischen Banker seine deutsche Stimme geliehen sowie Texte für Telefon-Hotlines und Anrufbeantworter aufgenommen. Er weiß: „Die große Karriere fängt niemals oben an“, und irgendwann trifft er auf den richtigen Promoter.

Seine musikalische Inspiration zieht der Sänger aus Rock, Jazz, Soul und Blues. Künstler, die er verehrt, sind zum Beispiel James Brown, Sam Cook oder Simply Red. Er singt aber auch voller Hingabe Stücke von Reinhard Mey, Udo Lindenberg und Robbie Williams – oder, wie in seiner aktuellen Produktion, von Cat Stevens.

Mit dessen goldenem Oldie „Father and Son“ (1970) arbeitet der Bielefelder einen Teil der schwierigen Beziehung zu seinem früh verstorbenen Vater auf, der ihn musikalisch „auf den richtigen Weg“ brachte. Das Video (www.youtube.com/watch?v=CxL-a_-d_jc ) entstand auf dem Sennefriedhof im Umfeld der väterlichen Grabstätte. Gleichzeitig fühlt er sich über den Song seinem Sohn Marlon (2) sehr verbunden. „Meine Zeit als Underdog ist langsam vorbei“, sagt Dave Midnight. „Ich muss meinem Sohn jetzt ein Vorbild sein.“

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