30 Mediziner und Apotheker aus Bielefeld und Umgebung appellieren an die Europäische Arzneimittelbehörde

„Corona-Impfstoff sofort zulassen“

Bielefeld (WB)

Für Dr. Martin Betge geht es nicht schnell genug: Er möchte, dass der Biontech-Impfstoff in Deutschland sofort freigegeben werden kann. Mit mehr als 30 Mitstreitern – Medizinern, Apothekern, aber auch Lokalpolitikern – setzt er sich dafür ein.

Sabine Schulze

Dr. Martin Betge (vorne rechts) und seine Mitstreiter setzen auf Öffentlichkeit und Druck. Sie sagen: Jeder Tag zählt und möchten am liebsten am Mittwoch mit dem Impfen beginnen. Unzählige Mails hat Betge bereits an Politiker und Behörden auf den Weg gebracht. Foto: Schulze

Eigentlich hatte Betge, in Bielefeld niedergelassener Urologe, sich am Sonntag mit zehn Kollegen auf den Weg nach Amsterdam machen wollen, um dort vor dem Sitz der EMA, der für die Zulassung des Impfstoffes zuständigen Europäischen Arzneimittelbehörde zu demonstrieren. Aber wegen der aktuellen Situation gilt ein Einreiseverbot. Also sammelte er kurzerhand Corona-bedingt und mit behördlicher Genehmigung einige gleichgesinnte Mediziner und Apotheker im heimischen Garten in Leopoldshöhe um sich, um ein Zeichen zu setzen.

„Es wird höchste Zeit für eine Notzulassung des Impfstoffes von der Firma Biontech bei uns in der Europäischen Gemeinschaft, so wie das bereits heute in den USA, vor zwei Tagen in Kanada und am 2. Dezember 2020 im Vereinigten Königreich geschehen ist“, haben Betge und zahlreiche Unterzeichner in einem offenen Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn, Biontech-Chef Ugur Sahin und die irische Pharmazeutin Emer Cooke, Chefin der EMA geschrieben.

Jeden Tag stürben in Deutschland bis zu 600 Menschen an Covid, europaweit seien es täglich bis zu 4500 Personen. „Die Infektionszahlen sind riesig hoch, wir stehen vor einem erneuten totalen Lockdown. Jeder Tag zählt, eine weitere Verzögerung der Freigabe des Impfstoffes ist unverantwortlich“, mahnt Betge.

Bei einem Einsatz des Impfstoffes gäbe es keine weiteren Todesfälle der Geimpften und keine schweren Verläufe mehr, sind Betge, Prof. Dr. Peter Hirnle, Chefarzt der Strahlentherapie im Klinikum Bielefeld, Dr. Tim Niedergassel, Dr. Axel Grube oder etwa Apotheker Rainer Schwöppe überzeugt.

Der Impfstoff, der im benachbarten Halle bei Baxter im Auftrag von Biontech und Pfizer produziert werde, sei sicher und effektiv: Er berge deutlich weniger Gefahren als ein herkömmlicher Eiweißimpfstoff, als ein DNA- oder ein Lebend­impfstoff. Zudem seien die Impfzentren eingerichtet und die Logistik organisiert. Einem Impfstart stünde also nichts entgegen, sagen Betge und seine Kollegen.

Der Mediziner ist überzeugt, dass die Freigabe des Impfstoffes durch die EMA ohnehin am 27. oder 29. Dezember erfolge. „Warum dann also noch warten? Warum nicht sofort?“ Mitstreiter Grube ergänzt: „Neue Erkenntnisse wird die EMA in den kommenden zehn Tagen nicht gewinnen.“ Für den Kieferchirurgen und seine Mitarbeiter würde der Impfstoff zudem mehr an Sicherheit bedeuten: Abstand zu ihren Patienten können sie nicht halten.

Mit juristischen Argumenten wollen sich die Mediziner nicht abspeisen lassen: Wenn die EMA den Corona-Impfstoff freigäbe, läge die Produkthaftung (anders als bei einer Notzulassung) beim Hersteller. Immerhin aus dem NRW-Gesundheitsministerium kam Antwort: Da die Effektivität des Impfstoffes von der Akzeptanz abhänge, dürfe man sich keine Fehler erlauben. Man bittet um Geduld

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